Eine Alkoholsuchterkrankung kann Männer wie Frauen treffen. Suchtberatungsstellen können hier wichtige Ansprechpartner sein. © dpa
Caritas Haltern

Corona-Krise und Alkoholsucht: Die Einsamkeit ist die größte Gefahr

Der Alkoholkonsum hat laut Studien seit Corona zugenommen. Es gibt Befürchtungen, dass auch die Zahl der Alkoholerkrankungen steigt. Die Caritas in Haltern macht Mut: „Es gibt eine Möglichkeit zum Ausstieg.“

Alkoholkranken und -gefährdeten Menschen kann in der Suchtberatungsstelle geholfen werden. Über Sucht, Hilfen und Chancen hat sich Kirstin Damm, Leiterin der Caritas-Suchtberatungsstelle in Haltern, stellvertretend für ihr Team, zu dem auch Julia Kühling und Hartmut Giese gehören, gegenüber der Halterner Zeitung geäußert. Fragen und Antworten zum Thema.

Wie hoch ist der Anteil der Anfragen zum Thema Alkoholsucht im Vergleich zu anderen Suchtthemen in der Beratungsstelle der Caritas?

Im vergangenen Jahr drehten sich die Anfragen zu 70 Prozent um das Thema Alkohol. 9,7 Prozent der Ratsuchenden beschäftigte das Thema illegale Drogen, 3,4 Prozent Spielsucht. 2,2 Prozent betrafen die Themen Essstörungen und Medienabhängigkeiten.

Wann spricht man eigentlich von Alkoholsucht?

Zu den Diagnosekriterien zählen unter anderem eine Dosissteigerung sowie körperliche und psychische Entzugssymptome und die Vernachlässigung von Hobbys und Interessen.

Kirstin Damm spricht auch von einer eingeschränkten Kontrolle. „Man schafft es nicht mehr, die Regulation so hinzubekommen, dass man das konsumiert, was man sich vorher vorgenommen hat.“ Und: Man konsumiert trotz gesundheitlicher oder sozialer Gefahren, zum Beispiel im Falle von Diabetes oder einem zurückliegenden Herzinfarkt sowie drohenden Konflikten in Beziehungen. Damm: „Man dürfte eigentlich nicht mehr viel Alkohol trinken und tut es trotzdem.“ Negative Folgen werden billigend in Kauf genommen.

Gibt es eigentlich einen risikoarmen Alkoholkonsum?

Laut WHO darf ein Mann, um risikoarm zu trinken, an vier bis fünf Tagen pro Woche jeweils 0,5 Liter Bier konsumieren, eine Frau die Hälfte.

Wie viele Menschen nutzen das Suchtberatungsangebot der Caritas?

Insgesamt 626 Menschen (darunter 244 Personen in Haltern) nutzten 2020 das Beratungsangebot in der gemeinsamen Beratungsstelle Dorsten und Haltern – 346 Männer und 280 Frauen. Ein Jahr zuvor waren es 794 Ratsuchende – 433 Männer und 361 Frauen.

Laut Statistik hat der Alkoholkonsum der Deutschen seit Corona zugenommen. Auch die Zahl der Suchterkrankungen steigt. Trifft das auch in Haltern zu?

Hier sind nur Hypothesen möglich. Mit Beginn der Pandemie gab es zunächst einen Rückgang der Beratungsanfragen. Das heißt aber nicht, dass auch weniger getrunken wurde. „Im Gegenteil“, sagt Kirstin Damm. Wegen Corona und dem Ansteckungsrisiko hätten die Menschen sich zunächst zurückgehalten, den Kontakt mit den Beratern gemieden. Zumal einige Angebote der Caritas-Suchtberatung wie beispielsweise Selbsthilfegruppen zeitweise nicht im direkten face-to-face-Kontakt stattfinden konnten. Es kam häufiger zu Abbrüchen bei den sonst normalerweise fünf üblichen Basisgesprächen. „Wir vermuten, dass trotzdem weitergetrunken wurde“, erklärt die Sozialpädagogin. „Auch, weil der Konsum durch die soziale Isolation häufiger unbemerkt bleibt.“

Kirstin Damm (l.), Julia Kühling und Hartmut Giese bilden das Team in der Halterner Suchtberatungsstelle. © Caritas © Caritas

Inzwischen allerdings spüren die Suchtberater einen deutlichen Anstieg der Anfragen. „Wir vermuten, dass wir den steigenden Alkoholkonsum jetzt als zeitverzögertes Phänomen mitbekommen.“

Warum könnte Corona zu mehr Alkoholerkrankungen führen?

Belastende Faktoren (Homeschooling, Homeoffice, Kurzarbeit, Einsamkeit) nehmen zu. Gleichzeitig fallen stabilisierende Kontakte (Sozialkontakte, Arbeitskollegen, Selbsthilfegruppen), oft verbunden mit sozialer Kontrolle, weg. Hier kann der Alkohol in seiner Funktionalität etwas Entlastendes haben. Es kommt auch zu Rückfällen.

Einsamkeit ist der größte Faktor für eine negative Suchtentwicklung. „Das haben Ratsuchende häufig formuliert“, weiß das Team um Kirstin Damm.

In Zeiten von Corona fanden viele Angebote der Caritas nicht statt – wie ist die aktuelle Situation?

Lange Zeit konnte die Caritas kein Gruppenangebot im direkten Kontakt vorhalten. Jetzt sollen nach und nach – je nach Inzidenz – wieder ambulante Reha- sowie Nachsorgegruppen stattfinden. Es gibt zurzeit keine Selbsthilfegruppe in Haltern, die einen direkten Kontakt ermöglicht. Direkte Einzelgespräche und Online-Beratungen sind bei der Caritas aber nach wie vor möglich.

Wie alt sind die von Alkoholerkrankungen betroffenen Klienten?

Mit 36,1 Prozent sind die 50- bis 59-Jährigen am stärksten vertreten. Es folgen die 40- bis 49-Jährigen (20,1 Prozent), die 30- bis 39-Jährigen (15,5), die über 60-Jährigen (12,9) und die 20- bis 29-Jährigen (10,3).

Wie entsteht das Suchtverhalten?

Sucht ist eine Erkrankung, die die Hirnphysiologie verändert. Wichtig: Es entsteht ein Suchtgedächtnis. Das Trinken als Entlastung, bzw. die Funktionalität der Substanz wird vom Gehirn sehr schnell als so gut empfunden, dass es immer wieder sagt: „In dieser Situation ist das Trinken die erste Lösung“.

Oft geschieht dies unterhalb der Bewusstseinsebene. Kristin Damm: „Das Suchtgedächtnis schleicht sich an und überlistet den Willen.“ So entstehen Suchtdruck und Verlangen, obwohl man es eigentlich besser weiß.

Welche Konsequenzen hat die Alkoholsucht?

Es kommt zum sozialen Rückzug. Der Verlust von Beziehungen, Eheprobleme und Schwierigkeiten bei der Jobsuche können weitere Folgen sein. Gesundheitliche Probleme – beispielsweise Sekundärerkrankungen wie Diabetes, Lebererkrankungen oder koronare Herzerkrankungen – sind vorprogrammiert. Kirstin Damm sagt es ohne Umschweife: „Eine Alkoholerkrankung wird tödlich verlaufen, wenn sie nicht behandelt und bewältigt wird.“

Welche Rolle bei der Inanspruchnahme von Hilfsangeboten spielt die Scham?

Eine sehr große Rolle. Sie führt zu Berührungsängsten hinsichtlich möglicher Beratungsangebote. „Alkoholsucht ist aber eine Erkrankung“, sagt Kirstin Damm. „Es kann jeden treffen.“ Und: „Dafür muss sich niemand schämen.“

Wie sieht die Behandlung aus?

Das ist individuell unterschiedlich. Die Beratung der Caritas ist ein „ergebnisoffenes Angebot“. Die Sozialpädagogin erklärt: „Wir schauen, was der Klient tatsächlich möchte. Der eine strebt die Abstinenz an, der andere eine Trinkreduktion.“ Das Beratungsangebot sei „annehmend und akzeptierend“, betont Damm. Dementsprechend sei auch die Dauer der Beratung und Behandlung individuell verschieden.

Welche Hilfemöglichkeiten gibt es?

Es gibt ein vielfältiges Hilfsangebot: Nach etwa fünf Basisgesprächen kann unter anderem eine stationäre Behandlung, eine Therapie in einer Tagesklinik, die Arbeit in einer Selbsthilfegruppe oder eine ambulante Rehabilitation (10 Monate) angezeigt sein. Damm betont: „Ein Rückfall gehört aber zum Krankheitsbild dazu, damit wird gearbeitet.“

Caritas-Team, Kosten und Kontakte

  • Zum Caritas-Suchtberatungsteam gehören Kirstin Damm (Tel. 02364/109030, Mail: k.damm@caritas-ostvest.de), Julia Kühling (Tel. 02364/109031, j.kuehling@caritas-ostvest.de) und Hartmut Giese (Tel. 02364/ 109034, h.giese@caritas-ostvest.de).
  • Die gemeinsame Beratungsstelle setzt sich aus den Beratungsteams in Haltern und Dorsten zusammen.
  • Die Beratung (persönlich, per Telefon oder online) ist kostenlos, ebenso Selbsthilfe- und Online-Gruppen.
  • Die Kosten für Reha-Maßnahmen oder stationäre Therapie werden in der Regel von Krankenkassen oder Rentenversicherungsträgern übernommen.
  • Auch Angehörige von suchterkrankten Menschen nehmen das Caritas-Angebot gut an. Sie können lernen, dass sie nicht verantwortlich sind für Suchtproblematik eines Familienmitglieds. Sie lernen, sich abzugrenzen und bekommen Unterstützung. Wichtig ist es zu erfahren, wie Suchterkrankung „funktioniert“.
  • Ein professionelles Online-Angebot macht auch der Suchthilfeverband Blaues Kreuz mit seiner Webseite www.mog-bke.de.

Wie hart ist der Weg?

Man muss investieren, arbeiten, um Dinge zu verändern. Man muss sich aufraffen. Und man muss nach anderen Belohnungen suchen, die zur Ausschüttung von Glückshormonen (Endorphinen) führen.

Wie könnten Belohnungen aussehen?

Klienten berichten von großer Zufriedenheit, wenn sie sich mehr um ihr körperliches Wohlbefinden (Sauna, Entspannungstechniken) kümmern. Damm: „Stresssituationen lassen sich beispielsweise durch eingeübte Atemtechniken gut bewältigen.“ Spaziergänge im Wald, Qualitätszeit mit dem Partner, Musik hören – all das könne helfen.

Was spricht für eine Suchtberatung?

Kirstin Damm sagt es eindringlich: „Ich kann nur jedem Menschen ans Herz legen, eine Suchtberatung in Anspruch zu nehmen – sei es anonym, im face-to-face-Kontakt oder online. Für solche Menschen, die keine Lösung mehr wissen oder sich schämen, ist es eine große Erleichterung und es gibt wieder ein Stück Hoffnung.“ Das Gute an der Suchterkrankung sei: „Man kann jederzeit einen Trinkstopp setzen, das ist bei einer anderen Erkrankung nicht möglich. Es gibt eine Möglichkeit zum Ausstieg.“

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
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Ingrid Wielens

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