Digitalisierung am Gymnasium: Gute Ausstattung, langsames Internet

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Am Bert-Brecht-Gymnasium gibt sich die Lehrerschaft mit der digitalen Ausstattung sehr zufrieden: 253 iPads und zig Beamer helfen beim Unterrichten. Doch zwei Dinge fehlen noch zum Glück.

Kirchlinde

, 09.11.2020, 08:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die beiden Mathematik- und Physiklehrer Christian Gervens (31) und Christoph Raguse (43) sind am Bert-Brecht-Gymnasium (BBG) diejenigen, die sich um die digitalen Endgeräte kümmern.

Heißt: Sie laden Updates auf die Schul-iPads, halten Drucker am Laufen und koordinieren generell die IT-Infrastruktur am Gymnasium – und das neben ihren eigentlichen Aufgaben als Lehrer.

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Das ist ziemlich zeitaufwendig. Während der Sommerferien 2019 war Christoph Raguse nur eine Woche frei, weil er sich um den Support der damals neuen iPads gekümmert hat. „Fünf Wochen war ich hier“, sagt Christoph Raguse.

Auch Christoph Raguse (43) hat für ein Porträt-Bild den Mund-Nasen-Schutz abgenommen. Der Zoom der Handy-Kamera stellte sicher, dass der nötige Abstand eingehalten wird.

Auch Christoph Raguse (43) hat für ein Porträt den Mund-Nasen-Schutz abgenommen. Der Zoom der Handy-Kamera stellte sicher, dass der nötige Abstand eingehalten wird. © Freddy Schneider

Klar, dass er sich zu dem Zeitpunkt so ins Zeug legen musste, lag daran, dass alle Geräte neu da waren und eingerichtet werden mussten. Dennoch kostet diese Arbeit auch jetzt im Schulalltag viel Zeit.

Lehrer sind sehr engagiert

Dabei klingen er und sein Kollege nicht verbittert oder genervt. Im Gegenteil: Sie lieben ihren Job, das ist deutlich zu spüren. Zwar kriegen die beiden Lehrer Ausgleichszeit für ihre zusätzliche Arbeit. Doch dass das nicht die tatsächlich investierte Zeit ausgleicht, ist wohl allen klar.

Dass die Zwei die Richtigen für diesen Job sind, steht außer Frage. Christian Gervens: „Ich mache gerade einen Zertifikatskurs.“ Er belegt eine IT-Fortbildung des Schulministeriums NRW.

Und so sieht Christian Gervens (31) ohne Mund-Nasen-Schutz aus. Keine Sorge: Beim Fotografieren hat die Redakteurin ausreichend Abstand gehalten.

Und so sieht Christian Gervens (31) ohne Mund-Nasen-Schutz aus. Keine Sorge: Beim Fotografieren hat die Redakteurin ausreichend Abstand gehalten. © Freddy Schneider

Raguse hat Informatik studiert, das Studium allerdings nicht beendet, weil ausgerechnet dann seine Tochter zur Welt kam. Das tut dem Ganzen aber keinen Abbruch. „Ich dürfte nur keine Abiturprüfungen abnehmen“, sagt er. Das Know-how hat er ja dennoch.

Neu ist: Nächstes Jahr kommen die Lehrer-iPads an

Derzeit gibt es 253 iPads am Bert-Brecht-Gymnasium. Eigentlich sind die rund 250 iPads für die Schülerschaft gedacht. Doch sieht sie Realität noch anders aus: 160 iPads nutzen die Schülerinnen und Schüler, die übrigen 93 nutzen Lehrerinnen und Referendare.

„Heute sind wir schon sehr viel besser ausgestattet als noch früher. Wir möchten nicht meckern.“
Christian Gervens (31), Lehrer

„Wir greifen also derzeit auf den Pool der Schüler-iPads zu. Die Endgeräte für uns Lehrer sollen wohl 2021 kommen“, sagt Raguse. Sprich: Nächstes Jahr können noch mehr Schüler Tablets nutzen.

Spätestens im März 2021 sollen Kinder von Eltern, die Arbeitslosengeld II bekommen, digitale Endgeräte vom Jobcenter finanziert bekommen, sagt Raguse.

Das stimmt mit einem Spiegel-Artikel überein: Im Mai hat das Landessozialgericht NRW entschieden, dass besonders während der Corona-Pandemie Schüler ein Tablet benötigen, um am Unterricht auf Distanz teilnehmen zu können.

Lehrer Christian Gervens (31) verstaut ein iPad in einem der 10 Tablet-Koffer.

Lehrer Christian Gervens (31) verstaut ein iPad in einem der 10 Tablet-Koffer. © Freddy Schneider

Zu den iPads kommen 10 Drucker und etliche Beamer hinzu. In jedem Klassenzimmer gibt es einen Apple TV, einen Beamer und Boxen, die der Förderverein der Schule finanziert hat. Die iPads werden in 10 Koffern aufbewahrt.

Im Vergleich: Die Droste-Hülshoff-Realschule nebenan verfügt laut Raguse über weniger iPads. Dafür gibt‘s dort größere, feste Beamer.

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„Wo es in mittelständischen Unternehmen mit dieser Ausstattung ganze IT-Abteilungen gibt, die sich kümmern, sind wir an der Schule zu zweit verantwortlich“, sagt Christoph Raguse.

Doch beide Lehrer räumen auch ein, dass sie das Systemhaus Dortmund der Stadtverwaltung unterstützt.

Das wünschen sich die beiden Lehrer

Was sich die beiden Lehrer wünschen, sind zwei Dinge. Erstens: schnelleres Internet. „Wir verfügen hier über eine 16.000er-Leitung. Das ist viel zu langsam, wenn man sich überlegt, dass im besten Fall 30 Schüler gleichzeitig im Internet sind“, sagt Raguse. Es fällt das Wort „Vollkatastrophe“.

Fakten

Das Bert-Brecht-Gymnasium in Zahlen

Am Bert-Brecht-Gymnasium unterrichten derzeit 84 Lehrerinnen und Lehrer 1000 Schülerinnen und Schüler. Hinzu kommen in der Kalenderwoche 46 „5 Referendar*innen, die nächste Woche dazukommen, aber erst ab dem Sommer eigene Klassen unterrichten werden“, sagt Lehrerin Janina Hofmann, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Gymnasiums kümmert. Es handelt sich beim BBG um ein fünfzügiges Gymnasium. „Allerdings ist der 5. Jahrgang in diesem Schuljahr nur 4-zügig. Die jetzigen 7. Klassen zählen bereits zum G9 Jahrgang. Wir haben also - normalerweise - 5 Klassen in den Jahrgängen 5-10“, erklärt Hofmann.

Telekommunikationsunternehmen wie die Telekom, Vodafone oder Unitymedia würden kein großes Interesse daran zeigen, am BBG für schnelles Internet zu sorgen. Zu aufwendig, nicht lukrativ genug.

Jetzt muss die Stadt Dortmund helfen. Doch das dauert: Bis Ende 2021 soll eine Glasfaserleitung gelegt worden sein, die schnelleres Surfen verspricht, berichtet Raguse. Wenigstens etwas früher soll nach Angaben von Martin Depenbrock vom Schulverwaltungsamt das gesamte Schulzentrum an städtisches WLAN angeschlossen sein: „bis Herbst 2021“ nennt er als Zielmarke.

Im Klartext heißt das aber auch: Im ganzen laufenden Schuljahr wird es mit einer vernünftigen Internet-Verbindung an der Schule nichts werden.

Wenn es dann aber soweit ist, werden auch die Droste-Hülshoff-Realschule und die Westricher Grundschule profitieren. In Kürze soll es einen Vor-Ort-Termin geben, bei dem sich Stadt und Schule beraten werden, welche Wünsche und Ideen es für die Digitalisierung am BBG gibt, sagt Depenbrock.

Pendant zum Hausmeister gewünscht

Der zweite Wunsch der beiden Lehrer: ein „Nicht-Lehrer“, der ihre systemadministrativen Aufgaben übernimmt. Also quasi ein Pendant zum Hausmeister. „Ich stelle mir das als schönen Job vor“, sagt Raguse.

BBG-Schulleiterin Sabine Schmidt Strehlau kann die Wünsche ihrer Kollegen sehr gut nachvollziehen.

BBG-Schulleiterin Sabine Schmidt Strehlau kann die Wünsche ihrer Kollegen sehr gut nachvollziehen. © Stephan Schütze (Archiv)

Dazu sagt Schulleiterin Sabine Schmidt-Strehlau: „Dieser ‚Traum‘ wird von vielen Schulleitungen geträumt.“ Die Dortmunder Gymnasialschulleitungen haben sich mit diesem Wunsch gemeinsam an die Stadt Dortmund als Schulträger und an die Bezirksregierung in Arnsberg gewandt, so die Schulleiterin.

Das ist die Krux an der Sache

Das Land NRW findet, die Kommunen müssen selbst für den Support der IT sorgen. Dem Dortmunder Systemhaus der Stadt fehlen dafür aber die Mitarbeiter.

Diese würden händeringend gesucht. Selbst wenn das klappt, „sind wir aber immer noch nicht bei einem solchen Support, wie es sich meine Kollegen wünschen“, bedauert die Schulleiterin.

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„Es ist nicht so, als würde dieser Wunsch prinzipiell abgelehnt, wie immer scheitert es vor allem an fehlendem Personal, an fehlenden Strukturen, die solche Stellen für Schulen vorsehen und auch an finanziellen Mitteln“, bringt es die Schulleiterin auf den Punkt.

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