150 Menschen sitzen auf dem Alten Markt und meditieren - am Ende muss die Polizei eingreifen. Wer sind die Leute, die sich „Widerstand 2020“ nennen und die die Corona-Gefahren kleinreden?

Dortmund

, 04.05.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Mann mit der Sitar sitzt völlig entspannt auf dem Alten Markt. Scheinbar verloren in sich selbst spielt er eine Musik, die auf dem großen Platz verhallt, aber in ihrer Ruhe doch Aufmerksamkeit fordert. Passanten bleiben stehen, hören ihm zu, wie jedem Straßenmusikanten.

Die Gruppe der Zuhörer wird größer. Menschen lassen sich nieder, lauschen den Klängen mit geschlossenen Augen. Als etwa 150 Menschen sich so versammelt haben, greift der Sitar-Mann zum Mikrofon. Gemeinsam geht es auf Traumreise. Die Teilnehmer sollen vor ihrem geistigen Auge Bilder aufkommen und sie wieder ziehen lassen. Ein Meditationskreis in der Öffentlichkeit, eine Versammlung in einer Zeit, in der es keine Versammlungen geben darf.

Deshalb kommen auch immer mehr Polizisten auf den Alten Markt, Ordnungsamtsmitarbeiter patroullieren ebenfalls. Das gemeinsame Meditieren, wie die Teilnehmer es nennen und zu dem sie sich über Twitter oder Telegramm verabredet haben, ist keine angemeldete Veranstaltung.

Sie ist Widerstand. Ein Aufbegehren gegen geltende Regeln der Corona-Schutzverordnung - und der Zulauf der Gruppe wird immer größer. So steht auf Regenschirmen, die sie bei sich tragen „Widerstand 2020“. Unter diesem Namen wirbt seit Kurzem eine neue Partei für sich - ihre Anschrift im Impressum ist identisch mit der Adresse der AfD Niedersaschen.

Das Label, das sich die Menschen, die eine Bewegung sein wollen, außerdem geben, heißt auch „Nicht ohne uns“.

Teilnehmer aus unterschiedlichen Kreisen

Doch wer sind diese Menschen, die sich bereits am 1. Mai und auch an zwei Samstag zuvor in der Dortmunder Innenstadt oder in Wuppertal versammelt haben? Die Frage zu beantworten, ist schwierig.

Denn die Interessen und das Erscheinungsbild der einzelnen Teilnehmer wirken sehr unterschiedlich - und doch ist ihnen etwas gemein: Sie lehnen die Corona-Regeln ab, sie sehen sie sogar als Repression; das Gerede über Covid-19 sei „eine einzige Panikmache der Systemmedien - aber das dürfen sie ja alles nicht schreiben“, sagt eine Frau, die vom Möhnesee nach Dortmund gekommen ist und als Krankenschwester arbeitet, wenn sie nicht gerade mit anderen „meditiert“. Stattdessen solle man lesen, was es sonst noch so im Netz gebe. Nachrichten aus Russland zum Beispiel.

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Wenn einzelne Teilnehmer so reden, klingen sie wie die Gelbwesten, die nur wenige Meter weiter die Regierung und die Corona-Schutzmaßnahmen ablehnen und die erste Strophe des Deutschlandliedes abspielen.

Verschwörungstheoretiker, neue Rechte oder doch etwas ganz anderes?

Es wäre aber zu billig, sie über den Kamm der neuen Rechten zu scheren. Das hier sind keine Lautsprecher, sie wissen, dass manche ihre Ansichten als Verschwörungstheorie abtun, aber sie in ihrer eigenen Blase glauben fest daran:

Sie fürchten eine Erosion der Demokratie durch die Coronaregeln, und überhaupt sei Corona gar nicht so schlimm.

Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts seien gefälscht, die Wissenschaftler widersprächen sich ständig und eine Antwort auf die nächste Krankheitswelle haben sie auch parat: „Wegen der ganzen Masken, da muss man ja krank werden“, sagt eine Teilnehmerin. Das Mittel, das vor Corona schütze? „Hochdosiertes Vitamin C“, so die Krankenschwester. „Aber es sterben Menschen“, sagt der Reporter. „Die wären sowieso gestorben“, sagt ein Mann.

Auch am 1. Mai „meditierten“ Menschen auf dem Friedensplatz. Die Polizei sprach später Platzverweise aus.

Auch am 1. Mai „meditierten“ Menschen auf dem Friedensplatz. Die Polizei sprach später Platzverweise aus. © Oliver Schaper

Noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Sie fürchten, Corona werde dazu benutzt, Eliten zu fördern. Bill Gates etwa gehöre zu der Elite, der nun „ganz Afrika durchimpfen“ wolle, „wehrlose Kinder“, und es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland die Zwangsimpfung komme.

Die Stimmung verändert sich

Die Stimmung in der Stadt ändert sich, wer am 1. Mai und am Samstag in Dortmund unterwegs war, bekommt immer häufiger solche Stimmen zu hören. Aus #Stayathome, dem zuhause bleiben, wird: Wir gehen auf die Straße. Da gibt es diejenigen, die sich an die Regeln halten, sie melden die Veranstaltungen an, halten Abstand, geben das auch so an ihre Teilnehmer weiter.

Und es gibt die Gelbwesten, die offenen Widerstand wollen und eben die Konfrontation suchen.“ Überhaupt ist die Stadt voller Menschen, die einkaufen wollen, die die Isolation satt haben oder die wollen, dass es wieder andere Themen gibt.

Die Leute von Extinction Rebellion etwa, die fürchten, dass Klimaziele ins Hintertreffen geraten. Sie aber tragen Masken, achten auf die Regeln und darauf, dass ihre Teilnehmerzahl nicht zu groß wird.

Bewegung gaukelt Massentauglichkeit vor

Die Menschen der Nichtohneuns-Bewegung hingegen sehen sich als wachsende Gemeinschaft. Wer die Internetseite von „Widerstand 2020“ ansieht, wird sofort als Mitglied gezählt. So errechnet sich die Gruppe Relevanz und gaukelt Massentauglichkeit vor. Das transportiert die Botschaft: „Du bist mit deiner Skepsis nicht alleine“. Tatsächlich finden die Teilnehmer auf dem Alten Markt eine Art Gemeinschaft.

Sie tragen keine Masken, umarmen sich demonstrativ, und fühlen sich ungerecht behandelt, wenn dann Polizei und Ordnungsamt durchgreifen. Sowohl am 1. Mai als auch am Samstag wurden die Teilnehmer seitens der Polizei mehrfach dazu aufgefordert, die Versammlung aufzulösen, sich an die Regeln der Coronaschutzverordnung zu halten.

Das erfolgt nicht. Die Konsequenz: Ordnungsamt und Polizei schreiten ein, zahlreiche Personen flüchten. Von 41 Personen wird die Identität festgestellt. Gegen sie läuft nun ein Strafverfahren wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz.

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