Was bleibt von der Kultur? „Sex and Drugs and Rock’n’Roll geht weiter“

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Die Kultur ist im Lockdown, wahrscheinlich über den November hinaus. Was wird von Dortmunds Kulturlandschaft übrig bleiben. Auf vier Dinge kommt es jetzt besonders an.

Dortmund

, 16.11.2020, 14:11 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Alltag von Kulturdezernent Jörg Stüdemann und Hendrikje Spengler, Leiterin des Kulturbüros, hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie grundlegend verändert.

Statt in ihren Entscheidungspositionen ein lebendiges Kulturjahr zu begleiten und zu gestalten, geht es aktuell nur um eine Frage: Wie kann die kulturelle Substanz Dortmunds erhalten bleiben, wenn überall Einnahmen wegbrechen?

Ein Gespräch mit Stüdemann und Spengler im Lockdown-November hinterlässt das Gefühl: Es kann gelingen, möglichst viel von Dortmunds kultureller Vielfalt zu retten. Aber es wird ein schwieriger Weg dorthin. Nicht alle werden ihn schaffen.

Kulturbüro-Leiterin Hendrikje Spengler mit Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann bei ihrer offiziellen Amtsübernahme im September 2019.

Kulturbüro-Leiterin Hendrikje Spengler mit Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann bei ihrer offiziellen Amtsübernahme im September 2019. © Stadt Dortmund

Es gibt vier Themen, denen jetzt besondere Bedeutung zukommt.

1. Die Förderprogamme und Rettungsschirme

Bund und Land haben verschiedene Rettungsschirme für Theater, die Clubszene oder selbstständige Kunstschaffende aufgespannt. Anders als in der Finanzkrise 2009 werde Kultur nicht als etwas gesehen, das man einfach wegsparen kann, so die Beobachtung von Kulturdezernent Jörg Stüdemann. „Das erleichtert uns auf kommunaler Ebene die Welt. Denn im Alleingang würden wir es kaum schaffen.“

In Dortmund gibt es eine Fördermittelsicherheit für alle Künstler und Einrichtungen. Das bedeutet: Was bewilligt worden ist, wird auch gezahlt. „Es ist eine glückliche Fügung gewesen, dass wir schon in den vergangenen Jahren die Mittel für die freie Szene erhöht haben“, sagt Kulturbüro-Chefin Hendrikje Spengler.

1,4 Millionen Euro mehr waren es schrittweise 2018. Das hilft nun Einrichtungen wie Domicil oder Depot Einnahmenverluste abzufedern.

Damit sich Künstler nicht dem Vorwurf aussetzen müssen, dass sie Geld erhalten, ohne dafür eine Leistung zu erbringen, mussten sie alternative Konzepte vorlegen. „Teilweise haben wir Corona genutzt, um Dinge zu machen, die wir schon immer mal machen wollten“, sagt Hendrikje Spengler.

Mit rund 15 Millionen Euro für die nächsten fünf Jahre greift die städtische Wirtschaftsförderung den Clubs und Veranstaltungsstätten finanziell unter die Arme. Jörg Stüdemann sagt deutlich: „Es ist 2021/22 nicht vorbei. Selbst wenn die Krankheitsthematik nicht mehr drin ist, werden die wirtschaftlichen Folgen zu spüren sein.“

2. Die großen Dampfer: Was wird aus dem U, Theater und Bibliothek?

Sämtliche Ausstellungspläne für die Dortmunder Museen sind durcheinandergeraten. Deshalb stehen die Kultur-Entscheider jetzt vor grundlegenden Fragen: Was können und sollten wir uns noch leisten?

Groß-Projekte wie die „Studio 54“-Ausstellung im U stehen in Frage. Gerade jetzt kann sich Dortmund nach dem Pink-Floyd-Flop 2019 kein weiteres Risiko-Geschäft leisten.

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Bei den Museen sind die Einnahmeeinbußen laut Jörg Stüdemann „überschaubar“. Aber auch nur, weil große Ausstellungen schon im Frühjahr auf 2021/22 verschoben worden sind.

Ähnliches gelte für das Theater, das außerdem noch von einem Hilfsprogramm des Landes profitieren könnte. „Wir schließen in den Kulturbetrieben gut ab. Aber es hat auch vieles nicht stattgefunden“, sagt der Kulturdezernent.

Einige Kennzahlen aus städtischen Kulturstätten verdeutlichen das. In die Museen kamen nur 25 Prozent der Besucher eines normalen Jahres. Die Volkshochschule hatte nur ein Drittel der Nutzer. In der Stadt- und Landesbibliothek ist der Betrieb auf ein Minimum heruntergefahren.

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Rudolf Preuss, Leiter des freien Kulturzentrums Balou in Brackel, spricht für den Bereich Erwachsenenbildung von einem Einbruch von bis zu 85 Prozent. Sollte der Normalbetrieb nicht wieder möglich sein, würde das Geld circa bis Mai 2021 reichen.

3. In der Krise lernt Dortmund seine Kultur noch einmal neu kennen

Davon, was und wer eigentlich alles zur Kultur in Dortmund dazu gehört, gab es auch vor Corona schon eine Vorstellung. Aber wenn alles auf Null steht, ergibt sich ein neuer Blick.

Da ist beispielsweise ein russischer Kulturverein, der seit mehreren Jahrzehnten ein Weihnachtsfest im Dietrich-Keuning-Haus veranstaltet. Der Verein war immer finanziell unabhängig, weil er die Einnahmen von Weihnachten hatte. Nun hat die Vorsitzende erstmals um Unterstützung durch das Kulturbüro gebeten, weil sonst das Vereinsleben zusammenzubrechen droht.

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Von solchen Vereinen gibt es Dutzende. Der Integrationsrat hat gerade erst im Rat auf die Schieflage von Kulturvereinen aus den migrantischen Communities in Dortmund hingewiesen. Bis zu 350.000 Euro könnte die Stabilisierung dieses Bereichs pro Jahr erfordern, hat Jörg Stüdemann, der auch Stadt-Kämmerer ist, errechnet.

Sichtbar wird gerade außerdem die Bedeutung der Chor- und Vokalmusik in Dortmund. „Wir sind die Chorhauptstadt Nordrhein-Westfalens. Und so viele junge Leute, die in der Chormusik unterwegs sind, hat sonst kaum noch eine andere Stadt“, sagt Stüdemann.

All diese Chöre können seit Monaten nicht proben. Die Stadt Dortmund sammelt deshalb gerade Hinweise auf Räume, in denen corona-konforme Gesangsproben möglich wären und möchte diese an Chöre vermitteln.

Es gibt in Dortmund außerdem etwas, das Jörg Stüdemann eine „neue urbane Kultur“ nennt und so beschreibt: „Dinge, die mit Rap-Musik, Elektronik, Digital-Gefummel, Gaming oder Kulturvermittlung zu tun haben. Eine wilde Gemischlage, die sich wie in jeder großen Stadt immer wieder neu als Pop-Kultur entwickelt“.

Hier sind Strukturen anders als in der bildenden Kunst oder im Theater. Aber auch diese Einrichtungen brauchen Unterstützung. „Das städtische Kulturleben besteht nicht nur aus denen, die du schon immer in der Förderung hattest, sondern es kommen immer Veränderungen zum Tragen“, sagt Jörg Stüdemann.

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Konkret führt das zu zwei Vorhaben. Das Dortmunder U soll als „größter Dampfer“ den kleinen Livemusik-Club Rekorder an der Gneisenaustraße finanziell unterstützen. Außerdem soll ein Rettungspaket für die Programmkinos wie Roxy oder Sweet Sixteen auf die Beine gestellt werden.

Darüber hinaus wird gerade deutlich, wie viele Kunstschaffende, Techniker oder Verleiher vom Kulturprogramm in der Vorweihnachtszeit abhängen.

4. Die große Frage: Kommt der Spaß jemals wieder?

Beim Gespräch in Jörg Stüdemanns Büro in der 7. Etage im Stadthaus gibt es einen interessanten Moment. Hendrjkje Spengler spricht darüber, was aus Sicht vieler Kulturschaffender passieren wird.

„Es wird eine Art Paradigmenwechsel in den Köpfen des Publikums geben, die Veranstaltungsbranche wird unter anderen Gegebenheiten arbeiten. Ist es in einigen Jahren noch adäquat, wenn wir in Konzerten mit 20.000 Menschen eng zusammenstehen?“, fragt sie.

„Na logisch“, wirft Jörg Stüdemann da ein. Er verweist auf die Pandemieereignisse und zwei Weltkriege im zurückliegenden Jahrhundert. „Die Menschen vergessen glücklicherweise schnell und sind hinterher immer wieder ins Theater und in Konzerte gegangen, sie wollten sich amüsieren. Sex and Drugs and Rock’n’Roll geht weiter“, sagt er mit einem Lachen. „Das kriegt niemand raus, nicht einmal das blöde Corona.“

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Das sind zumindest starke Worte gegen die Frustration, die sich bei vielen Kunstschaffenden durch die zweite Beschränkung im November breit gemacht hat. Hendrikje Spengler macht allerdings einen Wandel in der Stimmung aus.

„Jetzt kommt eine ganz gute Krawalligkeit mit da rein. Wut erzeugt Kraft“, sagt sie. Aus einem „Ich gebe nicht auf“-Gefühl wenden sich viele Künstlerinnen und Künstler mit Ideen an das Kulturbüro. „Das sind die freudigen Momente meiner Arbeit in dieser Zeit“, sagt Spengler.

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