Mehr Überwachung führt nicht automatisch zu mehr Sicherheit, meint unser Autor. Und widerspricht damit seinem Kollegen. © Oliver Schaper (Archiv)
Meinung

Westpark: Dortmund braucht Lösungen statt Ruf nach mehr Überwachung

Nach den Ereignissen rund um den Westpark fordert manche nach mehr Überwachung in Dortmund. Auch ein Reporter dieser Redaktion in einem Meinungsbeitrag. Sein Kollege widerspricht ihm.

Mehr Überwachung – das ist ein ebenso alter wie einfallsloser Ruf, wenn mal wieder eine aufwühlende Tat wie im Westpark begangen worden ist. Überwachung – allein bei diesem Wort sollte jedem freiheitsliebenden Menschen ein Schauer über den Rücken laufen. Trupps von Polizei und Ordnungsamt, die auf dem Westenhellweg patrouillieren – rätselhaft, wie man sich so ein Bild dauerhaft wünschen kann.

Die Corona-Pandemie hat Einschränkungen von Grundrechten notwendig gemacht. Dafür brauchte es Beamte, die die Einhaltung der Maßnahmen kontrollieren. Doch es ist gut, wenn sie bald nicht mehr so präsent im öffentlichen Raum sind.

Daran ändern auch die Vorkommnisse an der Möllerbrücke und der tödliche Schuss im Westpark nichts. Wer aufgrund dieser Ereignisse mehr Überwachung und eine harte Hand fordert, hat das Problem nicht verstanden.

Die Zahl der Gewaltstraftaten sinkt in Dortmund

Vergleicht man die Jahre 2011 und 2020, ist die Zahl der Gewaltstraftaten in Dortmund um mehr als ein Viertel gesunken. Das ist ein Fakt. Aber mit Gefühlen macht man es sich logischerweise leichter, weil so eine Tat wie im Westpark natürlich aufwühlt. Wenn man nun aber so tut, als würde in Dortmund überall die Gewalt aufflammen, die sich nur mit mehr Überwachung wieder eindämmen ließe, befeuert man die Unsicherheit nur zusätzlich.

In solchen Fällen wird gerne mit anderen Zahlen herumgeworfen, um ein Gefühl zu belegen. Zum Beispiel: Düsseldorf ist in etwa so groß wie Dortmund und hat dreimal mehr Ordnungsamtsmitarbeiter. Das klingt natürlich erst mal nach einer riesigen Baustelle und so als müsse Dortmund unbedingt nachrüsten.

Zahlen sind toll für einfache Botschaften, egal wie nichtssagend sie sind

In Wirklichkeit ist diese Zahl allein nichtssagend. Sorgt die höhere Zahl von Ordnungsamtsmitarbeitern in Düsseldorf wirklich für weniger Straftaten als in Dortmund? Für weniger Verstöße? Diese Zahlen fehlen in der Argumentation. Der Effekt lässt sich so nicht beurteilen. Aber Zahlen klingen erst mal gut. Zahlen sind toll, um einfache Botschaften zu verbreiten. Mehr ist schließlich immer besser.

Mehr Polizei + mehr Ordnungsamt = mehr Sicherheit? Diese Gleichung ist schnell aufgestellt und sie klingt ja auch erst mal logisch. Ob sie sich aber wirklich so auflösen lässt, ist fraglich. Denn die Probleme, die hinter der Tat im Westpark stecken, sind nicht leicht zu lösen.

Wenn jemand eine Waffe zieht und einem anderen Menschen im Streit in den Bauch schießt, dann ist das das schreckliche Ende einer Entwicklung. Gegen den mutmaßlichen Täter soll es bereits mehrere Verfahren gegeben haben.

Schrei nach mehr Überwachung ist keine Lösung

Mehr Polizei, mehr Ordnungsamt, mehr Überwachung, härtere Strafen sind aber keine Lösungsansätze. Sie kratzen nur an der Oberfläche der Probleme, die in solch brutalen Taten wie im Westpark für alle sichtbar münden.

Mehr Sozialarbeiter, mehr Bildungsangebote, mehr Prävention sind Lösungsansätze.

Aber bis sie wirken, brauchen sie Zeit und kosten bis dahin Geld. Man wäre besser beraten, über echte Lösungen zu diskutieren, die das Leben für alle besser und sicherer machen, als sich ständig mit diesem Schrei nach mehr Überwachung und Ordnungsmacht aufzuhalten, wenn mal wieder etwas Schlimmes passiert ist.

Alle Probleme einfach weiter in die Nordstadt schieben?

Denn wo sollte die Überwachung mehr werden? Überall? Das wird wohl kaum möglich sein. Polizei und Ordnungsamt können glücklicherweise nicht überall sein, sonst lebten wir tatsächlich in ständiger Überwachung.

Dann nur im Westpark? Das würde dazu führen, dass sich das Problem verlagern würde. Vielleicht in die Nordstadt? Prima, könnte man zynisch sagen, die hat ja ohnehin schon einen schlechten Ruf und Probleme. Aber immerhin könnten die Kreuzviertel-Eltern im Westpark wieder beruhigt spazieren und die Studenten entspannt ihr Bierchen trinken.

Überwachung betrifft alle, nicht nur die, die Straftaten begehen

Wobei, wäre das so entspannt? Denn die Polizei bleibt ja vorerst dort. „Kein Problem, ich habe ja nichts zu verbergen.“ Wer diesen Satz tatsächlich für wahr hält, sollte sich einmal kurz an das Gefühl erinnern, wenn einem zufällig ein Polizeiwagen für längere Zeit hinterherfährt. Man kann angeschnallt sein und vorbildlich fahren, trotzdem fühlt man sich überwacht. Ein gutes Gefühl ist das nicht.

Gäbe es mehr Beamte, würde dieses Gefühl wohl häufiger spürbar, die Probleme lösen, die zu solchen Taten wie im Westpark führen, würde es nicht. Denn für die müsste man schon früher ansetzen.

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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