Die 8. Sinfonie von Gustav Mahler ist ein einzigartiges Ereignis. Die Dortmunder Philharmoniker spielen sie an zwei Abenden im Konzerthaus Dortmund, das eigentlich zu klein dafür ist.

Dortmund

, 02.07.2018, 17:29 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fast 40 Jahre ist es her, dass in Dortmund zuletzt Gustav Mahlers achte Sinfonie zu hören war. Jetzt führen Generalmusikdirektor Gabriel Feltz und die Philharmoniker sie wieder auf. Das Konzert „himmel_reich“ nennt Feltz ein „absolut singuläres Ereignis“. Das ist musikalisch gemeint – aber auch hinsichtlich der Organisation und der Logistik.

Das ist die Aufstellung der Philharmoniker

Das sprechende Bild erklärt die Aufstellung der Musiker auf der Konzerthausbühne. Es zeigt die Bühne von oben gesehen, unten in der Mitte steht Dirigent Gabriel Feltz, mit dem Gesicht zur Bühne und dem Rücken zum Publikum.

Der Beiname „Sinfonie der Tausend“ stammt nicht vom Komponisten selbst, sondern wurde ihr nach der Uraufführung 1910 verliehen, an der mehr als 1000 Instrumentalisten und Sänger mitgewirkt hatten. Im ersten Satz vertont Mahler den mittelalterlichen Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“. Der zweite, längere Satz handelt von der Schlussszene aus Goethes „Faust“.

In größter Besetzung

In Dortmund ist allein der personelle Aufwand beeindruckend. Die Philharmoniker spielen in größter Besetzung mit rund 120 Musikern. Darüber hinaus habe er „zwei der besten Chöre Europas“ engagiert, sagt Feltz: den Tschechischen Philharmonischen Chor Brno und den Slowakischen Philharmonischen Chor Bratislava.

Außerdem singen der Dortmunder Knabenchor und acht Solisten (einer singt vom Balkon herab). Insgesamt sind es mehr als 300 Musiker auf der Konzerthausbühne – das ist, laut Konzerthaus, Rekord.

„Es sah so aus, als würde es nicht passen“

„Am Anfang“, sagt Feltz, „sah es wirklich so aus, als würde das alles einfach nicht auf die Bühne passen.“ Orchesterinspektor Michael Baker habe in Millimeterarbeit die Sitze aller Musiker hin- und hergerückt, bis alles gepasst hat.

Das ist aber noch nicht alles: Die Probe am Montag und beide Konzerte werden für eine CD aufgenommen. Das bedeutet: Zusätzlich werden etwa 40 Mikrofone samt Stativ und Kabeln zwischen den Musikern aufgestellt. Weitere Mikros hängen von der Decke.

„Übervoll an Einfällen“

Feltz über Mahler: „Mahlers Sinfonien sind so übervoll an Einfällen. Das war ja sein Credo, er hat gesagt: Eine Sinfonie komponieren, heißt eine ganze Welt zu erschaffen. Mit allen Mitteln, radikal, das Orchester technisch an die Grenzen führen – und auch in der Größe.

Dieses Werk ist das zweitgrößte der gesamten Orchesterliteratur. Größer sind nur Schönbergs Gurrelieder. Die haben noch ein bisschen mehr Orchester, die Chorbesetzung ist etwa gleich groß, dafür sind es nur 5 Solisten.“

Die achte Sinfonie sei, habe Mahler gesagt, das beste Stück, das er gemacht hat. In ihr versuche Mahler, die menschliche Stimme komplett in den Orchesterklang zu integrieren, sie wie ein Instrument zu behandeln.

„In der Kunst Gott sei Dank nicht so“

Feltz: „Und dann natürlich dieser Text, die Verheißung im Hymnus und die existenziellen Fragen, die im ‚Faust‘ aufgeworfen werden. In unserer Gesellschaft wollen wir ja immer klare, kompatible Lösungen. Das ist in der Kunst Gott sei Dank nicht so. Da bleiben große Fragezeichen.“

Der zweite Satz, die Vertonung des Schlusses von Goethes „Faust“, „ist wie eine Mini-Oper in sich, hat sehr plastische, theatralische Elemente. Und es ist ganz witzig, dass Mahler in der Partitur dazu visuelle Anweisungen gibt: ‚Bergschluchten. Wald, Fels, Einöde. Heilige Anachoreten, gebirgauf verteilt, gelagert zwischen Klüften.‘ Wie soll man das musikalisch umsetzen?“ An dieser Stelle lacht Feltz herzlich.

Die zweite Meinung

Dr. Alexander Gurdon ist Musikwissenschaftler an der TU, Musiker und leidenschaftlicher Mahler-Forscher.

Er sagt: „Gustav Mahlers achte Sinfonie ist technisch einfacher als die übrigen. Aber sie ist sehr vielschichtig und verführt mit vielen pathetischen Elementen, wie zum Beispiel den Chorälen, dazu, in den Kitsch abzugleiten. Eine wirklich gelungene Aufführung von Mahlers Achter ist ausgesprochen schwierig.

Den Philharmonikern traue ich das aber absolut zu. Ich habe Mahlers Zweite und Dritte von ihnen gehört.


Von Gabriel Feltz wünsche ich mir, dass er versucht, dieses vielschichtige Werk zu durchleuchten und transparent aufzuschlüsseln – vor allem den zweiten Satz, der eigentlich drei bis vier eigene Sätze in sich vereint.“

Beide Konzerte sind bereits ausverkauft.
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