„Der Besuch in Majdanek verändert den Blick auf die alltäglichen Dinge“

Gymnasiasten bei Müntefering

Vier Schülerinnen und Schüler des Joseph-König-Gymnasiums hatten Gelegenheit, sich mit Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Kultur- und Bildungspolitik, zu treffen.

Haltern

13.10.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
„Der Besuch in Majdanek verändert den Blick auf die alltäglichen Dinge“

Halterner Gymnasiasten hatten die Gelegenheit, mit Michelle Müntefering (2.v.l.) über eine Fahrt nach Majdanek zu sprechen. © Joseph-König-Gymnasium

Am Donnerstag (19. September) hatten vier Schülerinnen und Schüler des Joseph-König-Gymnasiums die seltene Gelegenheit, Michelle Müntefering (SPD), der Staatsministerin für internationale Kultur- und Bildungspolitik (Auswärtiges Amt), sowie die Dortmunder Bundestagsabgeordnete Sabine Poschmann zu treffen. Ihnen berichteten sie von ihren Erfahrungen und Eindrücken, die sie bei einer Gedenkstättenfahrt unmittelbar vor den Sommerferien gewonnen hatten.

Jedes Jahr nach Majdanek

Seit dem Schuljahr 2017/18 bietet das Joseph-König-Gymnasium eine Gedenkstättenfahrt in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek bei Lublin im Osten Polens an. Auf Initiative der Fachschaft Geschichte ist diese sechstägige Fahrt seitdem Teil des Schulprogramms und gibt jedes Jahr 25 Schülerinnen und Schülern der Q1 (Jahrgang 11) die Gelegenheit, sich direkt vor Ort intensiv mit der Geschichte der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland auseinanderzusetzen.

Amelie Pruß, Fenja Stojanik, Moritz Löbbert und Markus Schumacher waren zusammen mit Geschichtslehrer Stefan Temp, Teil einer Veranstaltung des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerkes (IBB) in Dortmund, das das Zusammentreffen mit Michelle Müntefering und Sabine Poschmann organisiert hat.

Blühende jüdische Gemeinde

Die Jugendlichen sprachen mit Michelle Müntefering über die sechstägige Gedenkstättenfahrt. Vor der deutschen Besatzungszeit und dem Zweiten Weltkrieg hatte es in Polen eine blühende und europaweit führende jüdische Gemeinde mit insgesamt 40.000 Mitgliedern gegeben. Die Jeshiwa - eine große jüdische Akademie - zog Gelehrte aus ganz Europa an.

„Der Besuch in Majdanek verändert den Blick auf die alltäglichen Dinge“

Die Halterner Schüler stellten in Dortmund ihre Fahrt nach Polen in Wort und Bild vor. © Joseph-König-Gymnasium

Die Nationalsozialisten errichteten in Lublin die Zentrale der sogenannten „Aktion Reinhardt“, worunter sie die Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung Polens beziehungsweise des Generalgouvernements verstanden. Das betraf etwa zwei Millionen Menschen. Zu diesem Zweck ließen die Deutschen von russischen Kriegsgefangenen direkt neben der Stadt das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek bauen. Das „KL Lublin“, wie es damals hieß, wurde die zentrale Schaltstelle der „Aktion Reinhardt“ und verwaltungstechnisch gehörten die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka zu Majdanek. Zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 wurden dort zusammen schätzungsweise ca. 1,8 Mio. Menschen ermordet.

Das Unvorstellbare

Markus erinnert sich an den Besuch dort: „Eine der ehemaligen Baracken war voll mit alten Schuhen. Es waren Tausende, große, kleine, alle alt und farblos geworden. Unser Guide hat uns erzählt, dass diese vielen nur ein Bruchteil der gesamten Menge an Schuhen sind, die hier den KZ-Insassen abgenommen wurden. Zu jedem Paar Schuhe gehört ein Mensch und das wird einem dann erst bewusst. In so einem Augenblick ist man mit sich selbst beschäftigt und von diesen Augenblicken gab es einige auf der Fahrt.“

„Der Besuch in Majdanek verändert den Blick auf die alltäglichen Dinge“

Eine der ehemaligen Baracken in Majdanek ist voll mit alten Schuhen. Es waren Tausende, die den jüdischen Mitmenschen abgenommen wurden. © Joseph-König-Gymnasium

Das Bedürfnis, sich auszutauschen, das Unvorstellbare in Worte zu fassen, über das zu sprechen, was man gesehen hat - alle Schülerinnen und Schüler sind sich darin, dass dies eine der intensivsten Erfahrungen war. „Wir haben im Bus geredet, beim Essen und abends auf den Zimmern im Hotel. Es war ein Bedürfnis, das jeder verspürt hat.“ sagt Moritz Lübbert.

Sehr allein und verloren

Amelie Pruß erzählt, wie einige Schüler in dem kleinen Museum in Belzec mit ihren Eindrücken umgegangen sind: „Es gab dort im Untergeschoss eine große dunkle Halle, in die nur sehr wenig Licht schien. Die Decke und die Wände waren weit weg. Wenn man an die Wand schlug, dann erklang ein Geräusch so ähnlich wie ein Schuss, das sehr unwirklich und futuristisch war. Man fühlte sich in dem Moment sehr allein und verloren. Ein Schulkollege von mir, der Heavy-Metal-Fan ist, hat sich später im Bus allein hingesetzt und sich den Song „Freedom is a duty“ angehört!“

Michelle Müntefering ist extra nach Dortmund gekommen, um sich bei Schülerinnen und Schülern darüber zu informieren, welche Erfahrungen sie gemacht haben. Im IBB traf sie auf junge Menschen aus verschiedenen Städten und Schulen, die in kurzer Form von ihren jeweiligen Fahrten nach Auschwitz oder Majdanek berichteten.

Blick verändert

Alle Jugendlichen waren sich darin einig, dass sie auf der Fahrt Erfahrungen gemacht haben, die sie anders auf die Welt blicken lassen, als es vor der Fahrt war. Fenja Stojanik erzählt: „Wenn ich mich auf irgendeine Art schlecht fühle oder ich Stress habe, dann fällt mir nach kurzer Zeit auf, dass es mir im Vergleich zu den Opfern in den Konzentrationslagern unendlich gut geht. Wir haben heute unfassbar viele Möglichkeiten, wir können uns Dinge kaufen, wir reisen und so weiter. Das verändert den Blick auf alltägliche Dinge.“

„Der Besuch in Majdanek verändert den Blick auf die alltäglichen Dinge“

Halterner Gymnasiasten beim Studieren der Akten. © Joseph-König-Gymnasium

Michelle Müntefering bedankte sich und versprach, sich auch in der Zukunft für diese Art des Austausches, der Begegnung und des Erinnerns einzusetzen. Auch für die Berufspolitikerin war das Zusammentreffen mit den Jugendlichen etwas Nichtalltägliches.

Die diesjährigen Erfahrungen haben die Mitfahrenden täglich in einem Reiseblog festgehalten. Nachzulesen ist der Blog auf der Homepage des Joseph-König-Gymnasiums, wo er verlinkt ist, oder unter der Adresse https://gedenkstaettenfahrt-jkg-2019.jimdofree.com/. Das IBB ist seit 2015 zentraler Ansprechpartner in NRW für das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. In dieser Funktion organisiert das Bildungswerk Gedenkstättenfahrten und - seminare für Schulen und andere Träger und beantragt die Bezuschussungen von Seiten des Bundes nach Maßgabe des sog. „Kinder-und-Jugendplans“
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