Interview

Chemie kommt gut durch die Coronakrise

2020 wäre auch ohne Corona als ein besonderes Jahr in die Geschichte des Chemieparks Marl eingegangen. Hier ein Interview mit Standortleiter Dr. Jörg Harren.
Mit Maske vor dem Werkstor 1: Standortleiter Dr. Jörg Harren blickt trotz der aktuellen Corona-Lage zuversichtlich in das neue Jahr. © Julia Dziatzko

Dr. Jörg Harren wirft zum Jahreswechsel einen Blick zurück und gibt einen Ausblick.

Herr Dr. Harren, wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf den Chemiepark und seine Unternehmen aus?

Corona geht natürlich an einem so großen Standort wie dem Chemiepark nicht vorbei. Das Thema beschäftigt uns erheblich. Wir haben in der ersten Welle circa 30 Fälle gehabt, davon fast die Hälfte Ischgl-Rückkehrer. Zurzeit haben wir inklusive der Fremdfirmenmitarbeiter über den gesamten im Chemiepark hinweg über 250 Fälle, davon etwa 150 bei der Evonik. Aber wir händeln die Situation sehr gut. Der Chemiepark ist einer der wenigen Orte, an denen Kontaktverfolgungen noch möglich sind. In fast allen Fällen erfolgt die Infektion im privaten Bereich. Und zu keinem Zeitpunkt waren unsere Produktion oder unsere Serviceeinheiten gefährdet. Wir haben ja durchaus vulnerable Gruppen – unsere Feuerwehrleute oder unsere Mannschaften, die die Kraftwerke betreiben. Wenn diese Einheiten ausfielen, wäre der Betrieb des Chemieparks gefährdet. Das haben wir erfolgreich verhindert.

Wie haben Sie das erreicht?

Wir haben unseren Pandemieplan in Kraft gesetzt, der über verschiedene Stufen geht, den wir aber gründlich aktualisieren mussten. Er stammt aus der Zeit der Schweinegrippe. Dafür, dass eine Pandemie ein Jahr dauert, war er nicht gemacht.
Wir haben eine ganze Serie von Handlungsanweisungen darin, die noch deutlich über das Maß hinaus gehen, das im öffentlichen Leben gilt. Wie wird die Produktion organisiert? Wie machen wir die Schichtübergabe? Wie gehen wir mit Reiserückkehrern oder mit Mitarbeitern von Vertragsfirmen um, die in den Chemiepark kommen?
Wir haben einen Corona-Simulator, mit dem sich die Virenlast in bestimmten Situationen des Alltags abschätzen lässt, und ein Corona-Control-Center. Und nicht zuletzt verfügen wir über ein werksärztliches Team mit rund 20 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, das über den Chemiepark hinaus eine Reputation genießt und das sich derzeit vorwiegend um Corona kümmert. Als Leiter des größten Standorts bin ich außerdem Mitglied des Krisenstabs im Evonik-Konzern, der zweimal wöchentlich tagt.

Wie hat Corona den Arbeitsalltag der Beschäftigten im Chemiepark verändert?

Grundsätzlich hat die Pandemie unsere Arbeitswelt natürlich extrem verändert. Etwa die Hälfte der administrativ arbeitenden Beschäftigten sind ins Homeoffice gegangen. Das hat auch gut funktioniert. Wir werden sehen, wie die Effekte für die Zukunft sein werden. Viele sagen, dass Online-Arbeiten ist effizient, aber der Mensch als soziales Wesen bleibt dabei ein bisschen auf der Strecke. Auch das muss man berücksichtigen. Wir sehen bei einigen, dass die psychischen Belastungen zunehmen.
Ich selber war kaum im Homeoffice. Es ist als Zeichen für die Mitarbeiter auch wichtig, dass vor Gebäude 139 das Auto des Standortleiters steht.
Auch die Produktionen können natürlich nicht über Homeoffice weiterlaufen. Die Anlagen müssen bedient werden. Die Auslastung der Anlagen im Chemiepark ist sehr hoch, umso kritischer ist es, dass wir diese Anlagen auch weiter betreiben können.

Gibt es Kurzarbeit?

Nur minimal. Die Kantinen sind betroffen.
Wir haben den Tischbetrieb geschlossen. Das Essen gibt es jetzt „to go“. Viele Leute in den Kantinen sind dadurch zurzeit ohne Beschäftigung. Darüber hinaus gab es in ganz wenigen Produktionsbetrieben sehr kurze Phasen mit Kurzarbeit. Für einen Standort dieser Größe eigentlich nicht nennenswert.
Könnte die Corona-Krise auch positive Effekte haben?
Es gibt einige Dinge, die über die Krise hinweg erhaltenswert sind. Darüber diskutieren wir. Muss ich so viel reisen? Muss ich in so vielen Meetings sitzen? Das sind Fragen, die sich stellen. Wir sehen Auswirkungen auch beim Thema Arbeitssicherheit. Die Leute sind achtsamer. Es passieren weniger Unfälle.

Wie kommt die Chemie insgesamt durch die Coronakrise?

Vergleichsweise gut. Wir sehen leichte Umsatzeinbußen, aber weit weniger als beispielsweise die Autoindustrie. Wir machen uns aber ein wenig Sorgen um die Region. Der Kreis Recklinghausen hat in NRW ja mittlerweile einen Podestplatz erklommen. Und Marl liegt innerhalb des Kreises noch an der Spitze.

Was macht sie zuversichtlich?

Wir blicken gespannt auf den Impfstoff, der uns besonders Freude macht, weil unter anderem Evonik eine wichtige Komponente produziert. Von uns kommt die Lipidhülle, in der die Messenger RNA (mRNA – Boten-RNA) verpackt wird. Sie wird in den Körper injiziert, kann dann an die Zelle andocken und die mRNA an die Zelle weitergeben. Diese Lipidhülle wird in unseren Pharmaproduktionsbetrieben in den USA und in Kanada gefertigt.
Sie haben gehört, dass der Impfstoff sehr kalt gelagert werden muss und sehr empfindlich gegen Erschütterungen ist. Das liegt an dieser Hülle. Der Impfstoff ist sehr diffizil, aber auch hochwirksam.
Sie haben mit Beginn der Coronakrise auch begonnen, Desinfektionsmittel herzustellen.
Wir liefern ja auch Wirkstoffe für die Pharmaindustrie und konnten sehr schnell in einer Gemeinschaftsaktion, an der nicht nur Evonik, sondern beispielsweise auch Sasol beteiligt war, Desinfektionsmittel produzieren. Anfangs war es knapp. Aber nach und nach konnten wir in Marl allen helfen, die danach gerufen haben, den Apotheken, dem Betriebshof, der Feuerwehr…

Trotz Corona-Pandemie geht es mit den großen Bauprojekten im Chemiepark weiter. Wie ist der aktuelle Stand?

Der Chemiepark befindet sich aktuell in der Hochphase der Bauprojekte. Die maximale Anzahl von mehr als 2000 Fremdfirmenmitarbeitern auf den Baustellen ist erreicht. Allein das Projekt PISA (Erweiterung der Polyamid-12-Anlage) hat rund 1500 Fremdfirmenmitarbeiter. Auch bezüglich der Großprojekte hat uns die Corona-Pandemie zunächst großes Kopfzerbrechen bereitet. Es wurde intensiv kontrolliert und begleitet. Jetzt haben wir ein gutes Niveau erreicht. Es gibt sporadisch Infektionsfälle, aber keine gefährlichen Cluster. Wir haben uns gerade in der zweiten Welle Gedanken gemacht, weil Mitarbeiter der Fremdfirmen die Infektion in die Gruppenunterkünfte tragen können. Da sind intensive Gespräche und auch Kontrollen nötig. Kritik über mangelnde Abstände und Leute ohne Masken in den Bussen der Fremdfirmen im Stadtgebiet war zum Teil berechtigt. Wir haben eingegriffen und zum Teil ganze Busse in Quarantäne genommen.

Gibt es Verzögerungen auf den Baustellen?

Bei PISA erwarten wir kaum Verzug. Der erste Abschnitt der PISA-Anlage ist bereits in Betrieb genommen. Die nächsten werden bis ins Frühjahr hinein folgen. Wir sind guten Mutes, was unsere Großprojekte angeht. Eine der besten Entscheidungen, die wir dabei getroffen haben ist, die Großprojekte zentral koordinieren zu lassen. Jetzt sorgen Experten für das Zusammenspiel der Projekte, für Ressourcen und Logistik.
Beim Kraftwerksprojekt läuft ebenfalls alles nach Plan. Es wird planmäßig fertiggestellt, 2022 in Betrieb gehen. Wir sparen mit den neuen Kraftwerksblöcken nicht nur eine Million Tonnen CO2 ein, sondern werden auch deutlich weniger Stickoxide und Staub ausstoßen.
Ineos Phenol ist mit der Cumol-Anlage ebenfalls in der Zeit. Der Stahlbau und das Leitstandgebäude stehen. Ineos baut die mit rund 80 Metern zweithöchste Kolonne im Chemiepark nach der C4-Kolonne mit 84 Metern. Die Kolonne wurde in zwei Teilen über den Wesel-Datteln-Kanal angeliefert. Weil sie zu groß ist, um die Rohrbrücken im Chemiepark zu passieren, haben wir Raupenkräne eingesetzt. Sie mussten mit 150 Lkw in Einzelteilen hier angeliefert werden.
Auch bei den kleineren Projekten läuft alles. Im März konnte niemand vorhersagen, was kommt. Ich bin jetzt sehr zufrieden damit, wie es funktioniert. Den Chemiepark kann man ja nicht einfach runterfahren. Der Standort ist vernetzt, zum Beispiel mit Herne, mit Gladbeck, mit BP … Fährt man einen Standort runter, trifft es das ganze Ruhrgebiet.

Welche kleineren Projekte gibt es im Chemiepark denn noch?

Ein neues Laborgebäude entsteht für den Forschungsbereich der Hochleistungspolymere. Es wird unmittelbar in der Nähe des Betriebsratsgebäudes und der Creavis gebaut und ersetzt alte Gebäude. Außerdem wird die sogenannte Fenton-Anlage gebaut, die Abwässer, zum Beispiel Laugen in einzelne Bestandteile zerkleinert, sodass sie biologisch abgebaut werden können.
Das Projekt Sonderabfallverbrennung des Unternehmens SARPI läuft jetzt ebenfalls an. Das Baufeld ist vorbereitet, das Tanklager ist errichtet. Im Februar startet der Genehmigungsprozess. SARPI übernimmt die Entsorgung der Stoffe, die bisher in den Kohlekraftwerken verbrannt wurden. Sie baut eine hochmoderne Sonderabfallverbrennungsanlage für Stoffe aus dem Chemiepark und nimmt von Externen entsprechende Abfälle an. Das wird man außerhalb des Chemieparks nicht bemerken. Wir haben es mit einer professionellen Firma zu tun, mit der wir gut zusammenarbeiten.

Was ist im Marler Stadtgebiet von den vielen Bauprojekten im Chemiepark zu spüren?

Dass pro Monat zusätzlich etwa 2500 Lkw den Chemiepark ansteuern – bei Großbetonnagen rund 300 Lkw zusätzlich pro Tag –, hat bisher keine Beschwerden hervorgerufen. Es funktioniert auch wegen unserer guten logistischen Anbindung. Die Fremdfirmenmitarbeiter werden mit Bussen ihrer Firmen zu Tor 6 (Brassertstraße) oder zu der wieder geöffneten Zufahrt am Gelände AV 3/7 (Carl-Duisberg-Straße) gebracht und von dort mit Shuttle-Bussen zu den Baustellen. Die Busse haben vereinzelt für Nachfragen gesorgt.

Ein Dauerthema vor allem für die Anlieger in der Nachbarschaft des Chemieparks ist der Ärger um Alba. Ihre Einschätzung?

Alba hat uns auch 2020 beschäftigt, allerdings in weit geringeren Maßen als in vergangenen Jahren. Die Feuerwehr war über 200 mal draußen, aber es waren viele Fehlalarme dabei. So lange die Leute Akkus in gelben Tonnen entsorgen, werden Alba und alle Entsorger mit der Brandgefahr zu tun haben. Ein Großereignis wie im März 2019 schließen wir aber aus.
Es gab auch dieses Jahr Beschwerden über Geruch, die berechtigt waren. Alba hat erheblich investiert, unter anderem in Filteranlagen. Das Problem Geruch ist lösbar, also muss es gelöst werden. Jetzt müssen die Filteranlagen entsprechende Standzeiten bringen. Wir halten da den Druck aufrecht.

Bürgerdialoge und Rundfahrten durch den Chemiepark gab es 2020 nicht. Wie bleiben Sie trotzdem für Marlerinnen und Marler erreichbar?

Da wir Corona-bedingt nicht zum Bürgerdialog einladen konnten, haben wir unter anderem die Standortzeitung inform in der Nachbarschaft rund um den Chemiepark verteilt. Sie informiert über alle unsere Bauprojekte. Darüber hinaus gilt: Jede Anfrage, die uns von Bürgern erreicht, wird beantwortet.

Bauprojekte

  • Im Chemiepark wird seit dem Sommer vergangenen Jahres zeitgleich an mehreren gigantischen Projekten gebaut. Insgesamt rund eine Milliarde Euro wird am Standort Marl in Bauvorhaben investiert:
  • Evonik erweitert die Anlage für den Hochleistungskunststoff Polyamid 12.
  • Ineos Phenol errichtet eine neue Cumol-Produktion, einen Rohstoff, der für die Herstellung von Aspirin ebenso unverzichtbar ist wie für Bremsbeläge, Computergehäuse, Farben oder Nagellackentferner.
  • Mit zwei neuen Gas- und Dampfturbinenkraftwerken als Ersatz für die Kohlekraftwerke läutet Evonik zusammen mit der Siemens Energy AG im Chemiepark auch ein neues Energiezeitalter ein.
  • Nach gut acht Jahrzehnten hat die Stromgewinnung aus Kohle hier bald ausgedient.

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt