Immer mehr solcher Lastenfahrräder, wie es hier die Studentin Annchristin Weiß demonstriert, sind in der Dortmunder Innenstadt zu sehen. Und es sollen noch mehr werden. IHK und Wirtschaftsförderung starten jetzt wieder Testwochen. Unternehmen können sich verschiedene Modelle ausleihen. © Stephan Schütze
Mobilität

Warum gerade jetzt immer mehr Lastenfahrräder in der City zu sehen sind

In der Dortmunder Innenstadt sind immer mehr Lastenfahrräder zu sehen. Die unterschiedlichen Modelle unterscheiden sich deutlich und fallen auf. Warum Cargo-Bikes gerade jetzt boomen.

Seit Jahren schon versuchen die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund und die Wirtschaftsförderung der Stadt eine neue Form der Mobilität für die Wirtschaft nutzbar zu machen: den Einsatz von Lastenfahrrädern, die wie E-Bikes mit eine Akku ausgestattet sind und den Fahrer beim Trampeln unterstützen.

Nach der erfolgreichen Pilotphase im vergangenen Jahr weitet Cargo-Bike Dortmund, so heißt die gemeinsame Initiative von IHK und Wirtschaftsförderung, das kostenlose Test- und Beratungsangebot für Dortmunder Betriebe jetzt noch aus. Unternehmen aller Größen und aus allen Branchen können sich die Schwerlastenräder kostenlos ausleihen und die Vorzüge neuer Mobilität eine Woche lang kennenlernen.

„Die Mobilität wird sich für unsere Mitgliedsbetriebe in den nächsten Jahren deutlich verändern. Besonders im Stadtverkehr kann man mit dem Lastenrad Kosten, Zeit und gleichzeitig Emissionen einsparen“, macht Wulf-Christian Ehrich, stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer, deutlich.

Prototyp sieht aus wie eine Mini-Sprinter

Richtete sich der Blick vor einem Jahr noch sehr auf Handwerksbetriebe, die für Baustellen im Innenstadtbereich auch Cargo-Bikes einsetzen könnten, so werden jetzt ganz andere Einsatzmöglichkeiten ins Visier genommen – vor allem auch, weil das Lastenrad rasant weiter entwickelt wird.

Das Transportvolumen wird immer größer und ein Prototyp des Bochumer Jungunternehmens Antric sieht wie ein Mini-Sprinter aus. Es gibt ein Dach und eine Windschutzscheibe, die den Fahrer oder die Fahrerin bei Wind und Wetter schützen. „Um Pakete in dicht besiedelten Innenstadtbereichen auszuliefern, ist ein solches E-Lastenradmodell ideal“, sagt Firmengründer Eric Diederich.

Start in die Carbo-Bike-Testwochen in Dortmund (v.l.): Friedrich-Wilhelm Corzilius, Eric Diederich, Annchristin Weiß, Stefan Peltzer, Wulf-Christian Ehrich, Michael Arndt, Ralf Finger und Holger Reddehase.
Start in die Carbo-Bike-Testwochen (v.l.): Friedrich-Wilhelm Corzilius, Eric Diederich, Annchristin Weiß, Stefan Peltzer, Wulf-Christian Ehrich, Michael Arndt, Ralf Finger und Holger Reddehase. © IHK/Stephan Schütze © IHK/Stephan Schütze

Und die Paketbranche hat tatsächlich schon das Lastenrad für sich entdeckt. Seit einigen Monaten setzen UPS, DPD, GLS und auch Amazon bei der letzten Meile in der City auf die herkömmlichen, elektrisch unterstützten Lastenräder, die vorne eine riesige Transportbox haben.

Mikrodepot am Ostwall als Modellversuch

In einem Modellversuch, der bis Februar 2022 läuft, wird die Feinverteilung von einem Mikrodepot am Ostwall vorgenommen. Es wurde dort auf der Nebenfahrbahn südlich der Agnes-Neuhaus-Straße eingerichtet. Entsprechend sind in der Stadt inzwischen also verhältnismäßig viele Lastenräder unterwegs.

Schon in naher Zukunft könnten es auch die Komfort-Räder der Firma Antric sein. „Die Stoppdichte ist für den sinnvollen Einsatz eines Lastenrads entscheidend. Und die ist für Paketdienste in Innenstädten sehr hoch. Deshalb möchten wir unsere Modelle, die auch als Fahrrad gelten und für die man keinen Führerschein braucht, nächstes Jahr in Serie produzieren“, sagt der Antric-Geschäftsführer Eric Diederich.

Und was für Paketdienste gilt, gilt auch für Pflegedienste. „Auch die können in Innenstadtbereichen Lastenräder gut nutzen, haben dann keine Probleme mehr mit der Parkplatzsuche und könnten durch das Umsteigen richtig Geld sparen“, ist Stefan Peltzer von der IHK überzeugt.

Angebote und Nutzergruppen finden zueinander

Der Markt entwickle sich auf jeden Fall enorm. „Zig Start-ups sind in Deutschland dabei, immer mehr Angebote zu schaffen. Die Angebote und die Nutzergruppen bewegen sich aufeinander zu“, so Stefan Peltzer. Momentan koste ein großes E-Schwerlastenfahrrad noch 10.000 Euro, über Förderprogramme sei aber ein Anschaffungspreis von 5600 Euro möglich.

Bisher, so schätzt Ralf Finger von der Wirtschaftsförderung, setzen in Dortmund rund 20 bis 30 Unternehmen Lastenräder zu gewerblichen Zwecken ein. „Die Räder müssen nicht angemeldet werden, deshalb ist es genau nicht zu beziffern“, sagt er. Auch Einzelhändler würden auf jeden Fall für Lieferungen im Innenstadtbereich diese Alternative zum Auto vermehrt nutzen.

Einer der interessierten Unternehmer, der jetzt im Rahmen der Testwochen von Cargo-Bike Dortmund ein Lastenrad in der Innenstadt testen wird, ist Michael Arndt, Geschäftsführer der Michael Arndt Systemintegration GmbH.

„Die Auslieferung sowie die Montage- und Servicedienstleistungen für hochwertige Medientechnik lassen sich auch mit dem Lastenrad abwickeln. Gerade bei Kunden in der Innenstadt oder in Wohngebieten müssen wir oft weit weg parken und viel schleppen. Mit dem Lastenrad wird dieses Problem nicht auftreten und wir haben alle Werkzeuge, Ersatzteile und Messgeräte nahe bei und im Blick“, sagt er.

Testwochen werden jetzt wissenschaftlich begleitet

Um für die Zukunft neue wichtige Erkenntnisse zu gewinnen, werden die neuen Testwochen wissenschaftlich begleitet. „Vorteile und Hindernissen sehen von Branche zu Branche sehr unterschiedlich aus. Wir schauen uns im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit zusätzlich die konkreten Hindernisse und das Potenzial zweier Branchen genauer an. Deshalb können wir im Moment Pflegediensten und Einzelhändlern, die sich bei uns melden, sogar noch ein erweitertes Angebot machen“, erläutert Wulf-Christian Ehrich.

Friedrich-Wilhelm Corzilius, Geschäftsbereichsleiter Kundenservice bei der Wirtschaftsförderung Dortmund, nennt weitere Pluspunkte: „Das Lastenrad kann den Fuhrpark für viele Betriebe sinnvoll ergänzen. Das Potenzial steckt nicht nur in klassischen Lieferfahrten, sondern in allen Außenterminen mit Kunden oder Besorgungsfahrten.“ Zudem, so betont Corzilius, können die Räder meist von fast allen Mitarbeitern genutzt werden und treffen den Zeitgeist: „Neben den ökonomischen Vorteilen benötigt man keinen Führerschein für das Lastenrad.“

Start der Testwochen

Ein Cargo-Bike ausleihen und testen

  • Cargo-Bike Dortmund setzt sich seit mittlerweile sieben Jahren für die sinnvolle Integration von Lastenrädern in den Dortmunder Wirtschaftsverkehr ein.
  • Die Grundlage hierfür bildet eine Beratung der Unternehmen. Alle Interessenten werden zunächst umfassend informiert und erhalten wichtige Hinweise, welches der insgesamt vier E-Lastenradmodelle am besten geeignet ist und wie das Rad in den Geschäftsprozess sinnvoll integriert werden kann.
  • Ansprechpartner bei der IHK und Wirtschaftsförderung sind: Stefan Peltzer, Mail: p.peltzer@dortmund.ihk.de, Tel. (0231) 5417-146 und Ralf Finger, Mail: Ralf.finger@stadtdo.de, Tel. (0231) 50-29212
Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle
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