Wider die Verpipifaxisierung der Welt

25.09.2007, 18:56 Uhr / Lesedauer: 1 min

Lütgendortmund Wenn die Heinrich-Böll-Gesamtschule ihren 25. Geburtstag feiert, steht der Stundenplan Kopf: Am Freitagabend um 19 Uhr bat Wendelin Haverkamp alias Anton Hinlegen zum Deutschunterricht.

"Jetzt seh' ich doch ein bisschen Irritation auf Ihren Gesichtern", stellt "der berühmteste Edukator der Jetzt-Zeit" fest, nachdem er seine graue Strickjoppe übergezogen hat. Schließlich ist das farblose Mode-Unding unverzichtbar am Lehroberkörper (dem pädagogischen Nachwuchs rät Kollege Hinlegen zum Einsatz von "Flicken mit Noppen", um dem "Sehnenabriss beim Wegrutschen vorzubeugen").

Zeit, das Kollegium vorzustellen: Etwa Sportlehrer Kreuzbein, der in seiner Freizeit seltene Fremdwörter sammelt und während der Bundesjugendspiele über "überpromovierte" Schützlinge klagt. Oder Religionslehrer Monsignore Stramm, dessen Maßband beim Weitsprung mit Gottes Hilfe und viel Ananasbowle geradezu unglaubliche Sprungleistungen der Schüler ermittelt.

Mit gemischten Gefühlen erinnert sich Hinlegen an die Musikpädagogin, Fräulein Müller-Siebenknick, die ihn zum Wandertag überreden wollte ("Sie kennen das: Hinten überlegt man eine Ausrede und vorne tut man so, als ob man zuhört - man darf sich nur nicht umdrehen").

Immer wieder bläst er im allgemeinen Sprachdschungel zur Stilblütenjagd: Ob politischer Sprachmurks ("Eliteschulen für alle!"), Mode-Unwörter wie "Leuchttürme der Gesellschaft" ("dagegen sind doch Leute, die im Sinne von 'Geiz ist geil' billigen Elektroschrott aus hässlichen Gebäuden tragen, embryonal") oder Zeitungstitel über die Politikerin Ulrike Flach ("Flach unter Druck") - die "Verpipifaxisierung der Welt" ist Haverkamps Thema.

Zwischendurch greift der Lehr- zum Klangkörper, singt zur Gitarre (jazzig begleitet von Freddy Matulla am Keyboard) über die Romantik der Rechtschreibreform ("Ich mach' dich dem Hof") und postmoderne Selbsthilfestrategien: "Hau dir den Hammer vor die Stirn, Self-Hammering räumt auf im Hirn!" Solch pädagogisch bedenklichen Empfehlungen und der ungewöhnlichen Unterrichtszeit zum Trotz blieb das Publikum bis zum Ende der Stunde aufmerksam. tag

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