Zum Auftakt der neuen historischen Serie über Halterner Betriebe stellen wir die Weberei Kock vor. Sie war zu Beginn der Industriellen Revolution einer der drei größten Betriebe Halterns.

Haltern

, 03.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Noch heute erinnern sich viele ehemalige Mitarbeiter der Textilfabrik gerne an die Zeit, als sie auf dem Weg zur Arbeit die doppelreihige Lindenallee des Breitenwegs zu Fuß oder mit dem Fahrrad passierten und hinter einem kleinen Eichenwäldchen, das dank der Witwe Arnold Kock erhalten geblieben ist, ihren Arbeitsplatz erreichten“, schreibt Franz Luermann für einen Aufsatz für das Halterner Jahrbuch 1994.

Fast 100 Jahre lang stand die Weberei Kock am Breitenweg. Heute ist das Webereigebäude weg, dort befinden sich Wohnhäuser. Doch zu ihren Hochzeiten war die Weberei nach der Glashütte mit bis zu 300 Beschäftigten der zweitgrößte Betrieb Halterns. Mit ihr wurde das Ende der Heimspinnerei in Haltern eingeläutet.

Um der Geschichte der Weberei auf die Spur zu kommen, hatte sich Luermann bei Arnold Kock Mitte der 1990er-Jahre über die Geschichte der Weberei informiert. Die Weberei Kock aus Borghorst hatte die Halterner Weberei 1890 als Zweigstelle übernommen. Franz Luermann ist der Sohn von Bernhard Luermann, der ab 1935 als Weberei-Obermeister in der Weberei Kock in Haltern arbeitete.

Die Baumwollweberei gewinnt im Münsterland an Aufschwung

1881 baute die Weberei Bendix aus Dülmen unter der Leitung von Jakob Graf am Breitenweg in Haltern eine Weberei - eine mechanische Leinen- und Baumwollweberei. Mit dem Gebäude entsteht eines der zu der Zeit wenigen Gebäude außerhalb der Stadtmauern Halterns. 1884 startet der Betrieb mit 30 Webstühlen. Doch nur fünf Jahre nach der Eröffnung wurde die Weberei geschlossen, „weil sie trotz Unterstützung durch die Weberei Kock in Borghorst nicht gedieh“.

Nach der Übernahme durch die Weberei Kock ging der Betrieb 1890 mit 60 Webstühlen wieder an den Start. Der Austausch zwischen Borghorst und Haltern war laut Luermann rege. Materialien wurden per Eisenbahn zwischen den Städten ausgetauscht, später dann auch mit Lastwagen.

Die Weberei Kock um das Jahr 1900 vom Breitenweg aus. Heute heißt die Straße "An der Mühlenstege".

Die Weberei Kock um das Jahr 1900 vom Breitenweg aus. Heute heißt die Straße "An der Mühlenstege". © Ulrich Backmann

Die Produktion wurde mehr und mehr von der Leinen- auf die Baumwollweberei konzentriert, die sich im Münsterland damals im Aufwind befand. Dementsprechend wurde auch immer weniger Flachs für die Leinenproduktion angebaut.

Wer sich daneben benahm, dem wurde der Lohn gekürzt

1906 arbeiteten 65 Menschen in der Halterner Weberei. Zu dieser Zeit war der Betrieb auf 135 Webstühle ausgebaut worden. 10,5 Stunden am Tag arbeiteten die Weber täglich in der Weberei - fünf Tage die Woche. Jugendliche sieben Stunden. „Samstags war die Arbeitszeit etwas kürzer“, schreibt Franz Luermann.

Jede Woche konnten die Arbeiter ihren Lohn abholen - abzüglich der Sozialversicherung. Wenn sie gegen die Regeln verstießen - also unpünktlich waren oder Anweisungen nicht folgten - wurde ihnen der Lohn weiter gekürzt.

Einige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges hatte die Weberei ihre Leinenproduktion eingestellt. Nun standen 220 Baumwollwebstühle in dem Websaal, die von 85 männlichen und 25 weiblichen Webern bedient wurden. Denn der Beruf des Webers war damals „Männersache“.

Doch dann kam der Krieg und 20 Mitarbeiter wurden für die Sprengstoffproduktion nach Sythen abberufen. Andere wurden zum Wehrdienst einberufen. Weil 1917 das Material zur Neige ging, musste die Produktion komplett eingestellt werden.

„Hauptsächlich wurden Handtücher und Halbleinenwaren produziert“

Nach Kriegsende konnte auch die Weberei 1919 ihren Betrieb mit den heimkehrenden Webern mit einem „raschen Wiederaufstieg“ wiederaufnehmen. „Hauptsächlich wurden Handtücher und Halbleinenwaren produziert“, schreibt Franz Luermann.

Doch es war die Weltwirtschaftkrise, die der Weberei besonders zusetzte. Neben der Glashütte stellten die steuerlichen Pflichten auch die Weberei vor eine Herausforderung. Die Stadt Haltern ließ sich erweichen und halbierte laut Luermann „die hohe Gewerbesteuer“, weil man beide Betriebe am Ort habe halten wollen. Neben den beiden war es nur noch die sprengstoffproduzierende Wasag in Sythen, die für den industriellen Aufschwung Halterns verantwortlich war.

„Jeder Weber produzierte damals durchweg an vier Webstühlen Handtücher, Tisch und Bettwäschestoffe“, schreibt Luermann. Auf etwas mehr als 3000 Quadratmetern Fläche fanden sich neben dem Websaal die Spulerei, Andreherei, Bäumerei, Lager, Kesselhaus und Schlosserei.

Die Schlosserei in der Weberei.

Die Schlosserei in der Weberei. © Privat

Zwischen den Kriegen habe die Weberei einen „soliden Wirtschaftsaufschwung“ erlebt. Doch 1939 wurden immer mehr Weber für den Kriegsdienst einberufen oder zur Sprengstoffproduktion nach Sythen abbestellt. Im Krieg produzierte die Weberei auf einem Minimum weiter, etwa Stoff für Rucksäcke. Die Räume der Weberei wurden gleichzeitig zum Lager wertvoller Maschinen aus einer Gelsenkirchener Maschinenfabrik umfunktioniert. 1944 musste die Weberei aber dennoch ihre Tore schließen.

Am 21. März 1945, wenige Tage vor der Ankunft amerikanischer Truppen, wurde der östliche Teil Halterns mit Spreng- und Brandbomben bombardiert. Die Weberei Koch wurde dem Erdboden gleichgemacht.

Der Beruf des Webers wird mehr und mehr zur Frauensache

Nach dem Krieg wurde der Schutt beseitigt. Was von der Weberei noch übrig war - Webstuhlreste etwa - wurde wieder instand gesetzt. Um 1950 herum stand eine neue Weberei inklusive eines 12 Meter langen Anbaus, einer 40 Meter langen Lagerhalle und einer Schreinerei.

Mit dem Kriegsende hatte sich das Bild des Webers als Männerberuf gewandelt. Im Jahr 1955 bestand die 130-köpfige Belegschaft der Weberei zur Hälfte aus Frauen. Der Websaal wurde auf 400 Webstühle ausgebaut, hinzu kam eine Näherei mit 40 Nähmaschinen. Zeitweise, so schreibt Luermann, sei die Belegschaft auf insgesamt 300 Kräfte erhöht worden.

1974 dann klopfte die Krise der Textilindustrie an die Fabriktore. Die Weberei Kock konnte der billigen Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr standhalten und musste schließen. Ein Jahr später verkauft die Firma Arnold Kock die Weberei an eine Siedlergenossenschaft, die Ende der 1970er-Jahre die Weberei abriss, um Platz für Wohnungsbau zu machen.

Die Mitarbeiter der Weberei gingen entweder mit einer Abfindung in den Ruhestand oder fanden einen neuen Arbeitsplatz.

So sah es in der Weberei Kock in Haltern im Jahr 1966, einige Jahre vor der Schließung, aus.

So sah es in der Weberei Kock in Haltern im Jahr 1966, einige Jahre vor der Schließung, aus. © Ulrich Backmann

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