Ursula Dalpke (76) aus Haltern-Flaesheim wollte eigentlich eine Freundin in der Halterner Innenstadt besuchen. Daraus wurde aber nichts: Weder im Bus, noch im Ort gibt es Fahrkarten.

Haltern, Flaesheim

, 14.06.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Busfahrten sind gerade für Menschen ohne Smartphone in der Corona-Krise zum Problem geworden. Wer aus den Ortsteilen in die Innenstadt möchte, kommt in einen Gewissenskonflikt: Bleibe ich daheim oder fahre ich schwarz? Die einzige Halterner Fahrkarten-Vorverkaufsstelle befindet sich an der Rekumer Straße 54 in der Innenstadt. Am Samstag hat sie lediglich bis 13 Uhr, sonntags gar nicht geöffnet.

Seit Mitte März dürfen die Busfahrer keine Tickets mehr verkaufen und sind aus Corona-Schutzgründen von den Fahrgästen getrennt. Ansonsten sind Fahrkarten nur online erhältlich - für viele gerade auch ältere Menschen ein Problem. Denn die haben nicht immer ein Smartphone. Einige haben Angst, Online-Betrugsmaschen auf den Leim zu gehen und verzichten daher auf das Internet.

Schwarz fahren - nicht wirklich eine Alternative

Die Seniorin Ursula Dalpke aus Flaesheim wollte vor einigen Tagen eine Freundin in der Innenstadt besuchen. Die rief spontan an, dass es ihr nicht so gut ginge und Unterstützung brauche. Da ihr Mann mit dem Auto unterwegs war, war Dalpke auf den Bus angewiesen - doch wäre sie einfach so eingestiegen, hätte das teuer für sie werden können.

„Ich habe bei der Vestischen angerufen und gefragt, wie ich denn nun an ein Ticket komme. Die sagten mir, dass ich leider spontan keines bekommen kann. Sollte mir ein Fahrkartenkontrolleur begegnen, könnte ich ihm meine Situation schildern - doch ob er kulant sei, könne man mir nicht versprechen“, erzählt die 76-Jährige. Deshalb sagte sie ihrer Freundin schweren Herzens ab und blieb daheim - schließlich wolle sie keine Straftat begehen.

Mit dem Taxi zum Busfahrkartenverkäufer

Laut Dalpke ginge es mehreren Rentnern in ihrem Umfeld so. Eine ihrer Freundinnen sei kürzlich mit dem Taxi in die Innenstadt gefahren, um dort dann ein Busticket nach Datteln zu kaufen. „Von Flaesheim aus bezahlt man etwa 20 Euro für ein Taxi in die Innenstadt. Das haben viele Rentner nicht übrig“, so Dalpke. Auch auf kurzen Strecken sei das Problem mit den Tickets allgegenwärtig: Wer kein Auto habe oder unsicher beim Fahren sei, käme nicht zum nächsten Supermarkt.

„Einerseits wird darüber diskutiert, ob Rentner aus Sicherheitsgründen ihren Führerschein abgeben sollen. Aber wenn es keine Busfahrkarten zu kaufen gibt, bin ich ja auf das Auto angewiesen. Wir wollen nicht schwarz fahren“, betont Dalpke. „Warum kann man den Busfahrer nicht mit einer Glasscheibe schützen, so wie die Kassierer im Supermarkt? Oder einen kleinen Automaten aufstellen?“, fragt sie sich.

Schutzscheiben-Einbau ist teuer

Die Idee mit der Schutzscheibe für Busfahrer, erklärt Christoph van Bürk, Pressesprecher der Vestischen Straßenbahnen GmbH, sei gar nicht schlecht und werde tatsächlich aktuell in Angriff genommen. Bis es soweit sei, dass alle Busfahrer geschützt seien, würden aber noch Wochen bis Monate vergehen. Der Einbau solcher Scheiben sei nämlich komplexer als man glaubt.

Da die Busse der Vestischen drei verschiedenen Modellen angehören, gäbe es verschiedene bauliche Voraussetzungen. Zudem könne nicht jede beliebige Scheibe eingebaut werden: Sie muss spiegelfrei und bruchsicher sein. Spiegelfrei vor allem deshalb, damit der Busfahrer seinen Schulterblick machen und sicher fahren kann, ohne geblendet zu werden. Diese Scheibe wird dann vom Tüv abgenommen.

Plexiglas-Sammelbestellung

Da diese Scheiben jedoch aktuell sehr gefragt seien, könne es dauern, bis sie geliefert werden. Finanziell sähe es bei der Vestischen durch die Krise auch nicht rosig aus, weshalb die Preise für die Scheiben umso intensiver verglichen werden. Mit anderen Verkehrsbetrieben habe man sich verständigt, eine Sammelbestellung zu tätigen. Die Absprachen verzögern das Prozedere weiterhin.

Und dann, wenn die Scheiben da und geprüft seien, müssen sie eingebaut werden. „Unsere Werkstatt hat ohnehin genug zu tun. 233 Busse mit Scheiben auszustatten bedeutet einige Sonderschichten für unsere Mitarbeiter“, betont van Bürk. Daher seien das Verständnis und die Geduld der Kunden weiterhin gefragt.

Keine Automaten in Sicht

Dass es eines Tages Ticketautomaten in den Ortsteilen geben wird, hält van Bürk für sehr unwahrscheinlich: „Automaten sind leider wahnsinnig teuer, auch in der Instandhaltung“, sagt er. In kleineren Stadt- oder Ortsteilen lohne sich das nicht: „Haltern ist nicht mit größeren Städten wie Recklinghausen zu vergleichen, ohne das wertend zu meinen. Haltern ist ländliche Peripherie.“

Insgesamt 126 Buslinien betreibt die Vestische. Damit die Busfahrer gesund bleiben und die Linien allesamt fahren können, sei der Einstieg an der hinteren Tür und der Onlineticketkauf weiterhin nötig, bis eines Tages die Plexiglasscheiben eingebaut sind.

Für Kundinnen wie Ursula Dalpke habe van Bürk daher keine zufriedenstellende Antwort. „Wir raten unseren Kunden, sich im Vorfeld Vierertickets in der Innenstadt zu kaufen und aufzubewahren. Eine andere Lösung gibt es für die Bewohner der Außenbezirke leider bislang nicht.“

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