Vor 150 Jahren, am 1. Januar 1870, wurde das erste Bahnhofsgebäude von Haltern feierlich eingeweiht. Wir blicken auf die bewegte Geschichte der Eisenbahn in Haltern zurück.

von Ulrich Backmann

Haltern

, 05.01.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Bevor Haltern an das damals schon bestehende Eisenbahnnetz angeschlossen werden konnte, mussten in der Planungsphase erst einmal Widerstände überwunden werden. So war vorgesehen, von Essen über Gelsenkirchen, Wanne-Eickel und Haltern eine Bahnstrecke nach Münster zu bauen.

Die Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft (CME) plante größer und weiter als diese von ihr als „Nebenstrecke“ angesehene Verbindung. Sie wollte vom niederländischen Venlo ausgehend eine Strecke über Wesel, Haltern und Münster eine Strecke bis Hamburg bauen und hatte in der Ausschreibung für die Teilstrecke Venlo-Haltern den Zuschlag erhalten.

Der preußische Staat legte aber Wert auf eine Verbindung zwischen Oldenburg und dem Rheinland/Westfalen. Dem wollte das damals noch selbstständige Königreich Hannover 1865 nicht zustimmen und lehnte auch andere in Planung befindliche Streckenführungen entschieden ab, bei denen Hannover nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

Von Venlo nach Haltern

Diese Einsprüche erledigten sich nach dem deutschen Bruderkrieg, als Hannover am 7. September 1866 durch Preußen annektiert wurde. Damit wurde der Weg frei für den Bau und Betrieb der Linie von Venlo über Oberhausen, Essen(-Altenessen), Gelsenkirchen(-Bismarck) und Zeche Pluto (heute Wanne-Eickel Hbf) nach Haltern, die Wilhelm I. von Preußen bereits mit Datum vom 28. Mai 1866 als Projekt genehmigt hatte.

Ende 1867 lagen alle Baugenehmigungen vor. Mit den Bauarbeiten wurde jedoch noch nicht begonnen, da die CME sich plötzlich Gedanken über die Rentabilität der geplanten Strecke machte. In der Öffentlichkeit entstand der Eindruck, dass die Eisenbahn-Gesellschaft nicht mehr bereit war, die geplante Strecke überhaupt noch zu bauen, weil man neidisch zur Kenntnis nahm, dass die Bahn auf der „Nebenstrecke“ von Essen (Hauptbahnhof) über Haltern nach Münster von einer anderen Gesellschaft gebaut wurde und kurz vor der Vollendung stand.

150 Jahre Eisenbahn: Als Dampflokomotiven auf großen Rädern in den Halterner Bahnhof fuhren

Das Bild von 1901 zeigt das Richtfest des Neubaus vom Bahnsteig aus. Im Vordergrund ist der Anbau rechts vom heutigen Haupteingang zu sehen, im Hintergrund auf dem erhöhten Dachstuhl des Hauptgebäudes die Zimmerleute. © Archiv Backmann

Eisenbahnbrücke gebaut

Für die geplante Strecke war auch der Bau einer Eisenbahnbrücke über die Lippe in Haltern erforderlich. Um die Querung über den Fluss zu schaffen, musste das Lippebett auf einer kurzen Strecke in Höhe des Annabergs verlegt werden. Die Fundamente wurden im Sommer 1868 gefertigt und im Sommer des folgenden Jahres wurden die eisernen Überbauten aufgestellt. Der Ausbau der Gleisanlagen schritt zügig voran und schon bald war die Strecke nach Recklinghausen fertiggestellt.

Schon im Oktober 1869 fuhr der erste offizielle Personenzug von Haltern nach Recklinghausen. Das war ein Festtag für die Halterner Bevölkerung. An diesem Tag wehten am noch nicht ganz fertiggestellten Bahnhof und seiner Umgebung viele schwarz-weiße Fahnen und Fähnchen, in den Farben der Flagge des preußischen Staates. Die von Haltern aus weitergeführte Strecke über Dülmen nach Münster wurde am 22. Dezember 1869 freigegeben. Damit war die gesamte Linie von Essen nach Münster für den Personenverkehr nutzbar.

Einweihung des Bahnhofs

Am 1. Januar 1870 wurde dann das erste Bahnhofsgebäude von Haltern feierlich eingeweiht. Es war in Holzbauweise mit einer Größe von 254 Quadratmetern errichtet worden und ähnelte dem Empfangsgebäude in Wanne, das wie das Halterner Gebäude vorerst provisorisch errichtet worden war. Der Halterner Bahnhof stand als „Inselbahnhof“ zwischen den Bahnsteigen 1 (Venloer Gleis) und 2 (Wanner Gleis).

Am Eröffnungstag fuhr von Dülmen kommend die erste preußische Dampflokomotive auf hohen Rädern und mit hohem Schornstein, mit Tannen- und Birkengrün geschmückt in den Bahnhof ein. Dort wurde sie von städtischen Honoratioren, angeführt von Bürgermeister Fritz Peus und einer großen Zuschauermenge empfangen, die staunend und neugierig, teils aber auch misstrauisch, das technische Wunder betrachtete.

Weitere Strecke und Ausbau der Gleisanlagen

Der Eisenbahnverkehr in Haltern nahm schnell zu, sodass die Gleisanlagen schon 1873 großräumig ausgebaut werden mussten. Zu dieser Zeit gab es in Haltern 5 Bahnhofsgleise und 35 Weichen, deren Zahl sich mit Inbetriebnahme der neuen Teilstrecke von Wesel-Dorsten-(Hervest)-Haltern um ein sechstes Bahnhofsgleis und zwei weitere Weichen erhöhte. Damit war Haltern von der Größe der Gleisanlagen mit Köln-Mülheim und dem Essener Hauptbahnhof vergleichbar.

In Lippramsdorf gab es bei Eröffnung der Strecke noch keinen Bahnhof. Erst 1876 wurde eine (Bedarfs-)Haltestelle eingerichtet und zum 1. September 1901 ein eigener Bahnhof in Betrieb genommen. Der Ortsteil Sythen bekam erst 1931 eine Haltestelle. Die Strecken der Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft wurden zum 1. Januar 1880 durch die Preußische Staatseisenbahn übernommen.

Neubau des Bahnhofs

Dem weiteren Ausbau der Halterner Gleisanlagen stand der „Inselbahnhof“, der ohnehin nur als Provisorium in Fachwerkbauweise errichtet worden, war im Weg. Daher gab es ab 1895 Überlegungen für einen Neubau. Dieser sollte aber von der Stadt aus gesehen vor den Gleisanlagen stehend, gebaut werden. Es dauerte jedoch noch bis 1901 (andere Quellen sprechen von 1904) bis der Neubau vollendet wurde.

150 Jahre Eisenbahn: Als Dampflokomotiven auf großen Rädern in den Halterner Bahnhof fuhren

Der schmucke Halterner Bahnhof im Jahr 1905 © Archiv Backmann

Kriegseinwirkungen

Über vier Jahrzehnte hat sich das Bild des Halterner Bahnhofs kaum verändert. Aber zu Beginn des Jahres 1944 gab es häufig Angriffe der Alliierten auf das Gebäude und die Gleisanlagen. In den Monaten Februar und März erfolgten die heftigsten Angriffe. Dabei wurde der rechte Seitentrakt, in dem sich auch der Eingang zur Empfangshalle befand, total zerstört, und das Hauptgebäude erlitt starke Einschussschäden.

Der 21. und der 22. März 1945 waren wohl die schlimmsten Kriegstage für Haltern. Brandbomben setzten viele Häuser und auch das Krankenhaus in Schutt und Asche. Der gesamte Eisenbahnverkehr kam zum Erliegen. Am 29. März 1945 wurde dann die Stadt von den Amerikanern besetzt. Sie übernahmen das Kommando und forderten sämtliche Halterner Eisenbahner und zahlreiche Auswärtige zur Trümmerbeseitigung und Aufbauarbeit an.

Nach Fertigstellung eines Dammes mit Gleisbett durch den Kanal wurde der Eisenbahn-Durchgangsverkehr nach Recklinghausen wieder aufgenommen. Am 22. Juni wurden die Amerikaner von den Engländern abgelöst.

150 Jahre Eisenbahn: Als Dampflokomotiven auf großen Rädern in den Halterner Bahnhof fuhren

Der Blick geht über den Bahnhofsvorplatz auf das im Krieg beschädigte Bahnhofsgebäude. Der rechte Seitentrakt, der total zerstört war, steht bei dieser Aufnahme von 1949 schon wieder im Rohbau. © Archiv Backmann

Das Bahnhofsgebäude heute

Seit den 1960er-Jahren hat sich das äußere Erscheinungsbild des Haltern Bahnhofs nur unwesentlich verändert. Dagegen ist der Innenbereich seit Aufgabe der Eisenbahn-Dienststelle „Bahnhof Haltern“ wesentlich verändert worden. Mit Aufgabe der Büros und der Gepäckabfertigung wurden die Räumlichkeiten anders genutzt.

Die Fläche der früheren Bahnhofsgaststätte ist heute von der Caritas angemietet. Die Toilettenanlagen sind beseitigt und die Buchhandlung in den Bereich der früheren Gepäckabfertigung verlegt worden. Die Büros und der Kassenraum werden heute von einer Bäckerei genutzt, die auch einen direkten Zugang vom Vorplatz aus erhalten hat.

Die frühere Fahrkartenausgabe war bis vor einigen Wochen das DB-Reise-Zentrum, und ist jetzt zu einem Warteraum umgebaut worden. Der hohe Eingangsbereich der Empfangshalle ist mit Motiven aus Haltern in diesen Tagen künstlerisch gestaltet worden.

150 Jahre Eisenbahn: Als Dampflokomotiven auf großen Rädern in den Halterner Bahnhof fuhren

Die kürzlich künstlerisch ausgestaltete Empfangshalle des Halterner Bahnhofs © Archiv Backmann

Weitere Maßnahmen

Der Vorplatz des Bahnhofs wurde in den letzten Jahren verändert. Der Taxi-Stand ist zur rechten Seite in Richtung frühere Güterabfertigung (heute Caritas-Fahrradstation) verlegt worden. Der frühere Standort wurde mit in die Neuplanung des Platzes mit Bus-Bahnsteigen und Parkmöglichkeiten eingebunden.

150 Jahre Eisenbahn: Als Dampflokomotiven auf großen Rädern in den Halterner Bahnhof fuhren

Die provisorische Behelfsbrücke als Übergang zu den Gleisen 2 und 3 © Archiv Backmann

Aktuell ist der Bahnsteigbereich des Halterner Bahnhofs eine Großbaustelle. Hier wird ein Durchstich hin zur Straße „Zum Ikenkamp“ geschaffen, um die Bahnsteige auch von der Südseite aus erreichen zu können.

Dadurch gibt es für Reisende erhebliche Einschränkungen und Behinderungen, da die Gleise 2 und 3 derzeitig nur über eine hohe Behelfsbrücke mit etwa 50 Stufen auf- und abwärts erreichbar sind. Einen Fahrstuhl hat die Deutsche Bahn AG für die fast ein Jahr dauernden Bauarbeiten nicht installiert.

Quellen:
  • Stefan Hans / Andreas Plogmaker, Die Geschichte des Halterner Bahnhofs, Halterner Jahrbuch 1990
  • Rolf Swoboda: „Venloer Bahn – Haltern-Wesel-Venlo“,Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2010, ISBN 978-3-941712- 04-1
  • Peter Junk/Uli Backmann „Aus der Geschichte der Eisenbahn in Haltern“, Halterner Jahrbuch 2019
  • Archiv U. Backmann
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