Wenn die große Schwester Jugendlichen bei der Berufswahl unter die Arme greift

mlzNordwärts-Projekt

Jugendliche mit Migrationshintergrund leben oft in abgeschlossenen Gemeinschaften, die ihnen bei der Berufswahl den Horizont verstellen können. Darum kümmert sich ein Nordwärts-Projekt.

Scharnhorst, Eving

, 14.08.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit dem 1. Juli gehört das Nordstadtbüro an der Mallinckrodtstraße 2 zum Nordwärts-Projekt, und es bietet etwas an, das es bereits seit 2012 gibt: „ABI/ABLA-Prinzip“ heißt das, was Aysun Tekin vom Verein „Unternehmen.Bilden.Vielfalt“ (UBV e.V.) anbietet. Angesprochen sind Jugendliche an der Schwelle von Schule und Beruf - in erster Linie mit Migrationshintergrund - im gesamten Nordwärts-Gebiet, also auch in Scharnhorst und Eving. Wir haben mit Aysun Tekin (47) und Hubert Nagusch (62), Fachkoordinator bei Nordwärts, ein Eis gegessen.

Hallo Frau Tekin, hallo Herr Nagusch, was bedeutet ABI oder ABLA?

Abi heißt „großer Bruder“, Abla heißt „ große Schwester“ auf Türkisch. In arabischen und auch türkischen Gemeinschaften ist es so, dass das Wort einer Abla oder eines Abi viel gilt und gerne angenommen wird.

Warum brauchen Jugendliche mit Migrationshintergrund denn überhaupt Hilfe?

Sie leben oft sehr innerhalb ihrer Communities und erhalten ihre Impulse aus der deutschen Zivilgesellschaft oder über die technischen Entwicklungen in Berufen meist nur über die Schule und deutsche Freunde, dabei sprechen sie meist akzentfrei Deutsch und haben passable Zeugnisse. Oft kommen finanzielle Abhängigkeiten von der Familie oder Schulden hinzu. Wir erklären ihnen dann, dass es eben nicht nur den Gemüseladen von Onkel Hakan oder das türkische Reisebüro als Jobperspektive gibt.

Wie viele Jugendliche betreuen Sie denn?

2019 waren es bisher 173, davon 95 Prozent mit Migrationshintergrund. Davon besuchen 26 inzwischen eine weiterführende Schule, haben ein Studium begonnen, gehen zur Bundeswehr oder machen ein Freiwilliges Soziales Jahr, 6 gehen einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach und 57 haben einen Ausbildungsvertrag unterschrieben.

Beschreiben Sie doch mal einen typischen Jugendlichen, der zu Ihnen kommt.

Na, vielleicht ein 18-Jähriger, der vor drei Jahren seinen Hauptschulabschluss gemacht hat, damals viele Fehlzeiten hatte, als faul galt und seither vielleicht am Berufskolleg war, aber dort noch schlechtere Schulnoten erreichte. Oft sind es übrigens die Eltern, die Jugendlichen unnötigen Druck machen. Sie wollen, dass ihre Kinder es einmal besser haben als sie selbst. Deswegen drängen sie ihre Kinder manchmal in ein Studium, das die aber gar nicht wollen.

Wie gehen Sie weiter vor?

Wir führen ein Beratungsgespräch mit dem Jugendlichen. Wenn er bei unserem ABI/ABLA-Prinzip mitmacht, muss er Workshops besuchen, in denen er zum Beispiel lernt, wie man sich im Vorstellungsgespräch verhält - zum Beispiel, dass man als Mädchen nicht mit kurzem Rock und superlangen Fingernägeln antritt und dass man sich vorher über die Firma informiert, bei der man sich bewirbt.
Aber Sie erreichen nicht alle Jugendlichen, oder?

Das entscheidet sich meist nach zwei oder drei Sitzungen. Ich bin stolz auf einen totalen Schulverweigerer, der seine Sozialstunden bei uns ableisten musste; dafür habe ich gesorgt. Nach einiger Zeit war er so gut in Mathematik, dass er selbst Nachhilfe geben konnte. In der Schule hat er dann auf dem Abschlusszeugnis einen Schnitt von 2,1 erreicht. Oft ist es auch so, dass es den Jugendlichen an Wertschätzung fehlt. Bei uns sind sie eben nicht nur eine Nummer.

Aber wenn Sie einem Jugendlichen zum Beispiel zu einem Ausbildungsplatz verholfen haben, ist Ihr Job beendet, oder?

Nein, dann begleiten wir ihn weiter, damit er nicht ins Leere fällt. Und lassen Sie uns in diesem Zusammenhang und zum Abschluss noch ein Wort zu den Kosten sagen: Ein arbeitsloser Jugendlicher kostet den Steuerzahler 12-15.000 Euro im Jahr. Rechnen Sie mal hoch, für 63 arbeitende Jugendliche sind nun nicht mehr ca. 850.000 Euro im Jahr an Transferleistungen fällig. Dagegen nehmen sich die Projektkosten von ca. 50.000 Euro jährlich bescheiden aus.

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