Wie der Juwelier Rüschenbeck zu einem der größten Schmuckhändler Europas wurde

mlzGeheimnisse des Westenhellwegs

In der Welt der Juweliere ist Rüschenbeck ein klangvoller Name. Wer Luxus sucht, findet ihn hier in Form von Ketten und Uhren. Die Wurzeln des Schmuckhändlers liegen auf dem Westenhellweg.

Dortmund

, 25.01.2019, 17:54 Uhr / Lesedauer: 6 min

Für Gerhard Rüschenbeck ist der Westenhellweg nicht nur der Sitz des Familienunternehmens. Der Westenhellweg ist sein Zuhause. Hier ist er groß geworden, hat erlebt, wie das zerstörte Dortmund nach dem Zweiten Weltkrieg langsam wieder lebendig wurde, wie sein Vater nächtelang an kaputten Uhren schraubte, um sie wieder verkaufen zu können - gerettet vor dem Krieg, der Zerstörung - und so das Fortbestehen des Unternehmens sicherte, das heute einer der bedeutendsten Juweliere in Europa ist.

Die Familie Rüschenbeck und der Westenhellweg sind untrennbar miteinander verbunden. Sie haben sich gegenseitig geprägt. Und so ist es ein bisschen, als spräche Gerhard Rüschenbeck von einem Familienmitglied, wenn er von der Straße mitten in der Dortmunder City erzählt.

Die Geschichte beginnt an der Reinoldistraße

Die Geschichte des Juweliers Rüschenbeck beginnt vor 115 Jahren, 1904, an der Reinoldistraße, ein paar Meter vom Westenhellweg entfernt. Dort, wo heute die Kampstraße beginnt, eröffnete Wilhelm Rüschenbeck 1904 das Juweliergeschäft „Zur Goldecke“. Es war eines der ersten Juweliergeschäfte in Dortmund.

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Die Uhrmacher-Tradition der Familie reicht sogar noch deutlich weiter zurück. Ende des 17. Jahrhunderts war es Henricus Rüschenbeck, der den Weg zu diesem Berufszweig einschlug. Henricus war eigentlich Müller. Doch er bekam eine Staublunge, musste einen anderen Beruf erlernen und entschied sich für das Handwerk des Uhrmachers. „Seitdem gibt es diese Tradition in der Familie“, sagt Gerhard Rüschenbeck.

So sah das erste Juweliergeschäft der Familie Rüschenbeck an der Reinoldistraße aus. Wilhelm Rüschenbeck, der Großvater von Gerhard Rüschenbeck, hat es 1904 eröffnet. Er steht auf dem Bild vor der Eingangstür. Wer das Kind neben ihm ist, ist nicht mehr überliefert.

So sah das erste Juweliergeschäft der Familie Rüschenbeck an der Reinoldistraße aus. Wilhelm Rüschenbeck, der Großvater von Gerhard Rüschenbeck, hat es 1904 eröffnet. Er steht auf dem Bild vor der Eingangstür. Wer das Kind neben ihm ist, ist nicht mehr überliefert. © Rüschenbeck

In der Firmenhistorie ist der 77-Jährige ein Ausreißer. Der Einzige, der das Unternehmen bislang führte, und nicht Wilhelm heißt. „Vier Wilhelms zählen wir bislang“, sagt er. Und ihn. Gerhard.

Sein Vater Wilhelm Rüschenbeck übernahm das Unternehmen 1929. Er war ein guter Geschäftsmann, setzte früh auf Expansion und kaufte unter anderem am Westenhellweg 45 ein Fachwerkhaus. Das Haus, das bis heute der Stammsitz des Juweliers Rüschenbeck ist. Schon 1930 fertigte der Uhrenmacher eigene Taschenuhren mit dem Rüschenbeck-Signet auf dem Ziffernblatt.

Wilhelm Rüschenbeck vergrub seine Uhren

Doch dann kam der Krieg. Wilhelm Rüschenbeck wurde einberufen, das Geschäft geschlossen. Seine Uhren brachte er in Sicherheit, vergrub sie, in der Hoffnung, sie irgendwann wieder ausbuddeln zu können. Seine Frau Charlotte und die Kinder zogen zu Verwandten ins Sauerland, nach Sichtigvor an der Möhne. „Wir haben Dortmund von dort aus brennen sehen“, sagt Gerhard Rüschenbeck. Seine erste Erinnerung an seine Heimat. Eine, die er nie vergessen wird.

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Das Haus am Westenhellweg wird, wie fast alle anderen, komplett zerstört. Als Wilhelm Rüschenbeck nach Dortmund zurückkehrt, ist es nicht mehr als ein Trümmerhaufen. Aber sein Vater habe sich nicht unterkriegen lassen, sagt Gerhard Rüschenbeck. Er habe sofort mit dem Wiederaufbau begonnen, habe die Arbeiter mit Naturalien wie Schinken bezahlt statt mit Geld – denn das war nicht viel wert nach dem Krieg und vor Einführung der Deutschen Mark. Und als die erste Etage stand, habe er seine vergrabenen Uhren wieder aus der Erde geholt und sie Tag und Nacht repariert.

Was die Menschen nicht hatten, waren Uhren

Denn was die Menschen nach dem Krieg nicht hatten, sagt Gerhard Rüschenbeck, waren Uhren. Die an den Kirchen waren zerstört, Radios hatten die Menschen nicht, geschweige denn Stand- oder Taschenuhren. Mit der Währungsreform 1948 aber gab es wieder Arbeit im Land und in Dortmund. Und für die Arbeit brauchten die Menschen Uhren.

Wilhelm Rüschenbeck, so erzählt es sein Sohn, habe lange Tapetentische in das Geschäft gestellt, darüber eine Pferdedecke und darauf die Uhren. Es waren vor allem kleine Standuhren und ein paar Taschenuhren. „Und diese Uhren gingen reißend weg“, sagt Gerhard Rüschenbeck.

Das erste Haus, das wieder aufgebaut war

Von dem Geld konnte sein Vater den weiteren Wiederaufbau seines Hauses finanzieren. Nach und nach seien so vier weitere Etagen entstanden. „Es war das erste komplett zerstörte Haus, das nach dem Krieg auf dem Westenhellweg wieder fertig war“, erzählt Gerhard Rüschenbeck. Und er erzählt es mit dem größtmöglichen Stolz.

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Als das Haus wieder stand, zog die Familie dort ein. Im dritten Stock lebten sie. „Wir konnten in die eine Richtung bis zum Bahnhof und in die andere Richtung bis zur Commerzbank sehen“, sagt Gerhard Rüschenbeck. Und wenn sie auf der Terrasse einen Kaffee getrunken hätten, dann seien die Tassen nach fünf Minuten pechschwarz gewesen.

Erst als er 35 Jahre alt war, zog Gerhard Rüschenbeck weg vom Westenhellweg. Er lebt aber noch heute in Dortmund.

So sieht der Rüschenbeck-Standort am Westenhellweg heute aus.

So sieht der Rüschenbeck-Standort am Westenhellweg heute aus. © Dieter Menne

Es war vor allem das Dortmund der 50er-Jahre, das ihn, der 1941 auf die Welt kam, prägte. Und die Einkaufsmeile von damals ist mit der von heute kaum noch zu vergleichen. Autos, Straßenbahn und Fußgänger teilten sich noch die Straße. Der Westenhellweg war längst nicht eine solche Geschäftsstraße, wie er das heute ist. „Wir konnten noch auf der Straße spielen“, sagt Gerhard Rüschenbeck. Er erinnert sich noch an die vielen Cafés, das Café Fürst zum Beispiel, und an Restaurants wie die Gastronomie Wiener Wald. „Das war damals so etwas wie die erste Systemgastronomie“, sagt Rüschenbeck. Damals hätten sich Gastronomen die Mieten noch leisten können.

Gleich zu Beginn des Westenhellwegs habe es auch eine Schnaps-Fabrik, die Bachmannstuben, gegeben. Kommunion-Bank sei sie von den Gästen genannt worden, weil die Geschäftsleute dort mittags oder abends nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause an einer langen Theke noch schnell einen Kurzen tranken.

„Der Mensch schmückt sich eben gerne“

Die Rüschenbecks waren längst nicht die Einzigen, die nach dem Krieg Uhren verkauften. Bald habe es am Westenhellweg eine ganze Reihe von Uhrenhändlern gegeben, erzählt Gerhard Rüschenbeck. Im Geschäft seiner Familie gab es aber, wie schon vor dem Krieg, nicht nur Uhren, sondern auch Schmuck. „Eigentlich war es das Letzte, was die Leute damals brauchten“, sagt Rüschenbeck. „Aber der Mensch schmückt sich eben gerne.“

Die Goldschmiede bei Rüschenbeck arbeiten mit den wertvollsten Materialien.

Die Goldschmiede bei Rüschenbeck arbeiten mit den wertvollsten Materialien. © Dieter Menne

Besonders beliebt waren damals dünne Perlenketten, Silberschmuck und 333er-Gold. „Jeden Sonntag vor Weihnachten war das Geschäft geöffnet und die Leute standen Schlange, um das erste verdiente Geld wieder zu reinvestieren“, erzählt er. Mitte der 60er-Jahre sei das Schmuckangebot bei Rüschenbeck dann nach und nach luxuriöser geworden. Heute sei es nicht mehr 333er-Gold, das bei ihnen gefragt sei, sondern 750er- und 900er-Gold oder Platin.

Eine Uhr ist heute ein Statussymbol

Generell habe sich das Verhältnis zu Schmuck geändert. Die Uhr in ihrer ursprünglichen Funktion habe längst nicht mehr den Wert wie noch vor 70 Jahren. Gerhard Rüschenbeck tippt auf sein Handy. „Ich brauche doch nur einmal darauf zu tippen, um die Uhrzeit zu sehen“, sagt er. Und dennoch tragen Menschen heute noch immer eine Armbanduhr – nur aus anderen Gründen. „Sie ist vor allem ein Statussymbol und ein Sammlerobjekt“, sagt Rüschenbeck. Genauso wie ein Edelstein heute nicht mehr vorrangig eine Geldanlage sei, sondern einfach das, was es auf den ersten Blick auch ist: ein Schmuckstück.

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Noch in den 50er-Jahren eröffnete das Unternehmen Rüschenbeck seine erste Filiale in Duisburg, etwas später eine weitere in Hagen, „das einzige Geschäft, das wir jemals geschlossen haben“, sagt Gerhard Rüschenbeck. 1971 folgte Münster, ab den 90er-Jahren dann immer mehr Standorte. Heute hat der Juwelier Rüschenbeck zwölf Geschäfte in Deutschland und eines im österreichischen Kitzbühel.

Auf den Agenden der Reichen und Superreichen

Gerhard Rüschenbeck übernahm die Geschäftsführung gemeinsam mit seinem älteren Bruder Wilhelm, als der Vater im Dezember 1984 starb. Als auch sein Bruder nur rund zehn Jahre später, 1995 nach kurzer, schwerer Krankheit starb, stieg dessen Sohn Wilhelm mit ins Geschäft ein. Seit gut 20 Jahren führen Onkel und Neffe – beide ausgebildete Goldschmiede - das Unternehmen gemeinsam und haben es mit ihrem Angebot und ihrem Geschäftssinn über die Jahre auf die Agenden der Reichen und Superreichen geschafft.

Sein Unternehmen, sagt Gerhard Rüschenbeck, sei an den wichtigen Plätzen und in den wichtigen Metropolen in Deutschland vertreten – Frankfurt, München, Köln, Düsseldorf. Einzig Berlin und Hamburg fehlten noch. „Das haben wir im Fokus“. Weitere Niederlassungen im Ausland seien zurzeit nicht geplant. Vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Die Kunden reisen auch aus fernen Ländern nach Deutschland, um bei Rüschenbeck eine Rolex oder eine Patek Philippe zu kaufen, die als teuerste Uhrenmarke der Welt gilt.

Die Keimzelle des Erfolgs

In die schillernde Welt des Luxus passt das Geschäft auf dem Westenhellweg – anders als das an der Düsseldorfer Königsallee und das im exklusiven Ferienort Kitzbühel – weniger. Hier heißen die Nachbarn nicht Apple, Tesla und Windsor, sondern Zara, Esprit und Deichmann. Trotzdem sei das Haus in Dortmund ein wichtiger Standort. Weil es die Keimzelle des Erfolgs ist. Aber auch, weil das Einzugsgebiet ein gutes ist, sagt Gerhard Rüschenbeck. Mit dem Geschäft in Dortmund erreiche man die Kunden im Ruhrgebiet, im Münsterland und vor allem im Sauerland.

Zudem sitzt hier die Zentrale des Juweliers, wer bei Rüschenbeck Geschäfte leiten möchte, der wird am Westenhellweg dafür ausgebildet. 100 der 200 Beschäftigten arbeiten in Dortmund. Dazu gehören auch zehn Goldschmiede und zwölf Uhrmacher, die in der Etage über den luxuriösen Verkaufsräumen arbeiten.

In der ersten Etage am Westenhellweg 45 hat Rüschenbeck seine hauseigene Goldschmiede untergebracht.

In der ersten Etage am Westenhellweg 45 hat Rüschenbeck seine hauseigene Goldschmiede untergebracht. © Dieter Menne

Während die Kunden unten – nachdem sie zwei Sicherheitstüren passiert haben - in schweren Lederstühlen an dunklen, runden Holztischen sitzen und ausführlich beraten werden beim Kauf einer neuen Rolex oder eines Diamantrings, ist die Welt eine Etage darüber eine ganz andere. Hier sieht es so aus, wie man sich eine Werkstatt vorstellt. Ein geordnetes Chaos, unzählige Werkzeuge, die es für die so filigrane Arbeit braucht.

An schmalen Arbeitsplatten aus Holz sitzen hoch konzentriert die Handwerker, schauen durch Mikroskope auf die kleinen Schmuckstücke, reparieren mit ihren Händen Uhrwerke teuerster Uhren und fertigen mit geschickten Bewegungen die Ringe und Ketten der hauseigenen Rüschenbeck-Kollektion.

Eine Uhr für eine viertel Million Euro

Die Goldschmiede und Uhrmacher, die hier arbeiten, sind für die besonderen Aufträge beschäftigt. Die allermeisten Arbeiten sind ausgelagert, aber spezielle Reparaturen werden vor Ort gemacht, sagt Gerhard Rüschenbeck. Bis auf die eigene Kollektion kaufen die Rüschenbecks Schmuck und Uhren von den Besten ihres Fachs auf der ganzen Welt ein. Zum Warenangebot gehören Diamant-Ringe für 20.000 Euro, Ohrstecker für 38.000 Euro und Uhren, die eine viertel Million Euro kosten.

Uhrmacherin Marie Czech repariert eine Luxusuhr.

Uhrmacherin Marie Czech repariert eine Luxusuhr. © Dieter Menne

Eine Uhr trägt auch Gerhard Rüschenbeck um das Handgelenk. Natürlich. Er ist schließlich Repräsentant eines Juweliers, einer Marke. Unter dem feinen Anzug blitzt sie ab und zu hervor. Heute, sagt er, habe er sich für eine Nomos Glashütte entschieden. Er möge die Optik so gerne. Häufiger noch aber trage er ein Modell aus der hauseigenen Rüschenbeck-Kollektion. Oder eine Rolex. Es sind Uhren, die sich Otto Normalverdiener wahrscheinlich nicht kaufen wird.

Aber der 77-Jährige lässt das nicht raushängen. Er wirkt alles andere als abgehoben, lässt sein Gegenüber nie wissen, dass seine Welt die Welt des Reichtums ist. Bodenständig ist er. Ein guter Geschäftsmann, wie sein Neffe und sein Vater und sein Großvater. Und einer, der nicht vergessen hat, wo seine Wurzeln liegen. Mitten auf dem Westenhellweg.

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Geheimnisse des Westenhellwegs

In unserer Serie „Geheimnisse des Westenhellwegs“ erzählen wir in loser Folge spannende, wenig bekannte Geschichten rund um Dortmunds wichtigste Einkaufsmeile.
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