Berlin statt Bolivien: Sythenerin hilft in Projekten für Obdachlose

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Die Sythenerin Hannah Wessel wollte nach dem Abitur als Freiwillige nach Bolivien gehen. Corona warf ihre Pläne durcheinander. Jetzt hilft sie Menschen, die auf der Straße leben - in Berlin.

Sythen/Berlin

, 19.11.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Obdachlosigkeit war für die Sythenerin Hannah Wessel nie ein Thema, mit dem sie sich auseinandersetzen musste. „In Haltern oder bei mir auf dem Dorf sieht man ja eigentlich keine Menschen, die auf der Straße leben“, sagt sie. Wenn doch, in anderen Städten, dann habe sie nie viel darüber nachgedacht.

Aktuell arbeitet Hannah Wessel von dienstags bis sonntags in unterschiedlichen Projekten für Wohnungslose und Bedürftige in Berlin-Neukölln. Sie kocht, gibt Essen aus, sortiert Kleiderspenden, betreut Kinder, hilft bei Wohnungsrenovierungen. „Und ich lerne hier total viel“, sagt sie.

Bolivien verbietet Einreise

Die 19-Jährige hat 2020, im Coronajahr, ihr Abitur gemacht. Der Plan für die Zeit danach war eigentlich, über das „weltwärts“-Programm nach Bolivien zu gehen und dort in einem Kindergarten oder Krankenhaus zu arbeiten. Dafür hatte Hannah bereits im Januar mit Vorbereitungsseminaren begonnen. Bolivien verbietet wegen der Corona-Pandemie aktuell allerdings noch die Einreise aus dem Ausland.

Ihre christliche Trägerorganisation, „die Pallottiner“, vermittelte ihr deshalb vorübergehend eine Stelle bei einer Gemeinde in Berlin-Neukölln. Dort wohnt Hannah Wessel jetzt in einer Art WG mit einer anderen Freiwilligen, einem Pfarrer und einer Pastoralreferentin. „Viele haben große Augen gemacht - von wegen ‚Oh, Neukölln’, sicher, dass du das machen willst?‘“ Doch Hannah sagt jetzt, nach gut zwei Monaten: „Ich fühle mich sehr wohl hier.“

„Da ging mein Herz richtig auf“

Als sie das erste Mal mit dem Projekt zur Essensausgabe zum Bahnhof Zoo fuhr, habe sie noch ein etwas mulmiges Gefühl gehabt, sich gefragt, „wie wird das wohl?“ Jetzt sagt sie: „Das war schon krass.“ Aber sie meint es positiv: „Die Menschen waren einfach so dankbar, da ging mein Herz richtig auf.“

Der Freiwilligendienst über „weltwärts“ wird zu einem Großteil durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert. Durch den Einsatz der Freiwilligen entstehen trotzdem Kosten für die jeweiligen spendenfinanzierten Organisationen. Wer Hannah Wessel unterstützen möchte, kann sich bei ihr melden unter: hannahinbolivien160@gmail.com

Es sei ihr unerwartet einfach gefallen, mit den Menschen dort auf Augenhöhe zu reden, über ganz normale Dinge. Das Wetter, die Zukunft, die Corona-Situation. Wobei das alles Dinge sind, die für die Menschen auf der Straße doch eine andere Bedeutung haben: „Jetzt gerade ist es recht warm, aber im Winter wird es sicher schlimm“, befürchtet Hannah Wessel.

Regelmäßig Händewaschen, Zuhause bleiben - grundlegende Hygieneregeln sind für Wohnungslose eine ganz andere Herausforderung. Hannah erzählt, dass ein Teilprojekt ihrer Organisation nicht öffnen konnte. Dort hätte es normalerweise zehn Schlafplätze gegeben.

Corona trifft Wohnungslose besonders hart

Dadurch, dass jetzt wieder weniger Menschen, vor allem weniger Touristen, auf den Straßen in Berlin unterwegs sind, gebe es für Wohnungslose zusätzliche Probleme. „Viele verdienen ihr Geld durch Flaschensammeln, das ist jetzt schwieriger. Und normalerweise mischen sie sich tagsüber gerne unter die Leute, um nicht so aufzufallen“, sagt Hannah Wessel.

Abstand und Plexiglas sind aktuell notwendig, erschweren aber den sozialen Austausch, sagt Hannah.

Abstand und Plexiglas sind aktuell notwendig, erschweren aber den sozialen Austausch, sagt Hannah. © privat

Bislang hatten Hannah und die anderen Helfer das Essen an Tische auf einem Sportplatz serviert. Jetzt gibt es dort auch nur noch alles zum Mitnehmen. Dadurch seien die Menschen wieder mehr auf sich allein gestellt. „Sie hatten dort immer eine Ansprechperson, haben viel mit uns geredet. Das geht erstmal nicht mehr, aber muss jetzt halt so sein.“ Sie ist froh, dass ihre Organisation trotzdem an anderen Lösungen arbeite.

Sorge, das Virus weiterzugeben

Viel Freizeit hat Hannah nicht, aber das stört sie gerade wenig. Kontakte zu reduzieren sei ohnehin besser. „Das wäre total schlimm, wenn ich jemanden anstecken würde.“ Und außerdem macht ihr die Arbeit bei der pallottinischen Gemeinschaft Spaß: „Es ist total abwechslungsreich“.

So gut es ihr in Berlin gerade gefällt, Hannah Wessel wünscht sich trotzdem noch immer, ihre Reise nach Bolivien umzusetzen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt sie. Doch ihr sei durch die letzten Wochen noch einmal mehr klar geworden: „Natürlich gibt es auch in Deutschland Probleme.“ Da helfen zu können, gebe ihr ein gutes Gefühl.

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