Wo Matthias Sammer mit den BVB-Hooligans kickerte

25 Jahre Fan-Laden

Seit 25 Jahren gibt es den Fan-Laden an der Dudenstraße im Dortmunder Klinikviertel. Er ist heute Treffpunkt für alle Fans von Borussia Dortmund. Das war nicht immer so. Früher trafen sich dort nur die „harten Jungs“. Und ab und zu schauten auch BVB-Spieler vorbei.

DORTMUND

, 12.11.2017, 04:05 Uhr / Lesedauer: 5 min
Als Matthias Sammer kurz nach seinem Wechsel zum BVB in den Fanladen kam, war er noch ein schüchterner junger Mann.

Als Matthias Sammer kurz nach seinem Wechsel zum BVB in den Fanladen kam, war er noch ein schüchterner junger Mann. © Fanprojekt Dortmund

Wer die Geschichte des Fan-Ladens erzählt, sagt Thilo Danielsmeyer, der erzählt auch die Geschichte der Fans von Borussia Dortmund. Danielsmeyer ist von Anfang an dabei und weiß: Wo sich früher nur die „harten Jungs“ trafen, brummt heute das Fanleben vor jedem BVB-Spiel.

In diesen wenigen Quadratmetern auf halbem Weg zwischen City und Stadion habe sich so einiges ereignet und entwickelt, das wegweisend für die Dortmunder Anhängerschaft war. Danielsmeyer muss es wissen, er hat vor 25 Jahren geholfen, diesen Raum zu renovieren – und ist seitdem täglich dort.

Angebot des Fan-Projekts Dortmund

Der Fan-Laden ist ein Angebot das Fan-Projekts Dortmund. Das ist vor 30 Jahren gegründet worden, als Ausschreitungen und Schlägereien im Umfeld von Borussia Dortmund fast schon Normalität waren. Als die rechtsradikale Borussenfront ihre Hoch-Zeit hatte und Hooligans den Ton angaben.

Das Fan-Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit diesen Fans zu arbeiten, ihnen zu helfen, zu hinterfragen, warum sie gewaltbereit werden. Das Fan-Projekt wollte an den Ursachen arbeiten. Das macht es noch heute.

Büro im Schirikartenhäuschen

Rolf Arnd Marewski war damals der Leiter des Fan-Projekts. In einem winzig kleinen Büro im damaligen Schirikartenhäuschen am Stadion (dort, wo heute die Helmbude ist) machte er seine Arbeit. Vier Jahre lang.

Aber für ein erfolgreiches Projekt brauchte es mehr Platz, einen Ort, wo man sich zusammensetzen und reden konnte.

„Ein Sportlehrer, der mit den Jungs auch mal ein Pils trinken kann“

Es war 1992, als die Stadt Dortmund Marewski und seinem Team zwei Ladenlokale an der Dudenstraße 4 anbot. Es war Platz für ein Büro. Und für einen Laden, in dem sich die Fans treffen konnten. Es war auch das Jahr, in dem Thilo Danielsmeyer zum Fan-Projekt kam.

Der heute 59-jährige ist Lehrer: Sport und Erdkunde. Kein Sozialarbeiter. „Damals haben sie einen Sportlehrer gesucht, der mit den Jungs auch mal ein Pils trinken kann“, sagt er. So bekam er den Job.

Laden mit dem harten Kern der Hooligans renoviert

Gemeinsam mit dem harten Kern der Hooligans, erzählt Danielsmeyer, hätten sie damals, im Oktober 1992, diesen Laden renoviert. Eine Theke eingebaut. Zwei BVB-Wimpel an die Wand gehängt.

Heute ist hier kein Platz mehr frei zwischen schwarzgelben Schals, Fotos, Wimpeln und Erinnerungen. Der Fan-Laden sollte ein Treffpunkt werden.

Am Anfang waren nur die „harten Jungs“ da

Aber am Anfang seien hier eigentlich nur die „harten Jungs“ ein- und ausgegangen, sagt Danielsmeyer. Die Arbeit mit den Hooligans habe die Arbeit des Fan-Projekts über viele Jahre bestimmt.

„Wir wurden oft beschimpft“, sagt Danielsmeyer. Schließlich hätten sie mit extrem unbeliebten Menschen zusammengearbeitet. Aber: „Wir haben auch viel stabilisiert“, sagt Danielsmeyer. Für die, die damals den Laden mit aufgebaut haben, „haben wir Dauerkarten besorgt – und Jobs.“

Matthias Sammer - ein schüchterner, junger Mann

Ein Jahr nach der Eröffnung des Fan-Ladens kam Matthias Sammer zu Besuch. Er war gerade zum BVB gewechselt, ein schüchterner, junger Mann, der nun diesen Männern gegenüberstand, für die Gewalt Normalität war.

„Er musste“, erinnert sich Danielsmeyer, „seine Hände zeigen, damit die Jungs sahen, ob er Schwielen hatte.“ Sie wollten wissen, ob dieser Sammer ein harter Kerl sei, ob der was könne. Zwei Bier trank er mit ihnen. „Es war eine Prüfung“, sagt Danielsmeyer. Er lächelt.

Land engagiert sich seit Münteferings Besuch

Im gleichen Jahr kam Franz Müntefering, damals Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW. Er machte sich ein Bild von der Arbeit des Fan-Projekts und entschied, dass die Jugendarbeit, die dort geleistet wird, unterstützenswert ist.

Sie hätten ihm viel zu verdanken, sagt Danielsmeyer. Seit diesem Besuch engagiert sich das Land NRW für das Fan-Projekt. Viele andere Städte zogen mit Fan-Projekten nach.

Diskussion mit Jens Lehmann

Als BVB-Fans 2001 den BVB-Torhüter – und Ex-Schalker – Jens Lehmann nach einem Spiel angriffen, gab es im Fan-Laden ein Treffen. Lehmann bekam – diesmal verbal – den ganzen Frust der Fans ab. Aber am Ende diskutierten sie, konstruktiv. Und versöhnten sich. (Auch wenn sie ihn in Dortmund nie geliebt haben.)

Mit den Jahren verloren die Hooligans an Bedeutung. Rund um den Fußball gab es kaum Gewalt. Im Fan-Laden trafen sich immer öfter Fanclubs.

Größte Ultragruppe ging aus Stammtisch hervor

Ende der 90er kam im Fan-Laden auch der Stammtisch aktiver Fußballfans zusammen. Das waren Fans, die die Stimmung im Stadion verbessern wollten, die Einfluss auf den Verein nehmen wollten. Fans, die für die Borussia lebten, denen der Fußball so sehr am Herzen liegt, dass sie ihn mitgestalten wollten.

2001 ging aus diesem Stammtisch die heute größte BVB-Ultragruppe The Unity hervor. Auch die beiden anderen Ultra-Gruppen Desperados (1999) und die Jubos (2005) haben ihre Anfänge im Fan-Laden genommen.

Kern ist die Sozialarbeit

Heute ist an der Dudenstraße vor jedem Heimspiel von Borussia Dortmund die Hölle los. Hunderte Fans quetschen sich in den kleinen Raum, der so sehr nach Borussia Dortmund riecht. Der Hinterhof ist dann genauso proppevoll wie der Bürgersteig vor dem Fan-Laden. Geschlossen machen sich viele Gruppen von hier aus auf den Weg zum Westfalenstadion (Signal Iduna Park würde hier keiner sagen. Niemals.)

Der Kern des Fan-Projekts und damit des Fan-Ladens ist nach wie vor die Sozialarbeit. Thilo Danielsmeyer, mittlerweile Leiter des Fan-Projekts, und vier Sozialarbeiter kümmern sich zum Beispiel um die, die ein Stadionverbot haben. Im Fan-Laden können sie die Spiele gucken, wenn ihre Freunde auf der Südtribüne stehen. Ausgrenzung, sagt Thilo Danielsmeyer, sei noch nie die Lösung gewesen.

In der Vermittlerrolle

„Es ist gut, dass die Fans den Kontakt zu uns suchen.“ Das Fan-Projekt-Team ist deshalb auch Vermittler zwischen den Fangruppen, dem Verein, der Polizei und den vielen anderen Institutionen, die mit dem BVB zu tun haben.

„Wir liegen“, sagt Danielsmeyer, „genau zwischen Verein und Stadt.“ Inhaltlich. Und räumlich. „Da gehören wir hin, das ist unsere Rolle.“

„Hier hat die Fankultur ein Zuhause“

Der Fan-Laden ist ein geschützter Raum. Hier fühlen sich die Fans wohl. Sicher. „Hier hat die Fankultur ein Zuhause“, sagt Danielsmeyer. Was nicht heißt, dass die Mitarbeiter des Fan-Projekts alles gut finden, was die Fans machen. Aber sie verurteilen nicht.

Ende der vergangenen Saison, beim Heimspiel gegen Werder Bremen Ende Mai, gab es im Fan-Laden das erste Mal einen Polizeieinsatz mit dem Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken. Fans hatten in der Stadt Pyrotechnik gezündet und im Fan-Laden Zuflucht gesucht. Ein Einsatz, sagt Thilo Danielsmeyer, der nicht hätte sein müssen. Er befürwortet es, zu reden. „Es wird immer Konflikte geben“, sagt er. „Wir versuchen, zu vermitteln.“

Ultrabewegung als Jugendkultur

Die Ultrabewegung, sagt Danielsmeyer, sei eine Jugendkultur, „eine der größten in Deutschland.“ Eine, die man nicht unterschätzen dürfe. Ja, es gebe Probleme. Ja, daran arbeite das Fan-Projekt. Jeden Tag. Und sicherlich sei im Moment eine Zeit, in der der Graben zwischen Fans, Verein und Polizei größer sei, als er das schon mal war.

„Die Lösung“, sagt Danielsmeyer, „darf aber nicht sein, dass die jungen Fans ausgegrenzt werden.“ Wenn er eines in 25 Jahren im Fan-Laden gelernt habe, dann das: „Die Fans nehmen sich zu recht wichtig. Spieler gehen, die Fans bleiben.“

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