Wie aus einem Wunsch eine glückliche Familie wurde

mlzWie läuft die Adoption eines Kindes ab?

Mit 18 Jahren reift in Hannah der Wunsch, ein Kind zu adoptieren. Knapp 20 Jahre später ist sie Mutter einer Tochter. Bis dahin war es ein langer Weg der Ungewissheit.

Dortmund

, 25.03.2018, 05:37 Uhr / Lesedauer: 4 min

Hannah, (alle Namen von der Redaktion geändert) ist 18 Jahre alt, als sie beschließt, dass sie kein eigenes Kind bekommen möchte. Stattdessen reift in ihr der Wunsch, ein Kind zu adoptieren. Sie weiß, dass eine Schwangerschaft bei ihr aus gesundheitlichen Gründen viele Risiken birgt.

Für das Jugendamt ist Hannahs Entscheidung nachvollziehbar und keine Seltenheit. Die Mehrzahl derjenigen, die sich eine Elternschaft mit einem Adoptivkind wünscht, ist ungewollt kinderlos. Häufig ist es aber die letzte Alternative. Für Hannah ist es damals die einzig Denkbare.

„Der Wunsch ein Kind großzuziehen, war größer, als der Wille, schwanger zu sein“, sagt Hannah, die heute 41 Jahre alt ist. Mit 23 Jahren lernt Hannah Tim, heute 43, kennen. Sie weiß schnell, dass vieles passt. Ob es aber langfristig mit den beiden klappt, hängt davon ab, ob ihr Partner ihre Entscheidung mitträgt. Das tut er.

Hannah erzählt keinem von der Adoption

Viele Jahre später, Hannah und Tim sind mittlerweile um die 30 Jahre alt, nachdem das Paar das erste Mal über das Thema Adoption gesprochen hat, steht fest, dass sie diesen Weg gemeinsam gehen wollen. Aber Tim macht aus Hannahs Sicht einen Fehler: Er erzählt es seinen Freunden. Direkt bekommt Tim Horrorgeschichten zu hören. Das Kind könnte krank sein oder euch verstoßen, sagen sie. Diese Geschichten will Hannah nicht hören. Ein Grund, warum sie niemandem, nicht einmal ihre Eltern, von der Adoption erzählt.

Immer weniger Menschen adoptieren in Deutschland ein Kind. Laut dem Statistischen Bundesamt wurden in Deutschland 2016 insgesamt 3976 Kinder und Jugendliche adoptiert – 2013 Jungen und 1963 Mädchen. Zum Vergleich: 1992 waren es 8403 Jungen und Mädchen. In den vergangenen Jahren sind in Dortmund zwischen 15 und 20 Kinder jährlich zur Adoption freigegeben worden. Etwa 50 Paare bewerben sich im Jahr um eine Adoption. Es werden mehr Säuglinge als ältere Kinder zur Adoption freigegeben und es gibt mehr interessierte Eltern, als Mütter, die ihr Kind zur Adoption freigeben.

Der Weg zur Adoptionsvermittlungsstelle des Jugendamts folgt erst einige Jahre nach dem Entschluss im Jahr 2010. Die beiden wollen sich Zeit lassen. Beim Jugendamt müssen Hannah und Tim über mehrere Wochen eine Eignungsprüfung durchlaufen, indem sie unter anderem ihre Lebensgeschichte und einen Einkommensnachweis offenlegen müssen.

Das ist nicht alles. Das Entscheidende sind die Interessen. Eltern können im Grunde ganz genau angeben, welches Kind sie haben wollen – und welches nicht. „Manche Eltern wollen kein krankes Kind“, sagt Jugendamtsmitarbeiterin Sabine Theissen. Andere könnten sich ein Kind von einer Drogenabhängigen nicht vorstellen. Das Jugendamt will von den werdenden Eltern auch wissen, wie sie ihre Kindheit verbracht haben und welche Werte sie ihrem Kind vermitteln wollen. „Wir haben eine große Verantwortung und wollen, dass Kind und Familie gut zusammenpassen“, sagt Theissen.

Drei Jahre warten sie

Hannah und Tim werden damals gefragt, ob sie die leibliche Mutter ihres Kindes kennenlernen wollen. Die Entscheidung fällt ihnen nicht leicht. Kurze Zeit später sitzen sie mit Susanne an einem Tisch. Susanne ist die leibliche Mutter des Kindes, das das Jugendamt für Hannah und Tim als passend charakterisiert. Nach einer halben Stunde steht damals fest: Das Kind, das Susanne in vier Monaten zur Welt bringen wird, findet bei Hannah und Tim ein zu Hause.

Das Paar fährt noch einmal in den Urlaub, um Kraft zu tanken, für die Geburt. Drei Jahre warten sie zu diesem Zeitpunkt schon auf ein Kind. Es ist Dezember 2013. Und dann geht alles ganz schnell: Während die baldigen Eltern die warmen Sonnenstrahlen am Strand genießen, ruft das Jugendamt an. „Ihr Kind kommt bald zur Welt“, heißt es. Die beiden setzen sich in den Flieger zurück nach Deutschland. Nur zwölf Stunden später halten Hannah und Tim ihre kleine Lena in den Händen.

Die Schritte im Adoptionsprozess für abgebende und angehende Eltern.

Die Schritte im Adoptionsprozess für abgebende und angehende Eltern.

In den Wochen nach der Geburt gibt es in Hannahs Nachbarschaft ein paar Fragen. Man hätte ihr gar nicht angesehen, dass sie schwanger ist, heißt es so oft. Hannah reagiert darauf nicht. Dem engsten Familienkreis erzählt sie, dass Tim und sie ein Kind adoptiert haben. Sie hausiert damit nicht, weil sie sich nicht rechtfertigen möchte. Für Hannah und Tim gibt es keinen Moment des Zweifels. Keinen Moment der Angst. Nur der Ungewissheit.

Die leiblichen Eltern müssen laut Gesetz schriftlich in die Adoption einwilligen – acht Wochen nach der Geburt soll dieses Verfahren abgeschlossen sein. Letztlich haben die Adoptiveltern mehr als ein Jahr auf die Unterschrift des leiblichen Vaters warten müssen. „Irgendwann schiebt man den Gedanken, dass das Kind vielleicht doch nicht bei einem bleibt, so weit von sich weg, dass man weiß, dass alles gut wird.“

Lena kennt den Namen ihrer leiblichen Mutter

Lena ist mittlerweile vier Jahre alt. Sie weiß, dass sie nicht aus Hannahs Bauch gekommen ist. Das hat sie im Kindergarten schon mehrmals erzählt. Die Vierjährige kennt auch den Namen ihrer leiblichen Mutter Susanne. Auch das wollten Hannah und Tim so.

Das Paar geht mit dem Thema zwar offen um, bindet aber auch niemandem auf die Nase, dass sie Adoptiveltern sind. Weil es auch keine Bedeutung hat. „Wir sind eine ganz normale Familie“, sagt Hannah. Sie wisse aber, dass normal für viele bedeute, so zu sein, wie alle anderen.

Seit zwei Jahren haben Hannah und Tim nichts mehr von Susanne gehört. Wenn sie sich irgendwann wieder meldet und Kontakt zu ihrem leiblichen Kind möchte, weiß der Adoptivvater nicht, ob er es wollen würde. Rechtlich ist die Situation eindeutig: Hannah und Tim sind nach Abschluss des Adoptionsverfahrens die Eltern. Sie bestimmen also, ob es Kontakt gibt oder nicht. Es geht eher um die emotionale und moralische Frage.

Lena hat noch eine Schwester

Lena soll irgendwann selbst entscheiden, ob sie ihre Mutter regelmäßig sehen möchte – oder nicht. Was die Vierjährige noch nicht weiß: Sie spielt regelmäßig mit ihrer jüngeren leiblichen Schwester Jana. Susanne – sie lebt in schwierigen Familienverhältnissen – hatte ein Jahr später ein weiteres Kind zur Adoption freigegeben.

Durch einen Zufall haben Hannah und Tim die Familie über das Jugendamt kennengelernt. Zu wissen, dass die beiden Mädchen auf eine ganz besondere Art miteinander verbunden sind und sie irgendwann Kontakt zueinander haben, schweißt die Familien zusammen. Beide hoffen, dass alles so wird, wie sie es sich wünschen. Und trotzdem wissen sie, dass es dafür keine Garantie gibt.

In Dortmund gibt es seit zwei Jahren den Stammtisch für Pflege- und Adoptiveltern. Gegründet wurde die Initiative von Eltern, die selbst ein Kind adoptiert haben und ihre Erfahrungen teilen möchten. Der Stammtisch spricht Familien an, die selbst ein Kind adoptiert haben oder mit dem Gedanken spielen, eins aufzunehmen. Die Gruppe trifft sich jeden ersten Montag im Monat. Das nächste Treffen findet am 9. April (Montag) um 15.30 Uhr im Offenen Café des Mütterzentrums, Hospitalstraße 6, statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Weitere Informationen gibt es unter Tel. (0231) 141662.
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