Diakonie

Wie aus einer Professorin eine Obdachlose in Dortmund wurde – und wie sie Hilfe fand

Psychische Erkrankungen sind unter wohnungslosen Menschen keine Seltenheit. Für Betroffene gibt es ein besonderes Angebot der Diakonie. Ein Blick in das Leben von Frau K.
In der Frauenübernachtungsstelle Nortkirchstraße in Hörde werden diese Woche 100 Frauen durch ein mobiles Impfteam gegen Corona geimpft. © Diakonie (Archiv)

Als Frau K. im Sommer 2020 am Dortmunder Hauptbahnhof angesprochen wurde, waren ihr die Spuren langjähriger Obdachlosigkeit deutlich anzusehen. In der Frauenübernachtungsstelle der Diakonie angekommen, berichtete sie viel über ein Leben, das eigentlich so gar nicht zu ihrer Erscheinung passte – und referierte häufig und eloquent über wissenschaftliche Fachthemen.

Erst mit viel Geduld, behördlicher Hilfe und in wenigen lichten Momenten fanden die Mitarbeitenden vor Ort heraus: Frau K. war langjährige Professorin an einer renommierten Hochschule in Bayern. Auf ihrem Konto türmt sich eine hohe Rente auf, seit Monaten unberührt. „Frau K. wurde durch eine psychische Erkrankung aus ihrem Alltag gerissen, hat jeglichen Wohlstand hinter sich gelassen und bemerkt aufgrund ihrer Krankheit gar nicht, wie sich ihr Leben verschlechtert hat“, sagt Ilda Kolenda, Leiterin der Frauenübernachtungsstelle in der Nortkirchenstraße und der angeschlossenen Pension Plus.

Mitauslöser für Wohnungslosigkeit

Wohnungslos zu sein, hinterlässt häufig gesundheitliche Spuren. Zahlreiche Menschen, die in der Zentralen Beratungsstelle für wohnungslose Menschen der Diakonie (ZBS) in der Rolandstraße betreut werden, erhalten vor Ort auch medizinische Versorgung: Offene Wunden, Suchterkrankungen oder Infektionen sind die häufigsten Fälle, mit denen es die Krankenschwestern der ZBS täglich zu tun haben.

Doch gibt es auch Erkrankungen, die keine Folge sind, sondern Mitauslöser für die Wohnungslosigkeit: So ist die Zahl der wohnungslosen Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

„Häufig löst eine psychische Krise eine Abwärtsspirale aus, die sich in manchen Fällen erst wieder stoppen lässt, wenn das gewohnte Leben schon völlig aus der Bahn geraten ist: Menschen, die fest und sicher im Leben stehen, gehen plötzlich nicht mehr zur Arbeit oder werden aufgrund von Aussetzern entlassen. Sie sind nicht mehr in der Lage, Rechnungen nachzukommen oder lassen ihre Wohnung verwahrlosen. Angehörige ziehen sich hilflos zurück oder sind nicht greifbar, viele werden schließlich zwangsgeräumt. Das Leben auf der Straße beginnt“, schildert ZBS-Leiter Thomas Bohne die Situation.

Geeignete Unterkunft in der Pension Plus

Nicht selten erkennen die Betroffenen ihre eigene Krankheit nicht oder gehen einer nahegelegten Therapie bewusst aus dem Weg. Bohne: „Und so gehören plötzlich mehr und mehr Menschen zum Wohnungslosenspektrum, die da eigentlich nicht reingehören.“

Wie auch Frau K.

Schon vor Monaten wurde für sie durch einen Betreuer eine Wohnung, ihrem bisherigen Lebensstandard angemessen, besorgt. Doch auch diese ließ sie hinter sich, stieg irgendwann in einen Zug – und landete schließlich in Dortmund, als eine von vielen wohnungslosen Menschen dieser Stadt. Von ihrer Krankheit will sie nichts wissen. In der Pension Plus hat sie eine geeignete Unterkunft gefunden.

Ilda Kolenda ist die Leiterin des Angebotes für Nutzerinnen innerhalb der Frauenübernachtungsstelle an der Nortkirchenstraße.
Ilda Kolenda ist die Leiterin des Angebotes für Nutzerinnen innerhalb der Frauenübernachtungsstelle an der Nortkirchenstraße. © Diakonie (A) © Diakonie (A)

Mit der Pension Plus schließt die Diakonie seit vergangenem Jahr hier eine wichtige Versorgungslücke in Dortmund. Seit April 2020 bietet die Diakonie an zwei Standorten eine Unterkunft für wohnungslose Menschen mit einer psychischen Erkrankung: In der Frauenübernachtungsstelle in Dortmund-Hörde stehen sechs Plätze für Frauen zur Verfügung. Neun Plätze für männliche Betroffene gibt es im Bodelschwingh-Haus der Diakonie in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße 5.

An das Hilfesystem anbinden

Ziel ist es, diese durch ihre Erkrankung besonders gefährdete Gruppe zu schützen und sie langsam und vertrauensvoll an das weiterführende Hilfesystem anzubinden. Ein Team aus Sozialarbeitern, Hauswirtschaftern und Fachkräften der Krankenpflege unterstützet und begleitet die Bewohner auf dem Weg zur Wiedererlangung und Stärkung der eigenen Ressourcen. Stets in Kooperation mit dem sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Dortmund und angeschlossenen Praxen.

Die Menschen aus dem Wohnungslosenspektrum begeben sich freiwillig in die Hände der Diakonie, die meisten haben Persönlichkeits- oder Verhaltensstörungen, eine Schizophrenie oder andere psychotische Belastungsstörungen.

Die Kontaktaufnahme setzt viel Vertrauen voraus, eine selbständige Verbesserung der Lebensumstände – und so geht es allen Nutzern der Pension Plus – ist unmöglich geworden. Hier ist die Diakonie den Betroffenen ein wichtiger Partner auf dem Weg zurück in eine geordnetere und sichere Zukunft.

Möblierte Einzelzimmer

In beiden Einrichtungen der Diakonie bewohnen die Betroffenen möblierte Einzelzimmer. Aufenthaltsräume und Küchen stehen ebenfalls zur Verfügung, beide Häuser sind rund um die Uhr besetzt.

Der Bedarf ist groß: Aktuell sind die Plätze der Pension Plus fast voll belegt, einzig in der Männerunterkunft gibt es noch zwei Aufnahmemöglichkeiten. Bis zu drei Jahre dürfen die Menschen dort bleiben. In der Zeit wird daran gearbeitet, sie für ein weitgehend selbständiges Leben in einer Folgeeinrichtung oder gar in der eigenen Wohnung vorzubereiten. Finanziert wird die Unterbringung und Betreuung der Bewohner von den jeweiligen Sozialhilfeträgern sowie dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

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