Eine der großen Verunreinigungen im Bundesgebiet

Ein Interview

Sythener Brunnenbesitzer müssen sich strikt an das Grundwasser-Entnahmeverbot halten. Das Grundwasser ist stellenweise mit hochbrisanten Stoffen belastet, die die Franzosen im I. Weltkrieg auf dem Gelände der Wasag Chemie hinterlassen haben. Die sprengstofftypischen Verbindungen, die vom Werksgelände der ehemaligen Wasag ausgehen, sind gesundheitsgefährdend. Weil Schadstofffahnen unterirdisch in Richtung Stausee unterwegs sind, beschäftigt sich auch die Gelsenwasser AG intensiv mit dem Problem. Im Interview sprachen wir dazu mit Diplom-Geologe Martin Böddeker von der Abteilung Wasserwirtschaft bei der Gelsenwasser AG.

SYTHEN

von Von Daniel Winkelkotte

, 27.11.2013, 16:49 Uhr / Lesedauer: 2 min
Stich der Wasag von 1916, rechts im Bild ist das Füllwerk für Bomben und Torpedos zu sehen, das die heutigen Probleme verursacht hat.

Stich der Wasag von 1916, rechts im Bild ist das Füllwerk für Bomben und Torpedos zu sehen, das die heutigen Probleme verursacht hat.

  • Herr Böddeker, wie ist die aktuelle Situation aus Sicht der Gelsenwasser AG zu bewerten?
  • Besteht für die Bürger, unabhängig von den bestehenden Beeinträchtigungen in Sythen, aktuell Grund zur Sorge bei der Entnahme von Leitungswasser?
  • Die Schadstofffahne droht aber irgendwann das Trinkwasserschutzgebiet rund um den Halterner Stausee zu erreichen. Wann rechnen Sie damit?
  • Was unternehmen Sie, um dem Problem entgegenzuwirken?
  • Mit welchen Gefühlen blicken Sie bei dem Thema in die Zukunft?

Es handelt sich um eine der großen Grundwasserverunreinigungen durch sprengstofftypische Verbindungen im Bundesgebiet. Erst durch die Untersuchungen in den letzten Jahren ist das Ausmaß des Grundwasserschadens weitgehend erkundet worden.

  • Besteht für die Bürger, unabhängig von den bestehenden Beeinträchtigungen in Sythen, aktuell Grund zur Sorge bei der Entnahme von Leitungswasser?

Eine Gefährdung für die Trinkwasssergewinnung im Wasserwerk Haltern besteht aktuell nicht. Das schadstoffhaltige Grundwasser ist zirka zwei Kilometer von der Talsperre Haltern entfernt. Verunreinigtes Grundwasser kann somit nicht in den Aufbereitungsprozess gelangen.

  • Die Schadstofffahne droht aber irgendwann das Trinkwasserschutzgebiet rund um den Halterner Stausee zu erreichen. Wann rechnen Sie damit?

Die Grundwasserströmung ist auf die Talsperre Haltern gerichtet. Daran lässt sich nichts ändern. Die Fragen, die sich stellen, sind: Wie schnell fließt das Grundwasser und wie schnell werden die Schadstoffe mit dem Grundwasser transportiert? Welche Schadstoffkonzentration hat das Grundwasser, wenn es die Talsperre Haltern erreicht?

Wir haben zur Abschätzung der Fließzeiten eine eigene Grundwassermodellrechnung durchgeführt. Danach erreicht die Schadstofffahne im Jahr 2042 den Nordrand der Talsperre Haltern, das heißt pro Jahr wandern die Schadstoffe etwa 30 bis 50 Meter. Die Halterner Sande verzögern aufgrund ihrer hydrogeologischen Eigenschaften einen raschen Transport. Wir gewinnen damit Zeit. Dadurch wird das Problem aber zu einer quasi Generationenaufgabe. Über die Konzentrationshöhe im Jahr 2042 bestehen derzeit keine belastbaren Erkenntnisse. Hier müssen noch weitere Informationen zum Beispiel durch Analysen gewonnen werden. Ebenfalls nicht gesichert ist die Höhe der Verdünnung zwischen belastetem Grundwasser und dem unbelasteten Oberflächenwasser in der Talsperre.

  • Was unternehmen Sie, um dem Problem entgegenzuwirken?

Wir untersuchen routinemäßig das Oberflächenwasser aus dem Mühlenbach auf sprengstofftypische Verbindungen. Wir nehmen regelmäßig an den Sanierungsgesprächen zwischen der Sythengrund GmbH und dem Kreis Recklinghausen teil und erhalten die gutachterlichen Auswertungen und Analyseergebnisse. Für unser eigenes Risikomanagement ist eine gute Informationslage eine Grundvoraussetzung. Wir werden daher unser Grundwassermodell aktualisieren, sobald neue Grundlagendaten bekannt werden.

  • Mit welchen Gefühlen blicken Sie bei dem Thema in die Zukunft?

Wir beschäftigen uns mit dem Thema seit 1990 und werden dies mindestens die nächsten 20 Jahre noch tun müssen. In den nächsten Jahren muss die Ausbreitung der Schadstoffe im Grundwasser intensiv beobachtet werden, um zu sehen, ob die bisherigen Prognosen eintreffen oder nicht. Wir hoffen auch, dass Lösungen für eine dauerhafte Sicherung oder Sanierung der Schadstoffquellen auf dem Werksgelände gefunden werden. Auch die Machbarkeit einer Grundwassersanierung unter Lehmbraken sollte aus unserer Sicht weiter verfolgt werden. Darüber hinaus haben wir im Wasserwerk Haltern die Möglichkeit, mit Aktivkohle das Talsperrenwasser vor der Versickerung in den Untergrund zu reinigen. Hierdurch würden sich die Aufbereitungskosten erhöhen.  

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