Zu Besuch in einem Trinkraum

Dortmunds Vorbild Kiel

Heftig wird in Dortmund über die Einführung eines Trinkraums gestritten. Einen solchen gibt es seit 2003 in Kiel. Die Dortmunder SPD behauptet, dass das dortige Modell gescheitert sei. Wir haben uns im Trinkraum in Kiel umgesehen.

DORTMUND

von Von Tobias Großekemper

, 18.10.2011, 05:35 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ein Bilick in den Trinkraum in Kiel.

Ein Bilick in den Trinkraum in Kiel.

Eine solche Äußerung entbehre jeder Grundlage, so Christoph Schneider, zuständiger Abteilungsleiter der Stadt Kiel. Und weiter: „Das Projekt ist nach wie vor erfolgreich.“ In Kiel könne man sich nicht erklären, wie es zu solchen Äußerungen kommen könne. Seit 2003 wird dort ein Trinkraum betrieben. In ihm, so Schneider weiter, würde man die Klienten deutlich besser erreichen als auf der Straße. Auch würden sich die Klagen über Lärm oder Auseinandersetzungen absolut im verträglichen Rahmen bewegen.

 Wenn man so will, kam Schneider, der Erfinder des Kieler Trinkraums, gegen seinen Willen zu dem Trinkraum. Eigentlich, davon ist er heute noch überzeugt, kam das Thema auf ihn zu, weil damals, um die Jahrtausendwende herum, ein Denkfehler stattfand.  Der Denkfehler in Kiel sah folgendermaßen aus: „Wer draußen steht und trinkt, der ist obdachlos und braucht eine Wohnung. Und darum muss sich die Wohnungslosenhilfe kümmern.“ Das war im Jahr 2001. Bereits vorher hatten Menschen, die im öffentlichen Raum Alkohol konsumierten, die Stadt Kiel bewegt: Das Problem war in Kiel gewachsen wie in anderen Städten auch.

Da saßen Trinker regelmäßig in der Haupteinkaufsstraße, die auch noch Holstenstraße heißt, zusammen und pichelten. Andere fühlten sich belästigt, Kaufleute fürchteten um Einnahmen, es musste, so der Tenor, etwas geschehen. Zuerst bauten die Kaufleute die Bänke in der Fußgängerzone ab – die Trinker tranken im Stehen weiter. Dann wurde 1996 eine Sondernutzungssatzung für die Holstenstraße beschlossen – ein wenig trinken war jetzt in Ordnung, viel trinken nicht.Das Problem schien zumindest auf der Hauptgeschäftsstraße gelöst, andere Städte übernahmen die Sondernutzungssatzung Wort für Wort, unter ihnen auch Elmshorn. Was wiederum Kiel zum Verhängnis wurde, da 1999 ein Punker gegen die Elmshorner Sondernutzungssatzung eine Normenkontrollklage einreichte. Der Punker bekam recht: Zu einer derartigen Satzung, so sah es das Gericht, ist eine Stadt nicht ermächtigt. Also war Kiel seine Satzung wieder los und das Problem wieder in der Stadt.

 Jetzt tranken sie vor einem in der Innenstadt liegenden Discounter, hier gab es den Stoff billig und wenn man den auf dem Parkplatz trank, musste man auch nicht weit laufen. Leider wollte man dann auch nicht mehr weit woanders hin laufen und was oben rein fließt, fließt unten wieder raus. Auf den Parkplatz, in die Rabatten, an den Baum, auf jeden Fall in der Nachbarschaft.  So nicht, dachte Kiel, und dann kam es zu dem Denkfehler, der Christoph Schneider ins Spiel brachte. Schneider, Leiter der Abteilung Wohnungs- und Unterkunftssicherung, glaubt auch heute, dass die, die draußen gemeinsam trinken, nicht wohnungslos sind.  Auf jeden Fall bietet Schneider eine Wette an: Die, die da draußen stehen, stehen auch da draußen, wenn sie eine Wohnung haben. Als Wetteinsatz bietet er einen Zentner Tabak und eine Kiste Champagner an.

 Vielleicht sagt dieser Wetteinsatz schon viel darüber aus, was ein Beruf aus jemandem nach 34 Jahren machen kann – Schneiders Wetteinsatz ist die Hauptwährung seiner Klientel, er arbeitet mit sozialen Randgruppen und ist es gewohnt, Probleme für andere zu lösen. Jetzt also dieses Problem: Wie kann man die Trinker aus dem öffentlichen Raum bekommen?  In Kassel hat man versucht, Alkoholverbotszonen in der Stadt einzurichten. Heute verfügt Kassel über einen städtischen Flickenteppich, da darf man trinken, dort nicht und das Ganze schon nüchtern auseinander zu halten, ist schwer genug.  

 Eine Anwohnerversammlung wurde einberufen. Der Discounter wollte sein Billigbier im Angebot behalten, er pochte auf Grundversorgung der Bevölkerung. Die stand zu einem Teil draußen und trank Grundversorgung, der andere Teil fühlte sich gestört und beide Seiten waren dennoch nicht zusammen zu bringen.  Und dann kam Schneider irgendwann die Idee: Wenn man die Leute zwar aus der Straße bekommt, aber die Straße nicht aus den Leuten, wie wäre es dann mit einer Straße mit Dach? Ein Trinkraum? Ein Platz, an dem die einen sich aufhalten können und die anderen dann ihre Ruhe haben?  Schneider fragte bei Hempels an, dem Kieler Straßenmagazin, deren Redaktion, in Steinwurfweite vom Discounter liegt und die im Erdgeschoss ein Club-Cafe haben. Geöffnet an 364 Tagen im Jahr, immer ab 16 Uhr. Bis 16 Uhr stand der Laden leer – 365 Tage im Jahr.

Hier sah Schneider seine Lücke, er fragte dann bei der Stadt an, sah tausend Schwierigkeiten. Aber er sah auch die „Straße mit Dach“.  Im November 2003 war es soweit, der erste Trinkraum nahm seinen Betrieb auf. Mit festen Regeln, die da lauten:› Keine illegalen Drogen.› Keine Waffen.› Keine Gewalt.› Kein harter Schnaps.  So lief der Laden an, zunächst angedacht für ein halbes Jahr, dann ein weiteres halbes Jahr, dann war er irgendwann fest etabliert und heute ist er in Kiel nicht mehr wegzudenken. Er kostet die Stadt 35.000 Euro im Jahr und hat geöffnet von 9 bis 15 Uhr. Dann gehen die Menschen heim. Sozialleben hatten sie dann wohl genug.  

 Im ersten Vierteljahr gab es durchaus Zoff, auch mit Anwohnern, weil am Anfang der Schnaps vor der Tür weitergepichelt wurde und weil es mal laut war – oder sonstige Probleme auftauchten. Heute gibt es ein bis zwei Polizeieinsätze im Jahr, das, so Schneider, „ist eine bessere Statistik als jede Eckkneipe hat“.  Schneider hält es immer noch für einen Denkfehler, dass das Problem damals zu ihm kam. Er steht in Kiels erstem Trinkraum und sagt: „Das hier ist kein therapeutisches Angebot, das hier ist eine ordnungspolitische Maßnahme.“Vor dem Discounter, auf der Haupteinkaufsstraße und auch sonst in der Innenstadt und auch nach 16 Uhr ist es ordentlich – und also eigentlich egal, was für eine Maßnahme das nun war.

Dortmunds Ordnungsdezernent Wilhelm Steitz (Grüne), der das Projekt in Kiel als Vorbild für Dortmund ausgeguckt hatte, verhandelt weiter über einen Mietvertrag für das frühere „Gipsy“ an der Heroldstraße/Ecke Nordstraße. Auch die Gespräche mit dem Jobcenter über die Einrichtung von Bürgerarbeit-Jobs in dem Trinkertreff laufen weiter.  Die Sorgen der Anwohner nimmt Steitz durchaus ernst. Man werde die unmittelbaren Nachbarn einladen, um das Projekt und alle Ansprechpartner vorzustellen, kündigte Steitz an. Auch während des Trinkraum-Betriebs sollen die Bürgersorgen Gehör finden. Steitz denkt an die Einrichtung eines Projektbeirats, der das Experiment Trinkraum begleiten soll – nach dem Vorbild der Flüchtlingsunterkunft in Hacheney. Betreiber ist dort wie beim Trinkraum die European Homecare.

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