Eine Spritze mit Impfstoff gegen das Coronavirus. Jeder vierte Mensch in Dortmund hat bisher mindestens eine Dosis davon erhalten. © picture alliance/dpa
Meinung

Wir brauchen Impf-Euphorie statt Impf-Neid!

Jeder vierte Dortmunder hat bereits eine Erstimpfung erhalten, die Zahl steigt immer schneller. Es wird Zeit für mehr Impf-Euphorie, meint unser Autor. Auch, wenn der Lockdown hart bleibt.

Wir blicken in den vergangenen 14 Monaten so viel auf mathematische Kurven wie nie zuvor. Steigen sie, ist das ein schlechtes Zeichen. Nun gibt es eine Kurve, bei der das anders ist.

Die Impfquote in Dortmund hat sich innerhalb der zurückliegenden drei Wochen mehr als verdoppelt.

25 Prozent der Dortmunder Bevölkerung und damit rund 150.000 Menschen haben mindestens eine Dosis eines der verfügbaren Impfstoffe gegen das Coronavirus erhalten. Immer mehr Menschen kommen immer schneller in den Genuss eines umfassenden Schutzes vor einem schweren Covid-19-Verlauf.

Aus dem steigenden Tempo beim Impfen lässt sich Kraft ziehen

Das ist noch weit vom Idealzustand entfernt. Aber dass sich hier nach Anlaufschwierigkeiten etwas positiv entwickelt, ist aus meiner Sicht Anlass genug, um jetzt so etwas wie eine Impf-Euphorie zu entwickeln. Also aus dem Glauben, dass sich bald eine grundlegende Komponente im Kampf gegen das Virus verändern könnte, Kraft für die nächsten schwierigen Wochen zu ziehen.

Das halte ich zumindest aus meiner persönlichen Perspektive für dringend notwendig.

Denn die aufsteigende Kurve mag gut aussehen. Und im Umfeld vieler Menschen verändert sich durch die Impfung von nahestehenden Personen aktuell auch etwas Grundlegendes.

Wir sind in der bisher fragilsten Phase der Pandemie

Aber gleichzeitig ist dieser aktuelle (Dauer-)Lockdown die bisher fragilste Phase dieser Pandemie. Viele Familien mit Kindern sind am Limit. Das ist keine platte Floskel, sondern der Inhalt von Gesprächen mit berufstätigen und auch nicht-berufstätigen Eltern.

Dass in diesen Tagen eine mögliche Impfung von Kindern über 12 ab dem Sommer realistischer wird, ist deshalb eine gute Nachricht für all jene, die auf ein Ende des anstrengenden Nebeneinanders von Homeschooling, Beruf und fehlenden Freizeitmöglichkeiten warten. Die vor allem ihre Kinder endlich ausreichend vor dem Virus geschützt sehen wollen.

Impfstoff für Kinder macht Hoffnung

Bis der Impfstoff von BionTech zugelassen ist, müssen vor allem die Altersgruppen der Eltern jetzt schneller mit einbezogen werden. Das wäre die Voraussetzung dafür, überhaupt über so etwas wie Schule mit Präsenz ernsthaft nachzudenken.

Eltern sind in diesem Fall beispielhaft für viele Gruppen in der Gesellschaft, deren Leben gerade durch die Pandemie eingeschränkt ist.

Die Botschaft der Politik und der Impfstoff-Industrie lautet: Impfungen werden bald auch für die breite Masse der 20-50-Jährigen verfügbar sein. Die Reaktion vieler Bürger darauf lautet allerdings: Das glaube ich erst, wenn es so weit ist.

Statt Euphorie bestimmt im Moment noch Neid das Gefühl im Umgang mit dem Thema. Es braucht deshalb jetzt deutliche Zeichen dafür, dass Deutschland wirklich bereit ist, die Überbürokratisierung bei den Impfungen hinter sich zu lassen. Bereit, sich effiziente Wege zu überlegen, wie der hoffentlich dann verfügbare Impfstoff möglichst breit verteilt werden kann.

Kreative Lösungen sind gefragt – für alle Teile der Gesellschaft

Von der Gruppen-Impfung durch Betriebsärzte bis zum Drive-In-Zentrum im Industriegebiet wäre vieles denkbar. Hauptsache das Tempo bleibt hoch. Dabei müssen gleichzeitig hochkomplexe Fragen beantwortet werden. Etwa: Wie schafft man es, dass Impfungen nicht nur privilegierte, sondern auch marginalisierte Gruppen in der Gesellschaft erreicht?

Sie merken schon: Bei so vielen Detailfragen bleibt es weiterhin schwierig, positiv zu bleiben. Euphorie ist ein flüchtiges Gefühl. Wir haben also nichts zu verlieren, wenn wir uns darauf einlassen. Denn so schwer sich auch gerade alles anfühlen mag, fühlt man sich dem Ausgang aus dem Ausnahmezustand so nah wie nie.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
Zur Autorenseite
Felix Guth

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt