Gerichtsprozess

Mutmaßlicher Mörder irrte auf Socken durch Marl

Nachdem ein 21-Jähriger aus Marl seine Nachbarin erstochen hat, lief er offenbar völlig verwirrt durch die Nacht. Die Polizisten mussten Pfefferspray einsetzen.
Der Angeklagte neben seinem Verteidiger Hans Reinhardt © Jörn Hartwich

Er kam aus dem Nebel, lief auf Socken und schrie herum: Nach dem grausamen Mord an einer Mutter aus Marl-Brassert ist der Angeklagte offenbar völlig verwirrt durch die Gegend gelaufen. Das ist am Mittwoch am Essener Landgericht bekannt geworden.

Zwei Polizisten aus Recklinghausen waren in der Nacht auf den 10. November 2020 nach Marl beordert worden, um die Fahndung nach dem mutmaßlichen Mörder zu unterstützen. Über Funk waren Hinweise gekommen, dass der Gesuchte in Richtung Polizeiwache laufe. „Wir sind ausgestiegen und haben die Gegend abgesucht“, erinnerte sich einer der Beamten im Prozess. Was dann passierte, wird der 28-Jährige wahrscheinlich so schnell nicht vergessen.

Dienstwaffe gezückt

„Wir haben plötzlich eine Person gesehen, die mitten auf der Straße lief“, sagte der Polizist den Richtern. Der Mann habe etwas Schwarzes in der Hand gehalten und immer wieder „Polizei“ gerufen.

Die Situation sei überhaupt nicht einschätzbar gewesen. Weil der Angeklagte nicht stehen geblieben und immer weiter auf sie zugekommen sei, habe er schließlich sogar seine Dienstpistole gezogen. Sein Kollege griff zum Pfefferspray, nebelte den heute 21-Jährigen komplett ein. Erst dann hielt der Angeklagte inne und ging auf die Knie.

„Ich liebe Dich! Polizei!“

Doch auch, als er komplett zu Boden gebracht worden war, habe er sich nicht fesseln lassen. „Wir mussten ihm die Arme auf den Rücken drehen – mit einfacher Gewalt.“

Den Beamten war schon zuvor aufgefallen, dass der Angeklagte keine Schuhe trug. „Er hat auf mich einen verwirrten Eindruck gemacht“, sagte einer von ihnen den Richtern. Er habe offenbar gar nicht verstanden, was gerade passiere.

Der Angeklagte hatte bis zu seiner Festnahme mit einer Computerspiel-Freundin telefoniert. Die letzten Worte, die er laut in sein Telefon gerufen haben soll, lauten so: „Ich liebe Dich! Polizei!“

„Ach nö, nicht laufen“

Kurios auch, was danach passierte. Weil die Wache nur rund 150 Meter entfernt war, wollten die Beamten den Angeklagten zu Fuß dort abliefern. Doch das gefiel dem 21-Jährigen nicht. „Ach nö, nicht laufen“, soll er den Polizisten mit Baby-Stimme gesagt haben. „Könnt ihr mich nicht fahren?“ Später soll er dann zumindest noch verraten haben, dass er das Tatmesser aus dem Badezimmerfenster seiner Nachbarin geworfen habe.

Der 21-Jährige hat bereits gestanden, in die Wohnung seiner Nachbarin eingebrochen und die bereits schlafende Frau erstochen zu haben. Anschließend stach er auch auf deren vierjährigen Sohn ein. Der Junge hat durch Glück überlebt. Den „Befehl“ zu der Tat soll ihm eine Figur aus einem Computerspiel gegeben haben. Die Anklage lautet auf Mord.

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