Wie die Stasi die NS-Vergangenheit von Olympia-Chef Willi Daume verschlief

mlzStasi in Dortmund

Er war der bedeutendste deutsche Sportfunktionär der Nachkriegszeit: Willi Daume stand als NOK-Präsident und als Dortmunder Unternehmer im Fokus der Stasi. Auch mit Blick auf die NS-Zeit.

Dortmund

, 29.01.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ehre, wem Ehre gebührt. „Sport 1“ war der Deckname von Willi Daume, der als „BRD-NOK-Präsident“, Mitglied des IOC und „Industrieller“ aus Dortmund mehrmals die DDR bereiste. Die Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hatten ihn dabei genau im Blick.

So war es zum Beispiel bei einer Reise vom 25. bis 28 Juli 1983. Am 25.7. um 13.11 Uhr wurde die Beobachtung „des BRD-PKW an der Autobahn-Anschlussstelle Eisenach-West aufgenommen“, heißt es in dem Bericht an das MfS in Berlin. Willi Daume war gemeinsam mit seiner Frau auf dem Weg zum VII. Turn- und Sportfest nach Leipzig, zu dem er eingeladen war.

Detaillierter Beobachtungsbericht

Der Beobachtungsbericht ist sehr detailliert. Eine gute halbe Stunde nach der Einreise um 13.47 Uhr fuhr der Pkw auf einen Autobahnparkplatz, heißt es in den Aufzeichnungen, die in den Stasi-Akten Daumes verzeichnet sind. „Die beiden Insassen verließen den Pkw und verrichteten in der an die Autobahn-Anschlussstelle angrenzenden Buschgruppe ihre Notdurft.“

Diese Beobachtung war schon der aufregendste und kompromittierendste Teil der Stasi-Berichte über Willi Daume und seine Aufenthalte als Sportfunktionär in der DDR. Ähnlich wie zwei Jahre später als Daume als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zur 90. IOC-Session nach Ost-Berlin reiste.

Wieder gab es ein Auftragsersuchen des MfS. „Die Person soll vom 31.05.1985 bis 07.06.1985 täglich beobachtet werden“, heißt es. Und zwar „bis zur Nachtruhe“.

Auch hier wird akribisch notiert, wann „Sport 1“ und seine Ehefrau über die Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße in Berlin in die DDR einreisten, welche Koffer sie dabei hatten und welche Zimmer sie im Palasthotel bezogen.

Wie die Stasi die NS-Vergangenheit von Olympia-Chef Willi Daume verschlief

Ein Teil des Beobachtungsberichts zu Daumes Ost-Berlin-Aufenthalt 1985. © MfS

Jede Fahrt und jede Station des Aufenthalts wird minutiös dokumentiert. Bis hin zur wenig schmeichelhaften Einschätzung der Beobachter: „‘Sport 1‘ geht stark nach vorne gebeugt und hat einen Gehfehler (hinken). Er atmet hörbar schwer und ruckartig ein und spricht auffallend laut in seinen Unterhaltungen“, heißt es in dem Bericht über den damals 72-Jährigen.

Wie die Stasi die NS-Vergangenheit von Olympia-Chef Willi Daume verschlief

Daume im Visier der Stasi. Mit solchen Bildern vom Daume-Besuch in Ost-Berlin 1985 wurde die Stasi-Akte ergänzt. © MfS

Er habe während seines Aufenthalts „zwei verschiedene Anzüge“ getragen, „die den Anschein hatten, dass sie zu groß waren. Dadurch entstand der Eindruck, dass er etwas nachlässig gekleidet war.“ Ergänzt wird der Beobachtungsbericht durch zahlreiche, offensichtlich heimlich aufgenommene Fotos von Daume während seines Aufenthalts.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Willi Daume im Visier der Stasi

Die Stasi hatte NOK-Präsident Willi Daume immer im Blick als er 1985 zur offiziellen IOC-Session in Ost-Berlin zu Gast war.
20.01.2020
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Die leicht gebückte Haltung war für die Stasi ein besonderes Kennzeichen von Willi Daume. © MfS
Willi Daume im Tross der IOC-Delegierten. © MfS
Willi Daume im Tross der IOC-Delegierten. © MfS
Willi Daume im Tross der IOC-Delegierten. © MfS
Willi Daume im Tross der IOC-Delegierten. © MfS
Willi Daume - wieder in leicht gebückter Haltung. © MfS
Die IOC-Delegierten im Visier der Stasi. © MfS
Willi Daume in Ost-Berlin. © MfS
Willi Daume im Tross der IOC-Delegierten. © MfS
Willi Daume bei einem Spaziergang in Ost-Berlin.© MfS
Willi Daume in Ost-Berlin. © MfS
Willi Daume in Ost-Berln, © MfS
Willi Daume im Tross der IOC-Delegierten. © MfS

Daume stand als „Vater“ der Olympischen Spiele von 1972 in München aber nicht nur als Sportfunktionär im Fokus der Stasi. Schon vor den Münchener Spielen waren die DDR-Behörden auf der Suche nach belastendem Material. Und dabei rückte er als Dortmunder Unternehmer in den Blickpunkt. Denn Daume war neben seinen zahlreichen sportpolitischen Ämtern über lange Zeit Chef einer gleichnamigen Eisengießerei in Lindenhorst. 1938 hatte er nach dem Tod des Vaters als 25-Jähriger den elterlichen Betrieb übernommen. Und diese Zeit weckte das besondere Interesse des MfS.

Recherche-Auftrag zur NS-Zeit

„Aus operativen Gründen bitten wir um Prüfung, ob zur Person Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der BRD, Angaben aus der Zeit vor 1945 in den Archiven des MfS oder anderer Archive der DDR vorliegen. Nach vorliegenden Hinweisen soll Daume 1936 - 1937 sich Vermögen jüdischer Bürger angeeignet haben. Um baldmögliche Erledigung wird gebeben“, schrieb der stellvertretende Leiter der Hauptabteilung XX beim MfS, Oberst Ludwig, laut einem Aktenvermerk vom 10. April 1979.

Wie die Stasi die NS-Vergangenheit von Olympia-Chef Willi Daume verschlief

Der Auftrag, über Daumes Geschichte in der NS-Zeit zu recherchieren, aus den Akten des MfS. © MfS

Die Antwort folgte knappe fünf Monate später. „Im Ergebnis umfangreich durchgeführter Überprüfungen“ teilt Oberst Stolze als stellvertretender Leiter der Hauptabteilung IX/11 dem Genossen Ludwig mit, „dass zur Person Daume in den Archiven des MfS und im Dokumentationszentrum der Staatlichen Archivverwaltung der DDR keine Unterlagen aus der Zeit vor 1945 vorliegen. Auch die in denselben Speichern durchgeführten Überprüfungen zu der laut Munzinger-Archiv im Jahre 1937 von Daume übernommenen elterlichen Eisengießerei in Dortmund und dem von dieser Firma – möglicherweise unter Aneignung jüdischen Vermögens – im Jahre 1938 genommenen Zweigwerk in Antwerpen verliefen ergebnislos.“

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„Keine NS-Belastungen vorhanden“, heißt es in einem handschriftliche Vermerkl in der Stasi-Akte von Willi Daume. © MfS

Allzu große Mühe haben sich die Rechercheure allerdings nicht gemacht. Als Belege für die Information, dass kein belastendes Material zu Daume vorliegt, werden der Stasi-Akte Kopien aus dem Munzinger-Archiv und einige Ausschnitte mit Zeitungsberichten – von der Welt bis zum DDR-Zentralorgan „Neues Deutschland“ – beigefügt.

Hätten sie etwas tiefgründiger und vor Ort in Dortmund geforscht, hätten die Stasi-Spitzel durchaus fündig werden können. Denn tatsächlich gab Daumes Zeit als Unternehmer in der Zeit des Nationalsozialismus Anlass zu Diskussionen – immerhin räumte der spätere NOK-Präsident selbst ein, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein.

Biografie über Willi Daume

Die frühe Lebensgeschichte Daumes hat der Historiker Jan C. Rode in einer Dissertation aufgearbeitet, die unter dem Titel „Willi Daume und die Entwicklung des Sport in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1945 und 1970“ im Jahr 2010 als Buch erschien. Daume habe sich in der NS-Zeit „mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten arrangiert“, bilanziert Rode.

Sportler beim TSC Eintracht

Immerhin hat der am 24. Mai 1913 in Hückeswagen geborene Unternehmersohn früh Verantwortung übernehmen müssen. Als er sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Dortmund um. Wie der Vater wurde Willi Daume Mitglied bei Eintracht Dortmund. Nach seinem Studium in Leipzig, München und Köln holte ihn der frühe Tod des Vaters 1938 zurück nach Dortmund, wo er mit nur 25 Jahren die familieneigene Eisengießerei an der Lindenhorster Straße übernahm – und wenig später auch das Amt des Handballwarts bei Eintracht Dortmund. Es war der Beginn seiner sportpolitischen Karriere, die sich 1944 mit der Berufung zum Gaufachwart für Handball fortsetzte.

Wie die Stasi die NS-Vergangenheit von Olympia-Chef Willi Daume verschlief

Das Daume-Firmengelände in Lindenhorst 2012. Damals erinnerte nur noch das Tor, das wenig später ebenfalls verschwand, an das Unternehmen. © Oliver Schaper (Archiv)

Dass dies nicht in der Opposition zum NS-Staat ging, liegt auf der Hand. Tatsächlich war Willi Daume seit dem 20. Dezember 1937 Mitglied der NSDAP, ab 1943 arbeitete er sogar kurzzeitig mit dem Sicherheitsdienst (SD) der SS, gewissermaßen dem innerparteilichen Geheimdienst der NSDAP. Er sollte vor allem von Antwerpen aus über die Stimmung in der Bevölkerung berichten. Daume selbst gab an, dass ihm bei einer Weigerung ein Fronteinsatz an der Ostfront angedroht worden war – und dass er so nichtssagende Berichte ablieferte, dass der SD ihn bald aus seiner Aufgabe entließ.

Belegt ist auch, dass in der Eisenfabrik Daume wie in vielen anderen Unternehmen in der Kriegszeit Zwangsarbeiter beschäftigt wurden, die in einem eigenen Lager in der Nähe des Betriebs untergebracht waren.

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Ausschnitt aus einer Karte des Dortmunder Stadtarchivs, die Zwangsarbeiter-Betriebe und -Lager in der NS-Zeit in Dortmund zeigt, darunter auch die Eisengießerei Daume (oben links). © Stadtarchiv

Daume selbst war nach dem Krieg bemüht, seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus als harmlos darzustellen und sogar als Opfer zu erscheinen. Im Rahmen des Entnazifierungsverfahrens verwies er dazu unter anderem darauf, dass die NSDAP-Ortsgruppe Eving wegen „Heimtücke gegen die Partei“ Anzeige gegen ihn und zwei seiner Mitarbeiter erstattet hatte. Gegen den Daume-Mitarbeiter Paul Riedesel wurde dann von der Gestapo tatsächlich Anklage erhoben. Durch Daumes persönlichen Einsatz und freiwilliges Melden zur Wehrmacht blieb ihm aber die NS-Strafverfolgung erspart.

Zeuge bei Entnazifierungsverfahren

Ironie der Geschichte: Paul Riedesel war später Vorsitzender des Ausschusses, der 1948 über die Entnazifizierung Daumes mitentschied. Daume wurde von ihm denn auch als unbelastet eingestuft, während eine zweite Instanz Daume später als „Mitläufer“ einstufte und ihn zu einer Geldstrafe von 1000 Reichsmark verurteilte. Als Daume dagegen in Berufung ging, trat Riedesel als Entlastungszeuge für ihn auf. Mit Erfolg: Die Kammer sprach Daume frei und kam zu der Überzeugung, dass Daume „zumindest innerlich den Nationalsozialismus ablehnte“.

Jan C. Rode spricht von „Widersprüchen und Disparitäten“ in der Lebensgeschichte, mit denen sich Daume „einer veränderten Umwelt“ anpasste. „Scheinbar spielerisch“ sei ihm auch später „die Transformation von der NS-Diktatur in die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft“ gelungen.

Als Sportler aktiv

Klar ist: Für Daume stand Zeit seines Lebens der Sport im Mittelpunkt. Beim TSC Eintracht, dessen Vorsitzender er von 1945 bis 1953 war, war Willi Daume schon vor dem Krieg gleich in mehreren Sportarten aktiv, vor allem als Handballer. Bei den Olympischen Spielen 1936 war er Teil der deutschen Basketballmannschaft, die neu begründet und aus Leichtathleten und Handballern rekrutiert worden war.

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Das Daume-Firmengelände in Lindenhorst 2012. Damals erinnerte nur noch das Tor, das wenig später ebenfalls verschwand, an das Unternehmen. © Oliver Schaper (Archiv)

Wie sehr ihm der Sport am Herzen lag, zeigte sich, als Daume noch vor Kriegsbeginn 1939 zum Militärdienst einberufen wurde. Die Geschäftsführung der Handballsparte des TSC Eintracht wurde in dieser Zeit über das Sekretariat der Eisenfabrik Daume weitergeführt. Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst konnte er sich dann wieder selbst um das Unternehmen und den Verein kümmern. Er übernahm sogar zusätzlich die Leitung der Eintracht-Jugendabteilung, pendelte beruflich zwischen Dortmund und Antwerpen, wo die Firma ein Zweigwerk betrieb.

Dafür, dass er sich dabei jüdisches Vermögen angeeignet hatte, wie der MfS der DDR vermutet hatte, gibt es allerdings keine Hinweise. Jan C. Rode kommt denn auch zu dem Schluss: Falls die DDR wirklich belastende Unterlagen über Daumes Rolle in der NS-Zeit gehabt hätte, sei davon auszugehen, „dass sie zur Imageschädigung auch veröffentlicht worden wären“.

So blieben in den Stasi-Akten am Ende eher harmlose Abschriften von Interviews und Beobachtungsberichte über Hotelaufenthalte und Autobahnfahrten von Deutschlands führendem Sportfunktionär aus Dortmund-Lindenhorst.

Willi Daume und Dortmund

  • Willi Daume war einer der bedeutendsten deutschen Sportfunktionäre nach dem Krieg. Von 1950 bis 1970 war er Präsident des Deutschen Sportbundes, von 1961 bis 1992 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und von 1972 bis 1976 IOC-Vizepräsident. Er war einer der Mitorganisatoren der Olympischen Spiele 1972 in München.
  • An Daume erinnert in Dortmund heute das „Willi-Daume-Haus“ als Sitz des Deutschen Handballbundes (DHB) an der Strobelallee. Daume war Mitbegründer und von 1949 bis 1955 erster Präsident des DHB.
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    Den Namen Willi-Daume-Haus trägt die Zentrale des Deutschen Handballbundes am Rabenloh gleich neben dem Stadion. © Oliver Volmerich

  • Daume starb am 20. Mai 1996 in Grünwald bei München, wo er zuletzt lebte. Sein Grab ist aber auf dem Dortmunder Hauptfriedhof.
  • Die Eisengießerei Daume musste 1993 Vergleich anmelden. 2012 wurden die letzten Gebäude abgerissen. Heute ist auf dem Gelände an der Lindenhorster Straße eine Mietgaragen-Anlage.
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