Reporterin Nora Varga mit ihrem Impfausweis ein paar Minuten nach der Impfung. © Nora Varga
Coronavirus

Wie ich ohne Termin eine Corona-Impfung in Dortmund bekommen habe

Ein bisschen in der Schlange stehen und ohne Termin gegen Corona geimpft werden. Was unmöglich klingt, ist in einer Dortmunder Arztpraxis Realität. Unsere Reporterin hat es ausprobiert.

Als ich zum ersten Mal von dieser Aktion höre, klingt es zu schön, um wahr zu sein. Zu Zeiten großer Impfstoff-Knappheit bietet eine Dortmunder Artpraxis an, einfach vorbeizukommen und sich ohne Termin impfen zu lassen.

Wirklich misstrauisch werde ich, als ich die Visitenkarte der Praxis von Hassan Abdalla sehe. Um eine goldene Spritze mit Flügeln rankt sich ein Stethoskop, an dem unten ein Diamant steckt. In gelber Schrift, die ein bisschen wie tropfendes Blut aussieht, steht über der Karte „Praxis am Reinoldi“. Auf Facebook hatte die Praxis mit der Impfung ohne Termin geworben.

Die Karte der Praxis am Reinoldi sieht für einen Mediziner eher untypisch aus.
Die Karte der Praxis am Reinoldi sieht für einen Mediziner eher untypisch aus. © Nora Varga © Nora Varga

So ungewöhnlich das Design und das Angebot auch wirken: Ich bin verzweifelt genug, es zu versuchen. Mit 20 Jahren und ohne Vorerkrankungen oder Priorisierung scheint die Impfung für mich unerreichbar weit weg. Auch wenn ich bei allen meinen Ärzten auf der Liste stehe, seit die Priorisierung gefallen ist, habe ich mich auf monatelanges Warten eingestellt. Was habe ich also zu verlieren?

Am Abend vorher telefoniere ich mit einer Freundin. Sie ist pessimistisch: „Ach, das wird eh nichts. Entweder es ist ein Fake, man muss da Patient sein oder die haben nur ein paar Impfdosen. Als ob das einfach so geht.“

Egal, ich versuche es. Um 7.50 Uhr steige ich am Donnerstag an der Reinoldikirche aus der U-Bahn. Ab 8 Uhr soll es losgehen. Oben angekommen, sehe ich die Schlange. Ungefähr 20 Menschen warten vor der Praxis an der Kuckelke 4. Im zweiten Stock hängt ein großes Banner, das für die Impfung wirbt. Beim Anblick der Schlange überlege ich schon umzudrehen, aber die Hoffnung, doch noch eine Impfung zu ergattern, siegt erneut.

Wenige Minuten später ist die Schlange doppelt so lang, rund 40 Menschen warten. 8 Uhr, es soll losgehen, es geht aber nicht los. Dafür wird die Schlange ständig länger. Menschen, die aus der U-Bahn steigen, betrachten verwirrt die Menschenansammlung. Immerhin ist es warm und man kann entspannt draußen stehen.

Viele junge Menschen

Das Angebot hat sich offenbar herumgesprochen. Um 8.30 Uhr warten bereits um die 100 Menschen vor der Tür. Viele sind in Gruppen gekommen, vor allem Menschen in meinem Alter. Viele haben offensichtlich einen Migrationshintergrund, man hört die verschiedensten Sprachen.

An das Weggehen verschwende ich keinen Gedanken mehr: So viele Menschen können sich doch nicht irren. Die Stimmung ist gut, die Wartenden plaudern miteinander. Vielen geht es ähnlich wie mir. Sie sind zu jung und ohne Priorität und wurden deswegen vor der Impfstoff-Freigabe nicht geimpft.

Aus den Fenstern der Praxis sieht man, wie lang die Schlange an der Reinoldikirche in Dortmund wirklich ist.
Aus den Fenstern der Praxis sieht man, wie lange die Schlange wirklich ist. © Nora Varga © Nora Varga

8.40 Uhr. Tatsächlich: Es geht los: Eine Arzthelferin tritt aus der Tür, holt die ersten zehn Impfwilligen herein. Vor mir stehen immer noch etwa 20 Leute. Die Schlange ist weiter gewachsen, führt am U-Bahn-Eingang Reinoldikirche vorbei bis zur Ecke des C&A-Gebäudes. Mehrfach sprechen mich Menschen an und fragen, was es hier umsonst gebe.

Langsam und in Grüppchen werden immer neue Leute durch das Treppenhaus nach oben gelotst. Gegen 9.30 Uhr bin ich dran, in einem Pulk der nächsten zehn Wartenden. Wie die Enten watscheln wir hintereinander das Treppenhaus hoch. Fünf dürfen direkt in die Praxis, ich muss mit vier anderen vor der Tür warten.

Wir kommen ins Gespräch. Die Mitwartenden sind Informatik-Studenten an der TU Dortmund. Uns verbindet die angespannte Vorfreude, die heiß begehrte Impfung zu erhalten. Wir alle hoffen auf Freiheiten und Reisen. Einer erzählt: „Man will halt endlich wieder raus.“ Anders als bei den Älteren spielt bei keinem von uns die Angst vor einer Corona-Infektion eine Rolle.

Ohne Beratung direkt zur Impfung

Die Tür geht auf, wir betreten die Praxis. Es ist hektisch, Helfer, Impflinge und der Arzt eilen durch die Räume. Eine Helferin nimmt mir meinen Impfausweis und die Versicherten-Karte ab, drückt mir ein Klemmbrett in die Hand. Ich fülle aus, dass ich auf ein Beratungsgespräch verzichte und mir alle Risiken der Impfung bewusst sind.

Ein bisschen mulmig ist mir schon. Das Für und Wider der Impfungen und einzelner Impfstoffe sind mir seit Monaten präsent. Ich unterschreibe die Einwilligung. Die Praxis verimpft Biontech und Johnson&Johnson. Wegen der Empfehlung der Impfkommission habe ich auf Biontech gehofft.

Die Helferin nimmt mein Klemmbrett entgegen, ich darf ins Behandlungszimmer gehen. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Arzt Hassan Abdalla nimmt er eine der vorbereiteten Spritzen und ich bekomme den wahrscheinlich bislang wichtigsten Piekser meines Lebens.

Er dauert kaum eine Sekunde, es tut nicht weh und ist ruckzuck vorbei. „Das war jetzt übrigens Biontech“, erklärt Hassan Abdalla. Ein Helfer trägt die Impfung in meinen gelben Impfpass ein. An der Rezeption erhalte ich einen Termin für die Zweitimpfung in sechs Wochen.

IIch frage Abdalla auch noch, wie es zu der ungewöhnlichen Aktion kommt. Er erzählt, dass die Praxis noch recht neu sei und er noch keinen Patientenstamm habe, den er bevorzugt impfen könne. Er betont immer wieder, wie wichtig es ihm ist, dass alle, die wollen, ihre Zweitimpfungen erhalten. Wer seine Erstimpfung nicht bei ihm bekommen hat, kann für die Zweitimpfung dennoch zu Hassan Abdalla: „Die Zweitimpfungen werden vorgezogen und haben Priorität.“

Ich verlasse die Praxis. Erst jetzt kann ich mein Glück so richtig fassen und kann unter der Maske nicht aufhören, zu grinsen. Mehr als ein Jahr habe ich mich eingeschränkt, wenige Menschen gesehen, Hunderte Zoom-Konferenzen geführt und bin nicht gereist. Diese Impfung fühlt sich besser an als Geburtstag und Weihnachten zusammen. Auch wenn ich erst in acht Wochen als „vollständig geimpft“ gelte: Dieser Piekser war mein Ticket zurück in die Freiheit – und in eine Zukunft ohne Coronavirus. Als ich gehe, stehen immer noch etliche Menschen in der Schlange und warten auf ihre Impfung.

Praxis bricht Aktion ab

Die ungewöhnliche Initiative findet einige Stunden später ein plötzliches Ende. Das Ordnungsamt wird auf die Menschenmenge aufmerksam. Stadtsprecher Maximilian Löchter erklärt später: „Der Außendienst des Ordnungsamtes hat die lange Schlange und fehlende Mindestabstände bemerkt und daraufhin den Verantwortlichen darüber informiert, dass das „Schlangenmanagement“ durchgehend von ihm zu gewährleisten ist. Welche Maßnahmen der Verantwortliche letztlich konkret getroffen hat, kann er nur selbst beantworten.“

In den Mittagsstunden entscheidet sich die Praxis, die Aktion abzubrechen und Impfungen künftig nur noch mit Terminen auszugeben. Wo vorher noch etliche Menschen gewartet hatten, hängt nun nur noch ein Zettel mit einer Telefonnummer – und dem Hinweis, man möge sich einen Termin machen. Die Menschenmenge hat sich zerstreut.

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
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Nora Varga

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