Wenn es bei der Stromrechnung plötzlich um Leben und Tod geht

mlzStrom, Gas und Co.

Was macht man, wenn plötzlich kein Strom mehr da ist? Oder die Rechnung viel höher ausfällt? Dortmunder berichten von ihren Erfahrungen mit der drohenden Stromlosigkeit.

Dortmund

, 09.11.2020, 16:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als das Schreiben mit der Forderung der Strom-Nachzahlung kam, war sofort der Gedanke um Leben und Tod da: „Wir hatten Angst, dass wir demnächst keinen Strom mehr haben. Wir brauchten doch den Strom für das Sauerstoffgerät meines Mannes“, erzählte die Frau. „Wenn mein Mann zwei Minuten keinen Sauerstoff erhält, bekommt er weiße Nägel und Finger.“

Was war passiert? Das ältere Ehepaar, das unerkannt bleiben möchte, hatte bisher nie Probleme mit der Stromrechnung gehabt und immer pünktlich gezahlt. Und dann flatterte auf einmal eine Nachzahlung von über 900 Euro ins Haus. „Damit hatten wir nicht gerechnet“, sagte die Frau.

Zehnfacher Verbrauch eines Kühlschranks

Auf einmal diese hohe Forderung. Und was war der Grund dafür? Das Sauerstoffgerät. Genau diese Maschine, die der 64-Jährige seit einem Krankenhausaufenthalt im März 2019 benötigt, verbraucht extrem viel Strom. Auf etwa 2500 bis 3000 Kilowattstunden bringt es das Gerät im Jahr. Zum Vergleich: Eine Waschmaschine in einem 2-Personen-Hauhalt verbraucht im Jahr 140 Kilowattstunden, ein Kühlschrank 320 Kilowattstunden.

Jetzt lesen

Natürlich wusste das Ehepaar nicht, welcher enorm hohe Stromverbrauch mit dem Sauerstoffgerät auf sie zukommt. Beide arbeiten nicht mehr. Sie bezieht Hartz 4, er bekommt Unterstützung vom Sozialamt. Die Forderung der Nachzahlung von über 900 Euro konnten sie dementsprechend nicht auf Anhieb bezahlen.

„Im Brief stand, dass wir drei Wochen Zeit haben, um den Fehlbetrag auszugleichen. Das wäre für uns nicht möglich gewesen. Wir haben dann von unserem Vermieter den Tipp bekommen, uns an die Verbraucherzentrale zu wenden“, erzählte die Dortmunderin.

„Viele neigen dazu, solche Probleme auszusitzen“

Der Fall des Dortmunder Ehepaars ist leider keine Seltenheit. Das Thema „Energiearmut“ - damit ist der drohende Verlust von Strom und Co. gemeint - beschäftigt die Verbraucherzentralen ständig. Insgesamt knapp 800 Dortmunder Haushalte hatte die Verbraucherzentrale NRW in den vergangenen Jahren beraten. Oft waren schon Gas- oder Stromsperren angedroht oder bereits vollzogen.

Jetzt lesen

Grund hierfür sind Zahlungsprobleme. „Viele neigen aus Unwissenheit dazu, solche Probleme auszusitzen, oder hätten innerlich schon resigniert. Das macht die Situation oft noch schlimmer“, sagt Claudia Kurz von der Verbraucherzentrale. Daher rät sie: Je früher sich die Menschen mit Zahlungsschwierigkeiten bei der Strom- oder Gasrechnung an uns wenden, desto besser können wir sie unterstützen.

„Ich war sehr erleichtert“

Mithilfe der Verbraucherzentrale konnte das Ehepaar dann eine Lösung finden: Zunächst wurde mit einem Schreiben eine Verlängerung der Frist erreicht. Im weiteren Verlauf kam es dazu, dass beide jeweils ein Darlehen des Sozialamtes bzw. des Jobcenters bekamen. Auf diese Weise können sie nun über monatliche Raten die Nachzahlung abstottern.

„Als wir den Anruf von den Dortmunder Energiewerken bekamen, dass die Überweisung eingegangen ist und damit alles auf den Weg gebracht ist, war ich sehr erleichtert“, berichtete die Frau.

Zudem gibt es eine weitere positive Nachricht für das Ehepaar: Die Krankenkasse bezuschusst künftig das Sauerstoffgerät. Allerdings müssen Betroffene jedes Jahr einen neuen Antrag bei ihrer Krankenkasse für die finanzielle Unterstützung stellen.

Nachzahlung über 2000 Euro

Auch ein Ehepaar aus Körne hatte Probleme mit der Stromrechnung. Vor zwei Monaten flatterte auf einmal eine saftige Nachzahlung ins Haus - über 2100 Euro sollten die beiden zurückzahlen. „Meine erste Reaktion war: ‚Scheiße‘. Ich dachte, da ist bestimmt ein Tippfehler oder Ähnliches. Also erkundigten wir uns bei unserem Stromanbieter“, erzählt die selbstständige Frau.

Jetzt lesen

Das Ergebnis war unerwartet und schockierend zugleich: In den Jahren 2017 und 2018 wurde der Stromverbrauch nur geschätzt. Da nun aber für das vergangene Jahr der wirkliche Verbrauch bemessen wurde, explodierte die Nachzahlung.

Dass die Stromdaten davor nur geschätzt wurden, wusste das Ehepaar, die beide selbstständig sind, nicht. „Es kam immer ein Beauftragter von unserem Energieversorger zum Ablesen vorbei. Auf Nachfrage erklärte man uns allerdings, dass der Mann lediglich den Stand des Wasserzählers ermittelt hat - Strom und Gas wurden außer Acht gelassen.“

„Wir haben daraus gelernt“

Deshalb ergab auch die Nachfrage, dass die Nachzahlung in der Höhe berechtigt ist. Allerdings hinterließ die einsilbige Antwort auf das Nachhaken des Ehepaars einen faden Beigeschmack. „Ich hätte mir mehr Transparenz gewünscht. Eine Prüfung unserer Situation sollte doch möglich sein. Aber wir bekamen eine Antwort ohne konkrete Hinweise.“

Das Ehepaar aus Körne bekam eine unerwartete hohe Strom-Nachzahlung von über 2000 Euro.

Das Ehepaar aus Körne bekam eine unerwartet hohe Strom-Nachzahlung von über 2000 Euro. © Schaper

Der Hintergrund: In den Vorjahren war aus der Stromrechnung ersichtlich, dass der Verbrauch nur geschätzt wurde - der kleine Buchstabe „m“ wies darauf hin. „Aber woher soll man das wissen? Da sind Zahlen über Zahlen. Da haben wir nicht drauf geachtet. In Zukunft werden wir penibler hinschauen. Wir haben daraus gelernt“, sagt die Frau, die als Masseurin arbeitet.

Mittlerweile sind sie und ihr Mann dabei, die Nachzahlung in Raten abzustottern. Besonders dankbar war das Ehepaar über die Beratung bei der Verbraucherzentrale. „Das war sehr effektiv. Wir wussten in dem Moment, als wir dort waren, wie es weitergeht und was der nächste Schritt ist. Es brauchte keinen Briefverkehr oder Ähnliches.“

Jetzt lesen

Service

„NRW bekämpft Energiearmut“ ist ein Projekt bei der Verbraucherzentrale NRW. Unter folgendem Link gibt es weitere Informationen - gerade wie mit Zahlungsschwierigkeiten in Corona-Zeiten umgegangen werden kann.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt