Einige Handwerksbranchen sind auf staatliche Hilfen angewiesen, die aber nicht ausreichend fließen. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Wirtschaft

Coronavirus: Handwerk in Haltern zwischen Boom und Existenzangst

Die einen mussten schließen, die anderen können sich vor Aufträgen kaum retten: Handwerksbetriebe sind sehr unterschiedlich von der Corona-Lage betroffen.

Die Verlängerung des Lockdowns vergrößert die Existenzangst einiger Handwerksbranchen, beispielsweise der Friseure. Die Handwerkskammer (HWK) Münster bemängelt vor allem die schleppende Auszahlung von Hilfen. Für andere Handwerkszweige, insbesondere rund ums Thema Bauen und Renovieren, hat die Pandemie eher zu einer deutlichen Steigerung bei den Aufträgen geführt.

Zwei Handwerksmeister stehen in Haltern exemplarisch für diese unterschiedliche Lage: Christiane Block, die in Sythen den Friseursalon Chris B. betreibt, und Elektroinstallateur Michael Schroer.

Wartezeiten für die Kunden

„Wir können im Grunde dankbar dafür sein, dass wir arbeiten können und dürfen,“ sagt Schroer auf Nachfrage. Sein Betrieb hat seit Beginn der Pandemie gut zu tun. „Wir haben von Anfang an versucht, Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit unserer Kunden und unserer Mitarbeiter zu gewährleisten“, sagt Schroer. „Das hat sich ausgezahlt. Ich habe viele positive Rückmeldungen von den Kunden bekommen.“ Die gute Auftragslage bedeutet aber auch, dass nicht alle Aufträge sofort erledigt werden können. Es kommt zu Wartezeiten. „Bei kleineren Aufträgen kann es schon mal drei bis vier Tage dauern, bei größeren vier bis sechs Wochen. Leider haben nicht alle Kunden dafür Verständnis.“

Kurzarbeit musste Schroer dementsprechend nicht beantragen und auch Hilfen benötigt er nicht. Auch Glasermeister Hermann Fimpeler ist bis jetzt ohne Hilfen ausgekommen. „Wir haben keine Hochkonjunktur, aber wir kommen über die Runden“, sagt der Chef von 12 Mitarbeitern. In einer Umfrage der Handwerkskammer hatten kürzlich 58 Prozent der befragten Handwerksbetriebe die Perspektiven für 2021 eher positiv eingeschätzt. Darunter waren vor allem Betriebe des Bauhandwerks und der Lebensmittelbranche.

Drei Mitarbeiter in Kurzarbeit

Auf der Verliererseite der Pandemie stehen vor allem die Kosmetik- und Friseurbetriebe. Christiane Block musste Mitte Dezember ihren Friseursalon in Sythen schließen. Sie hat ihre drei Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, versucht aber weitgehend, das volle Gehalt weiter zu zahlen. „Ich habe als zweites Standbein mein Zweithaar-Geschäft, das darf ich weiter betreiben“, sagt sie. „Insofern habe ich noch ein paar Einnahmen, aber das reicht insgesamt bei weitem nicht aus.“ Ihre Auszubildende hilft ihr bei den verbleibenden Aufträgen. „Die Novemberhilfen durften wir nicht beantragen, auf die Seite der Dezemberhilfen kommt man nicht drauf, es ist nicht möglich Anträge zu stellen“, sagt Christiane Block. „Deswegen bin ich ständig mit meiner Steuerberaterin in Kontakt.“

Sie ist enttäuscht von der Politik. “Dort wird immer von schnellen Hilfen gesprochen, aber die kommen nicht an. Wir werden im Grunde belogen“. Andererseits blühe in ihrer Branche die Schwarzarbeit. „Das sieht man doch an den vielen frisch Frisierten, nicht nur bei Fußballspielern“, so Christiane Block.

Inzwischen greift sie auf persönliche Rücklagen zurück. Maximal drei Monate könne sie das noch durchhalten, so die Sythenerin.

Schwierig ist die Lage auch für Jennifer Grube (Fotostudio Augenblick). Sie darf zwar öffnen, unter anderem Passfotos machen oder auch Portraits. Aber es gibt gerade kaum Nachfrage. „Wer will sich fotografieren lassen, wenn er wochenlang nicht zum Friseur kann?“ fragt sie. Jennifer Grubes Mitarbeiterinnen sind in Kurzarbeit, sie hat Hilfen beantragt. „Angekommen ist aber noch nichts,“ sagt sie.

Handwerkskammer fordert schnelle Auszahlung

Die Handwerkskammer Münster freut sich zwar über aktuelle Ankündigungen der Bundesregierung, die Corona-Hilfen für Unternehmen verbessern zu wollen. Zügige, unbürokratische und zusätzliche Förderung sei jetzt aber existenziell wichtig, betont HWK-Präsident Hans Hund. „Die schnellstmögliche Auszahlung der finanziellen Hilfen und das Schließen der Förderlücke wird für direkt und indirekt vom Lockdown betroffene Betriebe immer drängender.“ Ihre Existenznot vergrößere sich zudem mit einer Verlängerung und Verschärfung der Maßnahmen gegen das Coronavirus, so Hund.

Die Handwerkskammer moniert zudem die schleppende Auszahlung der Hilfen. Das gefährde die Zahlungsfähigkeit der Betriebe. In einer HWK-Umfrage gaben 725 Handwerksbetriebe darüber Auskunft, ob sie finanzielle Corona-Hilfen beantragt und erhalten haben. Die Auswertung zeigt: Die Mehrheit der Betriebe (59 Prozent) meldete bislang keinerlei Bedarf an. 294 Betriebe (das entspricht 41 Prozent) stellten seit Beginn der Krise insgesamt 929 Anträge für verschiedene Programme. Ablehnungen wurden in 58 Fällen erteilt. In 208 Fällen steht der Bescheid aus. Auszahlungen erfolgten in 563 Fällen. In 100 Fällen wurden bewilligte Mittel noch nicht ausgezahlt.

Die Soforthilfe NRW, die bis Ende Mai beantragt werden konnte, ist das bislang am meisten genutzte Förderinstrument (41 Prozent der Befragten). Waren es anfänglich noch Handwerksunternehmen mit bis zu vier beschäftigten Personen, die am meisten Hilfen beantragten, sind es seit dem Sommer vor allem die Soloselbstständigen.

Über den Autor
Redaktion Haltern
Studium der Germanistik, Publizistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum. Freie Autorentätigkeit für Buchverlage. Freier Journalist im nördlichen Ruhrgebiet für mehrere Zeitungshäuser. „Menschen und ihre Geschichten faszinieren mich nach wie vor. Sie aufzuschreiben und öffentlich zugänglich zu machen, ist und bleibt meine Leidenschaft.“
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Jürgen Wolter

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