Wie die Überreste einer V2-Rakete auf die Zeche Zollern kamen

mlzWissens-Ausstellung

„Alles nur geklaut“ ist der Titel einer Ausstellung, die das Industriemuseum Zeche Zollern ab 23. März zeigt. Das spektakulärste Ausstellungsstück ist schon da: Ein Bauteil einer V2-Rakete.

Dortmund

, 26.02.2019, 18:28 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist wahrlich ein schwergewichtiges Ausstellungsstück. Rostig braun und verziert mit allerlei Kalkablagerungen liegt die Turbopumpe in einem quadratischen, mit Wasser gefüllten Behälter. Das „Aquarium“ sorgt dafür, dass das historische Relikt erhalten bleibt. Denn die Turbopumpe lagerte bis 1997 unter Sauerstoffabschluss in der unterirdischen NS-Rüstungsfabrik Mittelwerk – und erzählt die Geschichte von Fortschrittsglauben, der offenbar keine moralischen Grenzen kannte.

Genau darum geht es in der Ausstellungseinheit der LWL-Schau „Alles nur geklaut? Die abenteuerliche Wege des Wissens“. „Es geht um Profit und Moral“, erklärt Ausstellungsleiterin Anja Hoffmann.

Die Geschichte des Wernher von Braun

Im Mittelpunkt der Ausstellungseinheit steht Raketenbauer Wernher von Braun, der erst für die Nationalsozialisten als technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde Raketen wie die „Vergeltungswaffe 2“ (V2) entwickelt und gebaut und später für die USA maßgeblich am Raumfahrtprogramm mitgearbeitet hat. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er mit einem großen Teil seines Teams in die USA gebracht. Insgesamt 127 Wissenschaftler umfasste das ‚German Rocket Team‘, das den USA einen sprunghaften Zugewinn an Wissen über Raketenantriebe als Basis für weitergehende Entwicklungen bis hin zum Mondflug brachte. „Wernher von Braun hat für seinen Traum, Raketen zu bauen, nicht unterschieden, wem er sein Wissen zur Verfügung stellt“, sagt Anja Hoffmann.

Wie die Überreste einer V2-Rakete auf die Zeche Zollern kamen

Wernher von Braun (M.) und Präsident Kennedy 1963 am Cape Canaveral. Links im Bild das Modell einer Saturn IV-Rakete. © Nasa

Nicht zuletzt sind die Umstände, unter denen er seinen Traum verwirklichen wollte, fragwürdig. Gebaut wurden die V2-Raketen ab 1944 in der unterirdischen Rüstungsfabrik der Mittelwerk GmbH im Kohnstein nahe Nordhausen mithilfe von Zwangsarbeitern, die in einem nahegelegenen Konzentrationslager interniert waren. Mindestens 12.000 von ihnen starben infolge der inhumanen Arbeits- und Lebensbedingungen. Die V2, die unter anderem bei deutschen Luftangriffen auf England, Frankreich und Belgien zum Einsatz kam, gilt damit als einzige Waffe in der Geschichte, bei deren Herstellung mehr Menschen getötet wurden als bei deren Einsatz.

Leihgabe aus der KZ-Gedenkstätte

Aus der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen stammt auch die jetzt auf der Zeche Zollern ausgestellte Turbopumpe der V2-Rakete. Sie liegt seit gut 20 Jahren in einem 1,5 Kubikmeter fassenden Becken, das zum Schutz gegen Korrosion mit sauerstoffarmem Wasser aus der unterirdischen Rüstungsfabrik gefüllt ist.

Für den Transport von Nordhausen nach Dortmund wurde das insgesamt zwei Tonnen schwere Gefäß, das über die Jahre etwas Flüssigkeit verloren hatte, jetzt erstmals geöffnet und mit entgastem Wasser aufgefüllt. Zuständig dafür waren Martin Kaufmann und Ulrich Feldmann vom Restaurierungsatelier „Die Schmiede“ in Duisburg. Beide waren 1997 im Rahmen ihrer Diplomarbeit maßgeblich an der Bergung und Konservierung der Pumpe beteiligt.

Wie die Überreste einer V2-Rakete auf die Zeche Zollern kamen

Die Bergung der Turbopumpe 1997 in einem Stollen der unterirdischen Rüstungsfabrik Mittelwerk bei Nordhausen. Links im Bild Ulrich Feldmann vom Restaurierungsatelier „Die Schmiede“, die jetzt auch den Transport der V2-Teile von Thüringen nach Dortmund übernahm. © LWL

Bergungstaucher hatten damals in einem vom Deutschen Technikmuseum geleiteten Projekt Raketenteile aus dem gigantischen Stollensystem der ehemaligen Rüstungsfabrik geborgen. Große Teile liefen mit Wasser voll, nachdem die Pumpen nach Kriegsende abgestellt worden waren. „Weil dieses Wasser aufgrund des besonderen Gesteins sehr wenig Sauerstoff enthält, hatten die Objekte die Jahrzehnte relativ unbeschadet überstanden“, erzählt Restaurator Martin Kaufmann.

Um diesen Zustand zu erhalten, pumpte die Feuerwehr seinerzeit Wasser aus der Stollenanlage in einen großen Container vor dem Eingang. So wurde die Pumpe über eine Transportbox in die Spezialvitrine „umgebettet“, ohne dass sie mit Sauerstoff in Berührung kam.

Wie die Überreste einer V2-Rakete auf die Zeche Zollern kamen

Mehrere Raketenteile wurden inzwischen auf der Zeche Zollern angeliefert. © Annette Hudemann/LWL

Die Turbopumpe war das Herzstück der V2-Rakete. Sie sorgte für eine starke Verdichtung des Brennstoffes und machte damit den Raketenflug erst möglich. Neben der in Wasser gelagerten Pumpe sind aber in der Ausstellung auf der Zeche Zollern auch weitere Raketenteile und Modelle von Nasa-Mondraketen zu sehen – und Erinnerungsstücke von Zwangsarbeitern aus dem KZ Mittelbau-Dora.

Ab 23. März auf der Zeche Zollern

LWL-Ausstellung rund ums Wissen

  • Die Ausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) „Alles nur geklaut? Die abenteuerlichen Wege des Wissens“ ist vom 23. März bis 13. Oktober 2019 im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern in Bövinghausen zu sehen.
  • Die Ausstellung zeigt an Beispielen aus Geschichte und Gegenwart, wie Wissen geschaffen, geteilt und geschützt wird.
  • Das Spektrum der Exponate reicht vom 4.000 Jahre alten Scheibenrad über eine BH-Minikamera und die Verschlüsselungsmaschine Enigma bis hin zur elektronischen Fußfessel.
  • Abenteuer und Rätselspaß versprechen sechs Escape-Rooms in der Ausstellung.
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