EU will Tattoofarben verbieten – Halterner Tätowiererin kann das nicht nachvollziehen

mlzTattoofarben-Verbot

Die europäische Chemikalienagentur will zwei Pigmente verbieten, aus denen die meisten Tattoofarben gemischt werden. Einer Halterner Tätowiererin fehlen die Beweise für deren Schädlichkeit.

Haltern

, 01.02.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Deutschland malen Tätowierer eine graue Zukunft. Denn man möchte ihnen an die Farbe. Genauer gesagt: an die Farben Grün und Blau. Die europäische Chemikalienagentur (ECHA) hat vorgeschlagen, mehr als 4000 Substanzen in Tätowierfarbe und Permanent-Make-Up zu verbieten. Der Vorschlag umfasse unter anderem krebserzeugende, erbgutverändernde, fortpflanzungsgefährdende und hautsensibilisierende oder hautreizende Stoffe, heißt es auf der Internetseite der ECHA.

Einige dieser Substanzen seien bereits durch die EU-Kosmetikverordnung eingeschränkt und dürften daher nicht auf der Haut angewendet werden. Sie könnten deshalb auch nicht sicher unter der Haut angewendet werden, argumentiert die ECHA. Sollte es ein Verbot geben, würde das auch die Farbpigmente „Blue 15“ und „Green 7“ – also die Pigmente Grün und Blau – betreffen.

Pigmente werden zur Herstellung diverser Tattoofarben verwendet. Sie sind für die Farbgebung verantwortlich und damit wichtiger Bestandteil bunter Tattoos. Der Gedanke an ein Verbot von „Blue 15“ und „Green 7“ sorgt bei vielen Tätowierern und Tätowierten für Besorgnis und Ärger.

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Halterner Tätowiererin erklärt, worauf Kunden bei Studios achten sollten

Denn laut dem Bundesverband Tattoo würden dadurch „circa 66 Prozent der Tattoofarben vom Markt verbannt.“ Aus den Farben Grün und Blau werden nämlich viele andere Farbtöne gemischt. Die Tätowierer befürchten deshalb, dass das Farbspektrum bei bunten Tattoos erheblich eingeschränkt wird.

Tätowierer haben eine Petition ins Leben gerufen

Eine Petiton unter dem Titel „#Tattoofarbenretten - 2020“, die am 15. Januar gestartet ist, wurde bereits von fast 120.000 Personen (Stand: 27. Januar) unterzeichnet. Darin wird der Bundestag aufgefordert, dem Vorschlag eines Verbots nicht nachzukommen. Welche Stoffe in der europäischen Kosmetikmittel-Verordnung verboten werden, entscheiden das Europäische Parlament und der Europäische Rat.

Dass die beiden Pigmente Blue 15 und Green 7 überhaupt unter den 4000 Stoffen der Verbots-Empfehlung auftauchen, findet die gelernte Diplom-Kosmetikerin Aneke Steffan aber generell falsch. Vor fünfeinhalb Jahren hat die 36-Jährige in der Halterner Innenstadt das Tattoo-Studio „Tattooga“ eröffnet. „Tätowierfarben werden gleichgestellt mit Kosmetikprodukten, dabei sind die Tattoofarben höher gewaschen als Farben in der Kosmetikbranche und damit reiner“, erklärt Steffan.

EU will Tattoofarben verbieten – Halterner Tätowiererin kann das nicht nachvollziehen

Seit fünfeinhalb Jahren betreibt die gelernte Diplom-Kosmetikerin das Tattoostudio "Tattooga" in der Halterner Innenstadt. © Lukas Wittland

Außerdem fehle der wissenschaftliche Beleg, ob und wenn ja, wie viele schädliche Farbpigmente in die Haut gelangen und dort bleiben würden, sagt die 36-Jährige, die selbst Mitglied im Bundesverband Tattoo ist. Die Diskussion über die Farben hält sie für überflüssig: „Es sollten andere Probleme in der Branche thematisiert werden“, findet sie.

Tätowierer ist keine geschütze Berufsbezeichnung

„Das sicherste Farbpigment bringt nichts, wenn es falsch und von Ungelernten in die Haut gestochen wird. Das Risiko einer Infektion empfinde ich persönlich als viel höher.“ Eine Berufszugangsregelung halte sie deshalb für effektiver, um Gesundheitsrisiken zu minimieren, sagt sie. Aktuell bedarf es nämlich keiner konkreten Ausbildung, um als Tätowierer zu arbeiten.

„Es gibt viel zu viele schwarze Schafe, die öffentlich Studios betreiben und nicht auf die Hygiene achten“, sagt sie. Außerdem könne ein Verbot der Pigmente dafür sorgen, dass manche Tätowierer sich mit den Farben auf dem Schwarzmarkt eindecken könnten und so wirklich schädliche Farben unter die Haut kämen.

Von dem vorgeschlagenen Verbot ist Steffan selbst allerdings nicht so sehr betroffen, da sie hauptsächlich mit schwarzer Farbe arbeite. Einige Kollegen in der Branche würden sich aber schon Gedanken machen. „Und es schränkt ja auch den Kunden bei der Wahl der Motive und damit in seiner Individualität ein“, findet sie und fragt: „Was wäre eine grüne Wiese ohne Grün?“

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ECHA empfiehlt eine Übergangszeit

Sollte ein Verbot kommen, wären Grün und Blau aber nicht sofort vom Tätowiertisch. Die ECHA empfiehlt eine Übergangszeit von zwei Jahren zu gewähren, bevor sie komplett verboten werden. Dies würde es den Tätowierern ermöglichen, sicherere Alternativen zu finden und in der Zwischenzeit die Verfügbarkeit von grünen und blauen Tätowiertinten sicherzustellen, schreibt die ECHA auf ihrer Internetseite.

Diese Regelung kann Steffan nicht nachvollziehen: „Das passt doch gar nicht zu der Forderung. Wenn es schädlich sein soll, warum gewähre ich dann eine Übergangsfrist und verbiete es dann erst?“, fragt sie sich.

Dr. Katharina Schürings findet es wichtig, dass Tätowierer nach Alternativen suchen können. Die Fachärztin für Dermatologie arbeitet in einer Düsseldorfer Hautarztpraxis und begründet das mit der Gefahr des Schwarzmarktes: „Man kann den Tätowierern nicht einfach diese Pigmente wegnehmen. Sie lassen sich leicht aus Asien bestellen, wo die Farben viel weniger kontrolliert sind“, sagt die 35-Jährige. „Ich kann mir vorstellen, dass einige dann darauf zurückgreifen.“

„Es braucht einheitliche Standards“

Ein Verbot befürwortet sie aber grundsätzlich. „Es braucht einheitliche Standards“, sagt die Ärtzin. „Wenn es auf der Haut verboten ist, sollte es auch in der Haut verboten sein.“ Sie sagt aber auch, dass wissenschaftlich relativ wenig über die Wirkungen von Tattoofarbe im Körper bekannt sei. „Es wurde herausgefunden, dass die Pigmente durch den Körper transportiert werden. Sie setzen sich teilweise in den Lymphknoten fest und verfärben sie in der Farbe, in der die Haut tätowiert wurde.“

Was diese Verfärbungen und auch die Konservierungsstoffe und Lösungsmittel, die den Pigmenten hinzugefügt werden, genau im Körper auslösen, wisse man hingegen noch nicht, sagt Schürings. Da die Lösungsmittel verstoffwechselt werden, könnten sie aber die Nieren schädigen. „Um das aber genau sagen zu können, brauchen wir die Studien“, sagt sie. Dass in einigen schwarzen Tattoofarben krebserregende Kohlenwasserstoffe enthalten sind, wurde zum Beispiel in einer Studie nachgewiesen.

Generell gibt die Dermatologin zu bedenken: „Jedes Tattoo ist ein Eingriff in die Haut. Es können Knötchen, sogenannte Granulome, entstehen, wenn Immunzellen gegen das, was in die Haut gebracht wird, vorgehen.“ Außerdem könnten Allergien auftreten oder eben HIV- und Hepatitis-C-Infektionen, wenn ein Tätowierer mit verunreinigten Nadeln arbeite, sagt Schürings.

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