Wie sich eine Dortmunderin und ein Pferd gefunden haben

Diva und Dickkopf

Beide haben einen Dickkopf. Beide mögen die Freiheit. Beide sind wie füreinander geschaffen. Zusammen sind sie ein außergewöhnliches Pferd und ein ebenso außergewöhnlicher Mensch. Josefine Wildt und ihre Diva sind beste Freunde.

DORTMUND

18.12.2016, 03:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Reiterin bin ich seit meinem sechsten Lebensjahr“, sagt Josefine Wildt (23) in der rustikalen und gemütlichen Sattelkammer des Stalls an der Schweizer Allee in Aplerbeck, während die Diva auf dem Platz mit aufmerksamen Ohren, neugierigen Blicken und schnaufenden Nüstern in der Tür steht.

Die Diva in diesem Offenstall trägt nicht ohne Grund diesen Namen: Die feine Dame mit dem vornehm wirkenden flauschigen Winterfell lässt sich gerne bitten. Das war auch in den kalten Wintertagen im Januar 2015 so. „Eigentlich wollte ich kein Pferd mehr“, berichtet Josefine Wildt über ihre Trauer nach dem Tod ihrer 13-jährigen „Tammi“. Aber dann las sie im Internet eine Anzeige: „Pferd abzugeben“. „Ich wollte doch nur mal gucken.“

"Wir standen vor einem Häufchen Elend"

Mit ihrem Freund Patrick (24) fuhr sie also nach Gelsenkirchen, wo ein Tierschützer leidende Vierbeiner aufpäppelt und verkauft. „Wir standen vor einem Häufchen Elend“, erinnert sich Josefine Wildt an den ersten Tag. Vor ihr in der Box: Ein fast zwei Jahre altes Fohlen mit 1,37 Meter Schulterhöhe, das sehr früh von seiner Mutter getrennt worden ist. In einer Stutenmilchfarm im europäischen Ausland.

Josefine Wildt: „Die Fohlen werden von der Mutter getrennt, damit sie nicht die Milch trinken. Denn die Milch wird für industrielle Zwecke verwendet.“ Das Häuflein Elend stand mit dem Kopf in der dunkelsten Ecke der Box. „Sie sah so traurig aus und wir wurden gewarnt, weil sie nicht gerade freundlich zu Menschen war. Tatsächlich hat sie mit Zähnen, Hufen und Hintern ihre Abneigung gegenüber Menschen unterstrichen.“ Dieser erste Kontakt hätte also der letzte Kontakt sein können. Doch Josefine vor der Box und das Fohlen in der Box haben etwas gemeinsam: „Den Dickkopf“, sagt Patrick, weshalb Josefine kurz grinsen muss.

Das ist Diva: Neugieriger Dickkopf mit flauschigem Fell und Vorliebe für Brötchentüten. Foto: Peter Bandermann

Dann wird sie ernst und sagt: „Dieses junge Pferd, es erinnerte mich an mich. Denn ich hatte es auch nicht immer leicht im Leben und kenne Zeiten, in denen ich von Menschen nichts wissen wollte. Ich habe mich mindestens so traurig gefühlt wie das Pferd, das mit dem Kopf in der dunkelsten Ecke dieser Box stand.“

Aus „nur mal gucken“ wurden beste Freunde. Vier Wochen dauerte das. „Wenn wir sie nicht mitnehmen, wer macht das dann – und was wird aus ihr?“, fragten sich Josefine und Patrick. Täglich fuhren beide von Dortmund nach Gelsenkirchen. Täglich wuchs das Vertrauen. „Manchmal durften wir sie auch berühren. Aber die Ohren waren kritisch.“ Kritisch war deshalb auch das Anlegen des Halfters. Was dann doch glückte. „Völlig erschrocken standen wir uns gegenüber. Dann kehrt Ruhe ein und wir hatten einen gemeinsamen Herzschlag. Ab da ging alles.“

"Das ist eine reine Mädels-WG"

Während Josefine Wildt das erzählt, entdeckt Diva die Brötchentüte, die außen an der Sattelkammer lehnt. Diva lebt mit sechs anderen Stuten in einem Offenstall. Josefine erklärt: „Eine Box ist für Pferde okay. Aber jederzeit laufen zu können, das ist schöner, weil Pferde Fluchttiere sind. Falls hier in Deutschland mal ein Puma vorbei kommt“. In diesem Offenstall bilden die sieben Stuten eine Mini-Herde inklusive gegenseitiger Fellpflege. „Das ist eine reine Mädels-WG“, sagt die Dortmunderin, die einmal pro Woche den Stalldienst für alle übernimmt und täglich für Diva da ist.

Mit fast vier Jahren ist Diva die Jüngste und die Frechste. Patrick ist ihr Kratzbaum. Wenn er nicht als Leckerchenautomat dienen muss. „Er ist ihr Kumpel“, sagt Josefine, die ihre eigene Beziehung zu Diva so beschreibt: „Du musst sanft zu ihr sein. Sie hat zwar einen Dickkopf, aber mein Dickkopf ist dicker. Sonst tanzt sie einem auf der Nase rum. Man muss ihr Grenzen setzen, darf dabei aber nicht böse sein.“ Bei Menschen soll das ja auch so sein. Über das Reiten spricht Josefina Wildt nicht viel. Diva lässt sich zwar reiten. Aber es gibt gerade andere Prioritäten: „Wir wollen Freunde sein.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt