Pfarrer Hanno Gerke steht an der Stelle an der Widumer Straße, wo bis vor kurzem ein Lutherstein lag. Er musste für eine Kindergarten-Zufahrt weichen. © Andreas Schröter
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Beliebter Dortmunder Findling muss einem neuen Kindergarten weichen

Was macht man mit einem großen Stein, der ausgerechnet dort liegt, wo man eine Kindergartenzufahrt anlegen will? Wegnehmen, oder? - Eine kuriose Geschichte aus Dortmund.

Ein Stein – genauer gesagt ein Findling – sorgt für Diskussionen in Brechten. Dieser Stein, den viele Brechtener kennen und ins Herz geschlossen haben, lag ausgerechnet in der Zufahrt zu einem Grundstück an der Widumer Straße, auf dem der Evangelische Kirchenkreis einen neuen Kindergarten errichten lassen will.

Die Gemeinde hat hierfür der Firma Tilo GmbH die besagte Fläche samt Zufahrt in Erbpacht gegeben zwecks Erschließung und Kindergartenneubau. Steht der Kindergarten, wird der Kirchenkreis Mieter bei Tilo.

Lutherstein von 1933

Bei dem Findling handelt es sich um einen Lutherstein mit der Aufschrift „1483 – Luther – 1933“. Dieser war im November 1933 im Zuge eine Gedenkfeier anlässlich des 450. Geburtstags von Martin Luther unter großer Beteiligung der Brechtener Öffentlichkeit enthüllt worden.

Das Luther-Jubiläum fiel auf das Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und wurde in Brechten wie an vielen Orten zu propagandistischen Zwecken missbraucht. Auf einem Foto vom Tag der Einweihung sieht man die Versammlung unter Hakenkreuz-Beflaggung.

So sieht der Lutherstein aus, der nun zunächst eingelagert worden ist und für den nun ein neuer Standort gesucht wird
So sieht der Lutherstein aus, der nun zunächst eingelagert worden ist und für den nun ein neuer Standort gesucht wird. © Tappe © Tappe

Dennoch glaubt Pfarrer Hanno Gerke nicht, dass es sich dabei um eine Nazi-Veranstaltung gehandelt hat. Der Geist der Zeit sei eben damals so gewesen, dass auf allen größeren Zusammenkünften die Hakenkreuz-Flagge geweht habe. Auch sei der damalige Pfarrer der Gemeinde, Holtmeier, kein Nazi gewesen.

Der Stein hatte bislang allen Veränderungen des Straßenbildes der Widumer Straße getrotzt. Sicher ist: Die Fläche hätte mit dem Stein in der Zufahrt nicht erschlossen werden können. Deshalb ist die Firma Tilo an die Kirchengemeinde mit der Frage herangetreten, wie mit dem Stein zu verfahren sei.

Die Kirchengemeinde musste erst einmal klarstellen, dass der Stein entgegen landläufiger Annahme nicht ihr Eigentum ist. Er befand sich bis dato auf öffentlichem Gelände und ist demnach Eigentum der Stadt. Unter Denkmalschutz steht er nicht.

Um den Weg für den Beginn der Baumaßnahmen frei zu machen, hat die Firma Tilo den Stein nun in Abstimmung mit der Stadt erst einmal entfernt. Bis zur Klärung, wie mit dem Stein weiter zu verfahren ist, wird er eingelagert.

Bei der feierlichen Enthüllung des Steins 1933 waren wahre Menschenmengen anwesend. Ganz im Geist der Zeit ist die Hakenkreuzflagge nicht zu übersehen
Bei der feierlichen Enthüllung des Steins 1933 waren wahre Menschenmengen anwesend. Ganz im Geist der Zeit ist die Hakenkreuzflagge nicht zu übersehen. © Archiv Ev. Gemeinde Brechten © Archiv Ev. Gemeinde Brechten

Schon kurz nach Entfernung des Steins wurden Pfarrerin Monika Holthoff und Pfarrer Hanno Gerke angesprochen. Vielen Brechtenern ist der Stein vertraut. Beiden Brechtener Pfarrern, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Steins wohnen, geht es ähnlich.

Allerdings wäre es aus ihrer Sicht unverhältnismäßig gewesen, den Bau des Kindergartens, der in Brechten dringend benötigt wird, am Standort des Steins scheitern zu lassen. Seit vielen Jahren sind sie mit der Not der Eltern bei der Suche nach einem Kindergartenplatz konfrontiert.

Deshalb hat die Gemeinde auch keinen Widerspruch gegen die Entfernung des Steins erhoben. Da alles plötzlich sehr schnell ging, gibt es jetzt allerdings noch keine Lösung für den Verbleib des Steins.

Neuer Standort soll gefunden werden

Die Gemeinde will der Stadt behilflich sein, einen neuen Standort zu finden. Gerke: „Dabei sollte man aber die Gelegenheit nutzen und sich mit den historischen Hintergründen des Steins befassen. Vielleicht könnte man am neuen Standort auf einer Tafel darüber aufklären.“

Er könne sich vorstellen, so Gerke, dass er vielleicht gegenüber dem alten Standort – also auf einer der beiden Grünflächen neben dem Eingang zum Friedhof eine neuen Platz finden könnte.

Wann der Baubeginn für den neuen Kindergarten erfolgt, steht noch nicht fest, da die Baugenehmigung noch aussteht. Gerke hofft, dass das spätestens 2022 der Fall ist, sodass der Kindergarten-Betrieb der sechsgruppigen Einrichtung 2023 starten könnte. Sobald das der Fall ist, soll der alte Kindergarten, der aus dem Jahre 1973 stammt, abgerissen werden.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Ich fahre täglich durch den Dortmunder Nordosten und besuche Menschen, die etwas Interessantes zu erzählen haben. Ich bin seit 1991 bei den RN. Vorher habe ich Publizistik, Germanistik und Politik studiert. Ich bin verheiratet und habe drei Töchter.
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Andreas Schröter

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