Wir sind bereits mittendrin und „Wehret den Anfängen!“ ist genau jetzt!

mlzKolumne: Klare Kante

Unsere Autorin sorgt sich um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie findet: Über die Sorgen „besorgter Bürger“ haben wir genug geredet. Jetzt müssen wir Flagge gegen Rechts zeigen.

von Deniz Greschner

Dortmund

, 04.02.2019, 04:04 Uhr / Lesedauer: 4 min

Und plötzlich steht er wieder vor mir: der besorgte Bürger. „Also, ich habe Angst vor denen!“, ruft der gepflegte Mann, während ich die Flyer und Broschüren des Multikulturellen Forums im Sommer 2018 beim Festival Dortbunt auslege.

„Wovor haben Sie Angst?“, frage ich. „Na da hat man schon Angst; ob es die Scharia ist, ob es die Unterdrückung der Frau im Islam ist. Die ganzen Vergewaltigungen, Beschimpfungen … Die machen doch immer Ärger! Oder haben Sie da keine Angst als junge Frau?“

Niemand hat mich je unterdrückt

„Nein, ich habe keinen Grund zur Sorge“, erwidere ich. „Wissen Sie, ich bin jeden Tag mit Menschen zusammen, über die Sie gerade ziemlich despektierlich sprechen und ich kann Ihnen versichern, mich beschimpft keiner von Ihnen. Außerdem komme ich selbst aus einer muslimischen Familie und niemand hat mich je unterdrückt. Genau das Gegenteil war der Fall; meine muslimischen Eltern haben ihre muslimische Tochter immer ermutigt und bestärkt.“

Die Argumentationslinie des Herrn ist wie bei fast jedem anderen „besorgten Bürger“, dem ich begegne: Die „linke Meinungsmaschinerie“ diskreditiere jegliche Meinungsfreiheit und man könne über nichts mehr diskutieren. Vor allem die Probleme mit dem Islam und dieser „unsäglichen“ Flüchtlingspolitik müsse man benennen können; dürfe man aber eben aufgrund der „unterdrückerischen politischen Korrektheit“ nicht.

Bundesbürger schätzen die Zahl der Muslime völlig falsch ein

Man müsste doch; man darf aber nicht?! Moment mal. Sind es nicht der Islam, die Muslime, die Geflüchteten und die Integrationsprobleme, über die wir kontinuierlich und zum Teil in einer äußerst abwertenden Rhetorik sprechen? Wir reden sogar so häufig darüber, dass der durchschnittliche Bundesbürger davon ausgeht, dass 20 Millionen Muslime in diesem Land leben. Dabei sind es „nur“ 4,4 Millionen.

Wir sind bereits mittendrin und „Wehret den Anfängen!“ ist genau jetzt!

Deniz Greschner © privat

Wenn ich mir die Häufigkeit und die Brisanz vor Augen führe, wie über den Islam, die Muslime, die Geflüchteten gesprochen wird, müsste dies in diesem Land das einzige „problematische“ Thema sein. Der Deutsche Kulturrat hat gezählt: In den vergangenen Jahren wurden auf insgesamt 100 deutschsprachigen Talkshows die Themen „Islam“ und „Geflüchtete“ behandelt. Wie inflationär ist das?!

Darf man Menschen ertrinken lassen?

Längst werden die Grenzen des Sagbaren überschritten. Schon wird darüber diskutiert, ob man Menschen retten darf, die im Mittelmeer ertrinken, oder ob man sie doch sterben lässt, weil sonst viele weitere „Afrikaner“ ermutigt würden, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Unser Bundesinnen- und -heimatminister, der dem Islam die Zugehörigkeit zu Deutschland abspricht, fasst es als Geburtstagsgeschenk auf, dass an seinem Ehrentag genauso viele Menschen nach Afghanistan abgeschoben wurden, wie Kerzen auf seine Geburtstagstorte gehören.

Im Bundestag und in den Landtagen sitzen Parlamentäre der in Teilen rechtsradikalen AfD, die Geschichtsrevisionismus betreiben, die Shoa relativieren, sich gegen jegliche Politik der Erinnerung stellen und zuletzt während einer Rede der verehrten Charlotte Knoblauch, Shoa-Überlebende und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, einfach aufstehen und den bayerischen Landtag verlassen. All das ist desillusionierend.

Menschen werden oft „fremdgemacht“

Dieser Diskursabsturz, der seinesgleichen sucht, löst in mir Ohnmachtsgefühle aus! Über die Sorgen der sogenannten besorgten Bürger haben wir viel zu lange und oft genug geredet! Worüber wir kaum geredet haben, sind die Sorgen der Menschen, über die hier – oft viel zu einseitig – gesprochen wird!

Menschen, die in diesen Diskursen häufig „fremdgemacht“ werden. Menschen, denen die Zugehörigkeit zur hiesigen Gesellschaft abgesprochen wird. Und ja, ich bin auch besorgt um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, um den Anstand, den ich in meinem Land bisher so schätzte und um unsere Demokratie!

Der „besorgte Bürger“ lief bei Nazi-Demos mit

Diese Sorgen sind nämlich nicht unbegründet. Wir haben im vergangenen Sommer erlebt, wie Rechtsradikale selbstbewusst durch die Straßen von Köthen, Chemnitz und auch Dortmund marschierten, mit „Rassenkrieg gegen das deutsche Volk“ hetzten und davon sprachen, „zu Wölfen zu werden und sie zu zerfetzen“.

Und der „besorgte Bürger“ lief auf diesen Demonstrationen mit und stand brav daneben, als der Neonazi den Hitlergruß zeigte. Kann das mit Naivität erklärt werden? Ich denke kaum.

In der Silvesternacht fährt dann letztlich ein Autofahrer in Bottrop, Essen und Oberhausen rassistisch motiviert seinen Wagen in Fußgängergruppen und verletzt dabei vier Menschen zum Teil schwer. Auch in Dortmund erleben wir es immer wieder, was es heißt, von Neonazis bedroht zu werden.

Dortmund kämpft so stark gegen den Rechtsextremismus wie keine andere Stadt

Ich weiß, dass in Dortmund die Bemühung um den Kampf gegen Rechtsextremismus so stark ist wie in keiner anderen Stadt. Wir haben eine starke Zivilgesellschaft, eine starke Stadtverwaltung, die Haltung zu zeigen weiß, und eine Polizei, die wachsam ist. Doch auch in Dortmund erleben wir nicht wenige Ausschreitungen und Ausfälle.

Es ging sogar so weit, dass im Sommer vergangenen Jahres Juden in Dortmund auf offener Straße von Neonazis angegriffen wurden und erst letzte Woche mussten wir erleben, wie sie eine Holocaust-Gedenkveranstaltung des Jugendrings störten.

Wir müssen alle aufstehen

Jetzt ist es soweit! Hier müssen wir alle aufstehen und Gegenposition beziehen! Mir machen die Demonstrationen für ein tolerantes Miteinander in Dortmund Hoffnung, doch ist da noch ziemlich Luft nach oben!

Wir haben starke Jugendorganisationen in unserer Stadt, auch welche von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, alevitische, muslimische, die Flagge zeigen und klare Stellung beziehen für Demokratie, gegen Antisemitismus, gegen Rassismus. Doch müssen wir sie stärken, sodass sie wachsen und sich stärker engagieren!

„Ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt“

Ich denke immer wieder an den Satz der Shoa-Überlebenden Esther Bejarano nach ihrem Auftritt im Dietrich-Keuning-Haus im Juni 2018: „Ihr habt keine Schuld an dem, was damals geschah, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese damalige Geschichte wissen wollt.“

Wir müssen unsere Angebote der politischen Bildung weiter ausbauen und Organisationen stärker fördern, die diese Arbeit machen! Und ganz wichtig: Kollektiv und kontinuierlich gegen Hass aufstehen! Und nicht nur – zurecht! – bei antisemitischen Überfällen von Muslimen; sondern auch aufschreien, wenn Antisemitismus von rechter Seite kommt.

Die Demokraten müssen zusammenhalten

Ich sehe in Dortmund die große Chance, starke Allianzen der Demokraten für Zusammenhalt zu bilden. Noch stärker, als es bis jetzt der Fall war: Und zwar unabhängig davon, welcher politischen Partei wir angehören. Denn „Wehret den Anfängen“ ist genau jetzt! Und wir sind bereits mittendrin und müssen uns wehren! Mit einem Aufstand der Demokraten!

Das ist die Autorin Deniz Greschner

Deniz Greschner leitet die Dortmunder Geschäftsstelle des Multikulturellen Forums und arbeitet am Institut für Islamische Theologie der Uni Osnabrück sowie an der FH Dortmund. Seit vier Jahren lebt sie in Dortmund.
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