Tagsüber arbeiteten sie gemeinsam an einem Auto, in derselben Nacht starben zwei junge Männer jeweils in ihren eigenen Wohnungen. Sieben Jahre danach bleibt der Halterner Fall mysteriös.

Haltern

, 22.02.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

Genau sieben Jahre ist es her, dass sich in Haltern am See einer der spektakulärsten Kriminalfälle Deutschlands abspielte. Ein Gerichtsmediziner, der mit dem Fall befasst war, erklärt jetzt, warum die Hintergründe der Todesfälle niemals aufgeklärt werden.

Ein grauer Donnerstag im Februar, die beiden jungen Autohaus-Mechatroniker Mirko und Thomas arbeiten zusammen an einem Wagen, wie sie es ständig tun. Mirko ist 20 Jahre jung, Thomas 25. In der Kirche engagiert, im Handballverein und bei den Maltesern aktiv. Beide stehen im Februar 2012 mitten im Leben.

Tod in der Nacht vor seinem großen Tag

Mit dem Feierabend gehen die Kollegen getrennte Wege. Mirko joggt abends noch um den Halterner Stausee, schaut mit seinem Mitbewohner das Schalke-Spiel im Fernsehen und geht danach direkt ins Bett, will für seine Gesellen-Freisprechung am nächsten Tag fit sein. Seinen großen Tag. Er ist schon für die Meisterschule angemeldet. Doch am nächsten Morgen, am Freitag, erscheinen Mirko und Thomas nicht zur Arbeit. Sie melden sich auch nicht krank. Beide seien immer gewissenhaft und pünktlich gewesen, sagt ihr Chef Werner Schulte-Lünzum später.

Am Freitagmorgen klingelt das Telefon bei Schulte-Lünzum in der Firma. Thomas ist in seiner Wohnung tot aufgefunden worden. Nach dem ersten Schock beschließt er, Mirkos Vermieter anzurufen. Als der klingelt, reagiert Mirko nicht. Beide sind in derselben Nacht gestorben. Getrennt voneinander in ihren eigenen Wohnungen. Der eine im Sessel, der andere im Bett. Sofort sorgt der Fall für große mediale Aufmerksamkeit, die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf.

Hinweise auf Vergiftungen - aber womit?

Die Ermittler gehen bei den jungen Männern zunächst von Drogenmissbrauch aus. Die Familien und Freunde werden tagelang befragt, alleine von Mirko geben 60 Bekannte ihre Aussagen zu Protokoll. „Ein Polizist meinte, wenn man 20 Mann befragt, sei immer einer dabei, der zumindest polizeibekannt ist“, sagen Mirkos Eltern sieben Jahre später. „Doch bei den 60 Kontakten von Mirko gab es nicht einen einzigen Ansatz, der in die Drogenrichtung gehen könnte.“

Bei ersten Untersuchungen werden bei beiden Toten Hirnschwellungen, Nierenversagen und Lungenödeme festgestellt. Dies deutet auf eine akute Vergiftung hin – doch weiter kommen die Rechtsmediziner nicht. Keine Hinweise auf Drogen. Nähere Untersuchungen werden in die Wege geleitet, allesamt ohne Ergebnis. Die Autowerkstatt ist ein paar Tage geschlossen, Ermittler nehmen sie unter die Lupe, genau wie die Wohnungen der Opfer, doch giftige Stoffe, die für die Todesfälle verantwortlich sein könnten, werden nicht gefunden.

Mirkos Grab in Haltern am See.

Mirkos Grab in Haltern am See. © privat

Es gebe weder Hinweise auf ein Verbrechen, noch auf Selbstmorde. Zu Mirkos Gedenkgottesdienst in der Sixtuskirche kommen rund 500 überwiegend junge Menschen. „Die Kirche war voller als an Weihnachten“, sagen die Eltern: „Das war eine Beerdigung mit auch heute noch unglaublicher Anteilnahme.“

Knapp ein Jahr später, Anfang Februar 2013, stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. „Wir haben alles unternommen, was der jetzige Stand der Technik möglich macht, um den Fall zu lösen“, sagt Rechtsmedizinerin Dr. Uta Küpper damals. Kurz zuvor seien die letzten verbliebenen Proben für Untersuchungen aufgebraucht worden. Der letzte Strohhalm, an den man sich geklammert habe, sei gebrochen, sagt Küpper.

Die Fotos der Verstorbenen hängen noch im Autohaus

Sieben Jahre nach dem Tod hängen die Fotos von Mirko und Thomas noch im Eingangsbereich des Autohauses Borgmann am Hellweg, zwischen Haltern und Sythen. Direkt unter den Fotos der Kollegen, die heute noch die Kunden bedienen. Mirko im dunkelrot karierten Hemd lacht übers ganze Gesicht. Thomas trägt einen dunklen Pullover und grinst verschmitzt, als hätte der Fotograf eben einen guten Witz erzählt. Im Juni 2017 kam das Foto eines weiteren verstorbenen Kollegen hinzu.

Auf dem Klingelschild von Mirkos Familie steht auch sieben Jahre danach noch der Name des Verstorbenen. „Er gehört ja auch immer noch dazu“, sagen die Eltern und lächeln. Die Stunden und Wochen nach der Todesnachricht habe die Familie „wie durch Watte“ wahrgenommen, sagen sie. Einige Wochen lang seien beide Eltern nicht arbeiten gegangen: „Mittlerweile gibt es ja ganz viele in Haltern, die das so erleben mussten.“ Damit meinen sie die Flugzeug-Katastrophe im Jahr 2015.

Drei Wochen vor seinem Tod ist Mirko bei den Eltern ausgezogen

Drei Wochen vor seinem Tod sei Mirko aus dem Elternhaus ausgezogen, voller Elan in die erste eigene Wohnung. „Er hatte die feste Absicht, seinen Weg zu gehen“, sagen die Eltern mit Blick auf Freisprechung und Meisterschule. Dem Drogenverdacht widersprechen die Eltern von Anfang an zu 100 Prozent. „Mirko und Thomas hatten privat auch überhaupt nichts miteinander zu tun. Die waren so völlig unterschiedlich. Sie haben halt nur zusammen gearbeitet.“

Irgendwann mussten die Eltern lernen, mit der Ungewissheit zu leben und mit der Sache abschließen. Doch die Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft macht sie bis heute betroffen. Am Freitagmorgen sind die jungen Männer tot aufgefunden worden, „Mittwoch gab es erst eine Obduktion“, sagen Mirkos Eltern.

In diesem Autohaus haben Mirko und Thomas gearbeitet.

In diesem Autohaus haben Mirko und Thomas gearbeitet. © Kevin Kindel

Hinterher haben sie gelernt, dass einige chemische Prozesse mit so viel Verzögerung nicht mehr nachweisbar seien: „Da sind viele Dinge einfach verflüchtigt.“ Doch dass es überhaupt eine Obduktion gibt, das habe das Paar nur aus der Zeitung erfahren. Auch dass das Verfahren irgendwann eingestellt wurde: „Es informiert Sie keiner. Sie sind ja nur die Eltern eines erwachsenen Sohnes.“

Das zwei Jahre alte Auto, an dem Mirko und Thomas gearbeitet haben, ist genau wie das gesamte Werkstattgelände mit Spürhunden untersucht worden. Einige Tage später hat der Kunde, ein Vertreter, der in ganz Deutschland unterwegs ist, den Wagen wieder abgeholt. Dinge wie Trinkflaschen der Mitarbeiter oder Materialbehälter hat Autohaus-Chef Werner Schulte-Lünzum in der Werkstatt eingesammelt, in einen Raum eingeschlossen und dann den Ermittlern übergeben, damit sie untersucht werden können.

Obduktionen sind in der Strafprozessordnung geregelt

„Man kann grundsätzlich vorher einfach nicht einschätzen, wie viel Material man für die Untersuchungen braucht“, sagt Dr. Thomas Bajanowski, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Essener Uniklinik mit Blick auf die schnell aufgebrauchten Gewebeproben. Er kann sich gut an den Fall von Mirko und Thomas erinnern: „Die Öffentlichkeit wollte Antworten, die wir aber leider auch zusammen mit Kollegen in Freiburg und München nicht liefern konnten.“

Das Standardverfahren einer Obduktion sei in der Strafprozessordnung klar geregelt. Zum Beispiel entnehmen die Fachleute im Normalfall 40 Milliliter Blut. „Man behält alle Materialien ein, die für Zusatzuntersuchungen relevant sind“, sagt Bajanowski. Bei Tötungsdelikten 25 Jahre lang, bei Mordverdacht für unbegrenzte Zeit. „Wenn die Untersuchungen aber immer wieder negativ sind und man immer wieder weitere dransetzt, dann sind leider alle Proben irgendwann verbraucht“, so der Institutsleiter. So war das schon im Januar 2013 der Fall.

Pro Jahr gibt‘s bis zu 100 neue Substanzen

Zum Beispiel im Bereich der synthetischen Drogen treten pro Jahr zwischen 50 und 100 neue Substanzen auf, sagt Bajanowski. Deshalb würden auch ständig neue Untersuchungsmethoden für Obduktionen entwickelt. Für den Halterner Fall der Autohaus-Mitarbeiter gibt es aber auch 2019 keine neue Hoffnung auf Klärung. Es gibt schlicht kein Material mehr, das man untersuchen könnte.

Drei bis fünf Prozent aller Obduktionen führen zu keinem Ergebnis, sagt der Institutsleiter: „Wenn es überhaupt keinen Hinweis auf Erkrankungen gibt, bleiben diese Fälle ungeklärt. Das kommt leider Gottes vor.“ Genetische Herz-Rhythmus-Störungen seien zum Beispiel nicht nachweisbar. Da seien die Wissenschaftler machtlos.

Die Staatsanwaltschaft müsste Ermittlungen beauftragen

Selbst wenn es noch Proben und passende neue Untersuchungsmethoden gäbe, könnten die Rechtsmediziner den Fall übrigens nicht einfach so wieder aufrollen. Die Staatsanwaltschaft müsste neue Angriffspunkte in ihren Ermittlungen haben, um die Mediziner mit weiteren Untersuchungen zu beauftragen. „Wir haben auch leider mit aktuellen Fällen genug zu tun“, sagt Bajanowski. Sechs Rechtsmediziner sind für ein Gebiet zuständig, das von Haltern bis ins knapp 50 Kilometer entfernte Sprockhövel reicht.

„Wir wissen bis heute nicht, was da passiert ist“, sagen die Eltern: „Jedenfalls ist da Etwas passiert, was bis heute keiner erklären kann.“ Die Familie musste sich damit abfinden, dass der Tod des Sohnes nicht geklärt wird. Man müsse einen Weg finden, mit der Situation umzugehen, sonst gehe man daran zugrunde. Beide Eltern sind sich einig: „Das Leben hat sich geändert, aber es ist kein schlechteres geworden. Es ist nur anders und die Lücke bleibt für immer.“

Auf Wunsch von Mirkos Eltern sind ihre Namen in diesem Text bewusst nicht genannt und sie treten in den Zitaten nur als Paar auf.
Lesen Sie jetzt