Corona polarisiert. Auch bei weihnachtlichen Familienfeiern kann das Streit heraufbeschwören, wenn ein Corona-Leugner mit am Tisch sitzt. © dpa
Experten-Ratschlag

Was tun, wenn Weihnachten ein Corona-Leugner mit am Familientisch sitzt?

Weihnachten ist das Fest der Harmonie. Doch wie soll man reagieren, wenn ein Corona-Leugner mit am Tisch sitzt und die Familienfeier zu sprengen droht? Wir haben einen Experten gefragt.

Das Thema Corona polarisiert. Gespräche mit Corona-Leugnern sind schwierig; denn schnell gehen die Emotionen hoch, wenn es um das Virus und seine Bekämpfung geht. Kritiker der Corona-Regeln sind schnell als „Covidioten“ abgestempelt, und umgekehrt gelten Befürworter bei den Verschwörungstheoretikern als „Schlafschafe“, die nicht den groß angelegten Schwindel dahinter erkennen.

Wenn solch eine krude Sichtweise unvermittelt beim Weihnachtsessen auf den Tisch kommt, kann das den anderen im besten Fall den Appetit verderben. Noch eher kann es einen heftigen Familienstreit heraufbeschwören. Und das Risiko ist nicht klein, wenn der Onkel oder die Nichte plötzlich an Chemtrails und das 5G-Syndrom glaubt.

Die „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem vergangenen Jahr hat gezeigt, dass 46 Prozent der deutschen Bevölkerung glauben, es gebe geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Und da wusste man noch gar nichts von Corona. Mittlerweile kursieren Verschwörungsmythen nicht nur in dubiosen Internetforen, sondern auch in der Familie und im Freundeskreis fallen fragwürdige Bemerkungen.

Offener Bruch oder Deeskalation

Doch was tun, wenn an Heiligabend nicht nur die Weihnachtsgeschichte erzählt wird, sondern auch die vom Kinder fressenden Bill Gates, der mit Zwangsimpfungen die Weltbevölkerung dezimieren will?

Prof. Dr. Peter Wiedemann hält solch ein Szenario zu Weihnachten nicht für unwahrscheinlich. Wiedemann ist Psychologe und Experte für Fragen der Risikokommunikation und arbeitet als Dialoggestalter für die Dortmunder IKU-GmbH. IKU gestaltet zwar in erster Linie Dialogprozesse für öffentliche Auftraggeber, aber Wiedemann hat auch Erfahrung in gesprächszentrierter Psychotherapie.

Prof. Dr. Peter Wiedemann gibt Ratschläge, wie man der Diskussion mit Corona-Leugnern in der Familie begegnet.
Prof. Dr. Peter Wiedemann gibt Ratschläge, wie man der Diskussion mit Corona-Leugnern in der Familie begegnet. © privat © privat

„Die entscheidende Frage ist, will ich den Konflikt eskalieren lassen und einen offenen Bruch herstellen oder will ich das vermeiden“, sagt er, „in der Regel will man das an diesem Tag vermeiden.“

Zum Umgang mit Corona-Leugnern müsse man sich klarmachen, „das Argumentieren nicht großartig was bringt. Wir glauben, was wir glauben und halten das für richtig. In der Psychologie nennt man das Bestätigungsfehler“, so Wiedemann. In einer Situation wie der weihnachtlichen Familienfeier knalle dieses Verhalten besonders aufeinander.

Gemeinsamkeiten suchen

Einen Fahrplan, den man dann abarbeiten könne, gebe es nicht, sagt der Experte. Doch er rät in solch einer Situation, die Sache von der Person zu trennen und sein Gegenüber nicht wie einen Idioten zu behandeln, sondern mit Respekt.

Man solle versuchen, die Gemeinsamkeiten mit dem Gegenüber zu finden und fragen: „Wovon können wir ausgehen? Glauben wir an die Wissenschaft und die gute Absicht der Bundesregierung? Was sind die drei Prozent, die wir gemeinsam haben?“

Dabei gelte es, die Differenzen möglichst konkret zu fassen, rät Wiedemann: „Geht es um Impfung? Ist die gut oder schlecht?“ Dann könne man darauf hinweisen, dass die Impfung gegen Kinderlähmung ein großer Erfolg ist.

Vor der Explosion eine Sperre einbauen

Am Ende stehe das Ergebnis: „Okay, hier sind wir verschiedener Ansicht. Das müssen wir akzeptieren.“ An diesem Punkt lasse sich das Streitgespräch schließen, sagt der Psychologe. Klappt das nicht, müsse man eine Sperre einbauen, bevor es zur Explosion kommt.

Das könnte zum Beispiel eine Pause sein mit der Ansage: „Wir sollten die Auseinandersetzung vertagen. Wir müssen nicht heute darüber reden, aber morgen oder übermorgen.“ Wiedemanns Empfehlung: An den Uneinsichtigen appellieren, dass es im Interesse der Gruppe ist, die Diskussion zu verschieben. Ansonsten bliebe wohl nur die Aufhebung der Familienfeier.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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