Eine Zeitreise im Stadtarchiv

HALTERN Was könnte wohl die Bürger in 500 Jahren interessieren? Darüber entscheiden Tag für Tag Annette Voigt und Gregor Husmann. Beide sind Mitarbeiter der Stadt und verwalten das Archiv. Die Schätze aus den vergangenen Jahrhunderten sind in Haltern über die ganze Stadt verteilt.

von Von Julia Reidegeld

, 14.03.2009, 13:35 Uhr / Lesedauer: 2 min
Eine Zeitreise im Stadtarchiv

Die Stadturkunde Halterns stammt aus dem Jahr 1289.

Im Büro von Annette Voigt steht ein Regal neben dem anderen, alle voll mit Ordnern. Darauf kleben bunte Punkte, "damit ich die Ämter besser zuordnen kann", erklärt die Mitarbeiterin. Jeden Tag landen Akten auf Voigts Schreibtisch, deren Wichtigkeit sie bewerten muss. Sie ist für das Verwaltungsarchiv zuständig. Jede Akte - ob aus Sozialamt, Rat oder einer anderen Verwaltungsstelle - muss erstmal aufgehoben werden.

Aber eigentlich erwartet man doch schwere verstaubte Wälzer und andere altertümliche Gegenstände. "Die sind im historischen Stadtarchiv", erklärt Voigt sofort. Dafür sei ihr Kollege Gregor Husmann zuständig - quasi das, was in Köln gerade unter den Trümmern liegt. "Wirklich furchtbar, der Einsturz."

"Ich habe Tränen in den Augen gehabt", sagt Husmann, als er die Bilder im Fernsehen sag. Würde er nicht gerade an Krücken gehen, er hätte schon längst in Köln mitgeholfen zu graben. Husmann ist der Historiker, er bekommt die wichtigen Akten von Voigt. Alles andere landet im Schredder. Aber eigentlich sortiert er ungern Sachen aus. Seine Kollegin ist da pragmatischer. "Wir können nicht alles aufbewahren."

Zeitungen aus dem vergangenen Jahrhundert Aus diesem Grund entschied man sich für den Buchstaben "H". Bei der Auswahl interessanter Sozialfälle geht man wie folgt vor: Nur die Fälle von Menschen, die mit dem Buchstaben "H" beginnen, werden gesammelt. Das sei wichtig für die nachfolgenden Generationen.

Weiter geht es in den Nachbarraum. Hier werden Zeitungen aus dem vergangenen Jahrhundert gelagert. Bis 1950 auf Mikrofiches, danach als Original im Zeitungsband. "Hier können Bürger die Zeitungen in Ruhe einsehen", betont Voigt.

14 000 Akten sind über die Stadt verteilt Doch das ist noch längst nicht alles. Nach einem Fußmarsch von fünf Minuten gelangt man in die Kellerräume des Schulzentrums. Direkt im Vorraum stapeln sich Säcke mit geschredderten Papieren. "Wir müssen dafür Sorge tragen", so die Archivarin, "dass die aussortierten Unterlagen niemand einsehen kann." Deswegen würden sie nach dem Schreddern noch verbrannt. Im historischen Archiv liegen etwa 14 000 Akten, die weit bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. In Kartons, die keine Säure enthalten, damit die Papiere geschützt sind. Luftfeuchtigkeit und Temperatur sind der größte Feind der Akten.

Über zig Regale erstreckt sich die Geschichte Halterns. Was für Steuern im 16. Jahrhundert erhoben wurden, oder wer Anfang des 20. Jahrhunderts das Bürgerrecht für seine Frau beantragte - alles steht hier fein säuberlich sortiert. Das war nicht immer so. Als Husmann Anfang der 90er Jahre im Archiv anfing, musste er noch Säcke voller Akten aus dem Keller und vom Dachboden des Alten Rathaus heraus hieven.

Alle Daten werden auf dem Computer gespeichert Zu guter Letzt geht es in den Keller der Musikschule, hier lagert der größte Schatz: Die Stadturkunde von 1289. Wahnsinn, wenn man überlegt, durch wie viele Hände sie schon gegangen ist.

Und damit der Stadt Haltern nicht eine ähnliche Katastrophe wie Köln passieren kann, werden schon lange alle Daten in den Computer eingegeben.

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