Heilsbringer und begehrt: die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca. © Foto: dpa / Grafik: Klose
Meinung

Wieso sind so viele andere Dortmunder schon geimpft – und ich noch nicht?

Wieso sind so viele schon gegen Corona geimpft? Und vor allem: immer nur diejenigen, die jetzt auch schon dran sein sollten? Der ganz persönliche Eindruck unseres Autoren: Nein. Und das ist ein Problem.

Ich will das nicht. Dieses Ellenbogen-raus, dieses Schnips-schnips-hier-bin-ich-Herr-Lehrer. Beziehungsweise: Herr Doktor, nehmen Sie mich dran, jetzt, ich will die Spritze. Ich muss doch unbedingt im Sommer in den Urlaub fahren.

Wenn jeder an sich selbst denkt, ist auch an alle gedacht. Oder? „Fragen Sie bitte Ihren Hausarzt nach einer Corona-Impfung!“, hört man Politiker sagen, Woche für Woche für Woche. Nun gut, fügen sie hinzu, jetzt gerade sei vielleicht noch ein Engpass, aber dann… warten Sie noch kurz ein paar Wochen.

Dann bekommen wir ganz viel Impfstoff geliefert. Bald. Bestimmt. Geduld. Aber vielleicht fragen Sie jetzt schon mal nach.

„Komm gleich vorbei, ich hab noch Stoff“

Und so haben sich viele den Stich schon geholt. Die Rede ist nicht von Alten und Kranken, von Pflegern und Ärztinnen, Erziehern, Lehrerinnen, Supermarkt-Mitarbeitern, pflegenden Angehörigen und Kontaktpersonen von Schwangeren. Nein, von vielen anderen.

Diejenigen, die spätnachmittags den Anruf erhalten: Komm‘ gleich vorbei, ich hab noch Stoff. Also Impfstoff. Was im Einzelfall ja auch völlig in Ordnung wäre.

Bevor etwas weggeworfen wird, soll es verimpft werden. Nur: Diese Einzelfälle werden mehr und mehr zum System.

In Vielen wächst die Ohnmacht

Der Nachbar ist doch Arzt. „Sag mal, kannst du vielleicht…?“ Oder kennt man nicht einen, der einen kennt, der eine Praxis hat? Selbst wenn’s eine Frauen- oder Kinderärztin ist und man selbst ein Mann? Wenn doch genügend Astrazeneca da ist? „Hunderte habe ich am Wochenende geimpft“, schreibt ein Mediziner.

Ohnmacht ist ein passendes Wort für ein Gefühl, das in Vielen aufsteigt: sich ohne Macht zu fühlen, etwas dagegen tun zu können. Im Gegensatz zu anderen, die genügend Einfluss oder Macht oder Beziehungen haben. Plus vielleicht ein bisschen Glück.

Steuerfahnder dürfen, Handwerker aber nicht

Dann die immer neuen Prioritätsregeln: Steuerfahnder haben seit Wochen eine Impfberechtigung. Der Gerichtsvollzieher darf. Der Elektriker, der auch Tag für Tag in fremde Wohnungen muss, aber nicht. Ist das noch gerecht?

Was ist geworden aus dem Grundsatz, Schutz für diejenigen, die ihn am nötigsten brauchen? Wo ist die Solidarität? Wo kann sie bleiben, wenn man Tag für Tag hört: Sieh zu, renn los, nerve die Ärzte, Ellenbogen raus, jeder für sich?

Aber jetzt wird doch auch in sozialen Brennpunkten geimpft, werfen Sie ein? Da, wo viele Menschen in hohen Häusern eng zusammenwohnen, wo sich das Virus explosionsartiger verbreiten kann als in der gediegenen Siedlung mit Garten an Garten?

Korrekt, das passiert jetzt, seit Freitag (28.5.) auch in Dortmund, wenn auch mit nicht ganz trennscharfer Einladung für die Nachbarschaft. Aber im großen Ganzen wirkt das nur wie ein Alibi.

Und jetzt sollen auch noch die Kinder?

Keine Einschränkungen mehr für Astrazeneca, zumindest nicht für den männlichen Teil der Bevölkerung. Dann ein Fallen der Prioritätsbegrenzung, noch lange bevor einige schützenswerte Gruppen eine Chance auf Impftermine hatten. Schließlich noch die Überlegung: Sollen die Kinder nicht auch direkt, die Ab-12-Jährigen zumindest?

Stellen wir uns mal vor: heißer Tag, Freibad, in der Zeit vor Corona. Alles überfüllt, aber der Kiosk hat falsch kalkuliert. Nur noch zehn kalte Wasserflaschen da, die restlichen Getränke ausverkauft. Was sollte man tun?

Das Wasser an diejenigen verkaufen, die halt am schnellsten da waren? Die am lautesten „Hier“ geschrien haben? Ganz gleich, wie Ihre Antwort ausfällt: Überlegen Sie auch, in welcher Art Gesellschaft Sie eigentlich gerne leben möchten.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Jahrgang 1977 - wie Punkrock. Gebürtiger Sauerländer. Geborener Dortmunder. Unterm Strich also Westfale.
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Björn Althoff