Ärztin zu Corona-Lage: „Müssen uns jeden Fall individuell anschauen“

mlzSythener Kita

Astrid Platzmann-Scholten, Ärztin beim Kreisgesundheitsamt, spricht im Interview über die aktuelle Corona-Situation in der Region sowie das Vorgehen rund um die Städtische Kita in Sythen.

Sythen

, 01.10.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ärztin Astrid Platzmann-Scholten ist beim Gesundheitsamt des Kreises Reckling­hausen Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um die Themen HIV, AIDS und sexuell übertragbare Erkrankungen. Vielmehr beschäftigt die 61-Jährige seit Monaten jedoch die Corona-Krise. „Das hat aktuell oberste Priorität“, sagt sie. Beim Kreisgesundheitsamt Recklinghausen kümmern sich aktuell 75 Mitarbeiter um die aufwendige Nachverfolgung.

Im Interview mit unserer Zeitung spricht die gebürtige Bochumerin unter anderem über die aktuelle Corona-Situation in der Region sowie die Vorgehensweise bei Quarantänemaßnahmen wie im aktuellen Fall rund um die Städtische Kita in Sythen.

Frau Platzmann-Scholten, wie schätzen Sie aktuell die Corona-Lage in Haltern und dem Kreis Recklinghausen ein?

Nachdem wir nach den Sommerferien einen Anstieg der aktuell infizierten Fälle hatten, flachte die Kurve zunächst wieder etwas ab. Seit Anfang September müssen wir beobachten, dass es wieder einen stetigen Anstieg gibt. Die Zahl der aktuell infizierten Personen hat sich kreisweit innerhalb weniger Wochen verdoppelt. Auch in Haltern zeigt die Kurve deutlich nach oben. Vor drei Wochen hatten wir in Haltern zum Beispiel nur zwei aktuell infizierte Personen. Zum Monatsende sind es nun über 20. Diese Entwicklung ist nicht gut und macht unsere Arbeit nicht einfacher.

Astrid Platzmann-Scholten

Astrid Platzmann-Scholten © Kreis Recklinghausen

Welche Strategie verfolgen Sie, um eine Verbreitung des Coronavirus nach Möglichkeit einzudämmen?

Mittlerweile besteht unser Team im Kreisgesundheitsamt aus 74 Mitarbeitern und wir planen, die Anzahl der Mitarbeiter weiter aufzustocken. Unser Ziel ist es immer, so schnell wie möglich Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen und diese zuhause zu isolieren. Nur so lassen sich Infektionsketten unterbrechen und weitere Ansteckungen verhindern. Durch rasches routinemäßiges Testen dieser Kontaktpersonen können wir von diesen ausgehende Folgeinfektionen vermeiden.

Ist für Sie jede Kontaktperson wie die andere? Können Sie quasi nach „Schema F“ vorgehen?

Nein, das geht nicht. Wir müssen uns immer jeden Fall und die Umstände individuell anschauen. Wie eng und intensiv und in welchem Umfeld war der Kontakt? Wir wollen alles tun, um die Ausbreitung des Virus zu vermeiden, aber wir wollen die Menschen natürlich auch nicht mehr einschränken als unbedingt erforderlich. Deshalb ist das eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, bei der immer wieder neu abgewogen werden muss.

In Sythen wurde der Betrieb in einer Städtischen Kita kürzlich nach einem positiven Corona-Fall komplett eingestellt. Warum wurden dort Quarantänemaßnahmen für alle Kinder und Mitarbeiter angeordnet?

Wir haben seit Schulbeginn intensiven Kontakt mit mehreren Kindertagesstätten und Schulen im Kreis gehabt, nachdem positiv getestete Personen oder deren enge Kontakte diese Einrichtungen besucht haben. Dies erfordert einen erheblichen Aufwand für uns und auch für die Einrichtungen. Bei einem Corona-Fall in einer Gemeinschaftseinrichtung wie einer Schule oder einer Kita ermitteln wir, wer einen engen Kontakt zu der Person hatte. Dabei spielen auch die Gegebenheiten vor Ort, wie beispielsweise Sitzabstände, und natürlich der persönliche Schutz – Mund-Nasen-Schutz, Hygiene – eine wichtige Rolle. Wir orientieren uns dabei an den Empfehlungen und Vorgaben des Robert-Koch-Instituts. Grundsätzlich wird bei Kontaktpersonen dann zwischen drei verschiedenen Graden unterschieden. Wobei für Bürger, die nicht im medizinischen Bereich beschäftigt sind, nur die Kategorien I und II von Bedeutung sind.

Welche sind das?

Eine Kontaktperson ersten Grades stand in direktem physischen Kontakt mit einer möglicherweise infizierten Person. Da der Übertragungsweg des Corona-Virus über Tröpfcheninfektion und Aerosole erfolgt, ist der unmittelbare Kontakt entscheidend. Dazu gehört zum Beispiel ein mindestens 15-minütiger direkter Kontakt von Angesicht zu Angesicht, beispielsweise im Rahmen eines Gesprächs. Ein Infektionsrisiko ist hier gegeben. Quarantäne wird angeordnet. Die Kontaktperson zweiten Grades stand hingegen in weniger engem Kontakt mit der infizierten Person.

Das heißt konkret?

Beispielsweise hat sie sich mit der infizierten Person zwar im gleichen Raum aufgehalten, jedoch hat der Kontakt nicht direkt und über einen Zeitraum hinweg bestanden. Das Infektionsrisiko ist in diesem Fall gering. Quarantäne wird nicht angeordnet. Grundsätzlich betrachten wir immer den Einzelfall, um dann über weitere konkrete Maßnahmen zu entschieden.

Nun stehen uns der Herbst und Winter bevor – mit der „normalen“ Grippe. Mit welchen Gefühlen blicken sie auf diese Zeit?

Wir stehen ohne Zweifel jetzt besser da als noch im März. Die intensivmedizinischen Kapazitäten wurden ausgebaut und wir haben weitaus mehr Erfahrungen mit dem Virus gesammelt. Aber solange wir keinen wirksamen Impfstoff haben, können wir nur mit Maßnahmen gegensteuern, um die Pandemie einzudämmen. Die kommende Jahreszeit könnte die Ausbreitung des Virus begünstigen.

Woran liegt das?

Das liegt vor allem daran, dass wir uns wieder mehr in geschlossenen Räumen aufhalten. Der Kontakt zwischen den Personen wird dann wieder enger als im Freien. Außerdem trocknen spätestens während der Heizperiode die Schleimhäute leichter aus, was alle über die Luft übertragenen Infektionen begünstigt. Wir brauchen daher eine Gesellschaft, die solidarisch und verantwortlich handelt. Weiterhin gilt: Abstand halten, wo das nicht möglich oder ohnehin verpflichtend ist, Mund-Nase-Schutz tragen und auf jeden Fall Hygieneregeln beachten.

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