"Wer sich positiv zu Europa bekennt ist ein Verräter"

Dortmunder in Athen

Die Proteste gegen die Sparauflagen in Griechenland werden immer drastischer, die Stimmung gegen die Deutschen immer aggressiver. Wirklich? Ein Dortmunder in Athen berichtet.

10.11.2012, 04:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Roggenkamp, der in Münster und Bochum studiert hat, stellt klar: „Es gibt eine Wut auf die Deutschen“, aber die Wut auf die griechische Regierung sei ebenso groß. „Viele Menschen sind dankbar, dass Europa da ist. Nur trauen sich die oft nicht, das zu sagen, weil sie sonst als Verräter dastehen.“  Bei seiner täglichen Arbeit bekomme er aber eben auch „sehr positives Feedback und eine große Dankbarkeit für die Stipendien“, wie er sagt. Und das Interesse am Studienort Deutschland wachse rasant: Die Bewerbungen für ein Stipendium in Deutschland hat sich im letzten Jahr verdoppelt. „Die jungen Menschen hier interessieren sich für Deutschland und wollen dorthin“, schreibt er nach dem Telefonat per Mail. Denn während sich die Stimmung gegenüber den Deutschen in einem Jahr kaum verändert habe, sei die wirtschaftliche Veränderung gravierend. Geschäfte schließen, er sehe mehr Bettler auf den Straßen, die Zahl der Drogenabhängigen, Aids-Kranken, der Selbstmorde und Einbrüche sei explodiert erzählt er. Kein Wunder, dass junge Menschen das Weite suchen.

Roggenkamp zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die vom Sparen krank geworden ist – „es geht hier ans Eingemachte“, sagt er. Die Polemik mancher deutscher Politiker in dieser Situation findet er völlig unangebracht.„Das ist so, als würde Deutschland seinen kranken griechischen Freund auf der Intensivstation besuchen und sagen: ‚Hey, du hast mit dem Rauchen angefangen – jetzt musst du deine Medikamente auch selber zahlen‘.“ Und er betont, dass für diese „Medikamente“ ja noch kein Geld geflossen sei. „Es ist eine Bürgschaft, die noch nicht angetreten wurde“. Noch nicht.  Als Deutscher in Athen – also nicht so schlimm, wie man denken könnte. Als Dortmunder hingegen sogar richtig gut. „Der BVB ist hier eine unglaublich positiv besetzte Marke.“ 

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