Zwei Unfälle stürzen Schneiderin aus Dortmund in Existenznot

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Sie stürzte an einer Baustelle, lag ohnmächtig auf der Straße: Schneiderin Yasmin Elges aus Dortmund konnte monatelang nicht arbeiten. Von den Behörden fühlt sie sich im Stich gelassen.

von Marc Dominic Wernicke

Hombruch, Mitte

, 03.12.2019, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Unfall ist fünf Monate her. Doch Schneiderin Yasmin Elges (54) aus Kirchhörde kämpft bis heute mit den Folgen: Kurz vor Mitternacht am 2. Juli war die gebürtige Äthiopierin im südlichen Teil der Hagener Straße auf dem Weg nach Hause. Die Straße soll unbeleuchtet gewesen sein, ebenso die dortige Baustelle, an der Elges einen lebensgefährlichen Sturz erlitt.

„Ich stolperte über einen Betonklotz unter der Absperrung und fiel auf mein Gesicht“, berichtet die 54-Jährige. Während sie ohnmächtig auf der Straße lag, wäre sie fast von einem Auto überfahren worden, doch die Fahrerin aus Richtung Herdecke habe im letzten Moment gestoppt und sei bei ihr geblieben, bis der Krankenwagen kam.

Schwere Kopf- und Knieverletzungen

„Mein Knie war verletzt und mein Gesicht total geschwollen. Als ich wenig später mit meiner Freundin beim Arzt war, wollte der mich unter vier Augen fragen, ob ich häusliche Gewalt erlebt hätte“, erinnert sich Yasmin Elges.

Ihre Freundin ist eine langjährige Stammkundin, die 71-jährige Gisela Nillies. Bei einem Besuch in Yasmin Elges Schneideratelier an der Saarlandstraße bringt die selbstbewusste Rentnerin einen dicken Aktenordner mit.

Es ist nur einer von insgesamt vier Ordnern, in denen sie den Kampf dokumentiert, den sie seit dem Unfall ihrer Freundin im Juli als deren Bevollmächtigte austrägt – denn für die damalige Gefahrenquelle an der Hagener Straße fühle sich niemand verantwortlich.

„Behörden hören gar nicht mehr richtig zu“

„Ich habe unter anderem das Ordnungsamt, das Tiefbauamt und das Rechtsamt der Stadt Dortmund angeschrieben. Ein halbes Jahr lang wird sich hier zu Tode geprüft, ob ein Versehen vorliegt“, klagt Gisela Nillies an.

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Sie selbst habe früher in der Verwaltung gearbeitet. Die Reaktionen der heutigen Behörden auf ihre von Yasmin Elges bevollmächtigten Anfragen nennt sie eine „Amtsposse“. „Das größte Problem ist, dass die Leute in den Behörden gar nicht mehr richtig zuhören. Und wenn man sie dann darauf hinweist, werden sie frech“, schildert Nillies.

Einmal habe eine Mitarbeiterin ihr am Telefon glatt die Zuständigkeit für die von ihrer Freundin abgesegnete Behördenkorrespondenz abgesprochen. „Mir wurde ganz frech gesagt, sie solle sich doch einfach ans Arbeitsamt wenden – als Selbstständige, die überhaupt nicht arbeitslos ist“, so die Rentnerin.

Zweiter Unfall im Oktober

Noch während der Genesung ihrer Knieverletzung erlitt Yasmin Elges Anfang Oktober einen zweiten Unfall: An der überdachten Bus- und Bahnhaltestelle neben den Westfalenhallen rutschte sie auf einer regennassen Bodenfliese aus und fiel dabei abermals auf ihr verletztes Knie.

„Die Busfahrerin hat das gesehen und sagte mir, dass sie sowas immer wieder beobachtet“, so Elges. Die Bodenplatten seien aufgrund des undichten Daches nass geworden. Ein Warnschild, das sonst auf diese Gefahr hinweise, sei an diesem Tag nicht vorhanden gewesen.

Gisela Nillies, die auch in dieser Sache im Auftrag ihrer Freundin die Zuständigen suchte, erhielt am 21. November eine Antwort von der DSW21.

„Allgemeines Lebensrisiko“

„Ich glaube, Bürokratie ist überall auf der Welt gleich.“
Yasmin Elges

„Eine Verkehrssicherungspflichtverletzung liegt nicht vor“, heißt es im Behördendeutsch des Schreibens, das der Redaktion vorliegt. In dem „bedauerlichen Sturz“ ihrer Freundin habe „sich das allgemeine Lebensrisiko verwirklicht“, für das keine Haftung des Unternehmens gegeben sei.

Beide Unfälle ereigneten sich auf Yasmin Elges Heimweg von beziehungsweise dem Hinweg zu ihrem Schneideratelier an der Saarlandstraße. Es handele sich daher um Arbeitsunfälle, für deren Entschädigung die Berufsgenossenschaft zuständig sei.

Arbeitsunfähigkeit konnte nur teilweise erfasst werden

Die habe der Schneiderin 1200 Euro Verletztengeld für zwei Wochen nach ihrem ersten und eine Woche nach ihrem zweiten Unfall zugestanden. Die weiteren Wochen seien nicht hinreichend dokumentiert worden.

„Ich hatte vorher nie damit zu tun, daher wusste ich gar nicht, was es dabei alles zu beachten gilt. Außerdem war ich zeitweise gar nicht in der Lage, mich für eine Bescheinigung zum Arzt zu begeben“, so Yasmin Elges.

Da sie in Folge der Unfälle über mehrere Monate bis in den Herbst nicht arbeiten konnte, seien ihr überdies schwere finanzielle Engpässe entstanden, die sich nur durch geliehenes Geld überbrücken ließen. Die 1200 Euro wären beileibe nicht ausreichend gewesen.

Geburtsland im Krieg verlassen

Ihr Atelier an der Saarlandstraße in der südlichen Innenstadt gibt es seit fünf Jahren, doch mit ihrem Schneidergeschäft ist sie schon seit 1998 selbstständig.

„Ich bin schon länger in Deutschland als ich zählen kann“, sagt die Äthiopierin spaßhaft. Ihr Geburtsland im Nordosten Afrikas habe sie schon als junge Erwachsene aufgrund von Krieg und politischer Verfolgung verlassen.

„Ich glaube, Bürokratie ist überall auf der Welt gleich“, sagt sie mit Blick auf ihre Erfahrung mit den Dortmunder Behörden und der Berufsgenossenschaft. „Alles geht immer so langsam und am Ende kriegt man immer nur eine kurze Antwort.“

Hoffnung auf Kulanz

Trotz ihrer Erlebnisse wolle sie weiterhin mithilfe ihrer Freundin der Frage der Verantwortung für ihren ersten Unfall an der Hagener Straße nachgehen. „Wir hoffen, dass die Berufsgenossenschaft sich vielleicht doch noch kulant zeigt“, sagt Gisela Nillies.

„Yasmin lebt und arbeitet schon Jahrzehnte in unserem Land. Hat ein so fleißiger Mensch es verdient, von einer Versicherung derart hängengelassen zu werden?“, fragt die Rentnerin.

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