„Singen befreit!“, sagt Nicole Böhm, die vor drei Jahren in den Chor der Erlöserkirche eingetreten ist. Sie findet, man sollte sich einfach mal trauen, im Chor zu singen.

Haltern

, 02.02.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Nach dem ersten Probenabend habe ich gedacht, das schaffst du nicht, das ist eine Nummer zu groß für dich“, sagt Nicole Böhm. Aber die 47-Jährige blieb dabei und singt inzwischen schon seit drei Jahren im Chor der evangelischen Gemeinde Haltern mit. Und ihre Begeisterung ist ungebrochen.

„Singen befreit“, findet Nicole Böhm, sie möchte das Miteinander in der Gemeinschaft des Chors nicht missen. Aber die Situation der Chöre in Haltern ist sehr unterschiedlich, einige entstehen neu, andere haben Zulauf, wieder andere lösen sich auf, weil es Probleme insbesondere mit dem Nachwuchs gibt. Wir beleuchten die Situation anhand einiger Beispiele.

„Manchmal muss man eine Entscheidung fällen, auch wenn es schwerfällt“, sagt Sylvia Bialli. Sie gehört zum Orgateam des Gospelchors „Good News Singers“. Besser gesagt: gehörte. Der Chor hat sich im Dezember aufgelöst.

13 Jahre waren die Sängerinnen und Sänger aktiv. Nach dem Aufruf zur Gründung hatten sich in der Anfangsphase mehr als 50 Aktive eingefunden. Der Chor war an die Musikschule Borken angebunden, letzte Leiterin war Eva Czarnuch. Bei vielen Konzerten waren die „Good News Singers“ in den letzten Jahren in Haltern zu hören.

Gospelchor „Good News Singers“ hat sich aufgelöst

Letztlich waren es die fehlenden Männerstimmen, die das Weiterbestehen verhinderten. „Mit nur noch zwei bis drei Männern im Chor wird es schwierig“, sagt Sylvia Bialli. „Wenn dann mal einer ausfällt, hat man schon ein Problem.“

Die Chorlandschaft befindet sich in einem ständigen Wandel. Die genau gegenteilige Entwicklung nimmt zurzeit die Chormusik an der Sixtuskirche. Der neue Kantor Thomas Drees setzt hier kreative Impulse. „Es läuft Bombe“, sagt er mit einem Lachen auf Nachfrage. Der neue Erwachsenen-Chor „Canticum Novum“, erst vor wenigen Monaten gegründet, hat zurzeit 100 Mitglieder. „Beim Kinderchor sind es 30, beim Jugendchor bisher 10“, sagt Thomas Drees. Dafür hat er kräftig die Werbetrommel gerührt.

„Bei der Glaubenswoche waren alle Grundschulen zu Gast“, sagt Thomas Drees. Allen hat er eine Orgelführung angeboten. Jedes Kind durfte einmal kurz auf der Orgel spielen. Anschließend „tingelte“ er durch die Ortsgemeinden, besuchte hier ebenfalls die Grundschulen. Auch am Gymnasium, in der Realschule und der Hauptschule war Thomas Drees zu Gast.

Vom Aufschwung profitiert auch der schon bestehende Kirchenchor. „Auch dort haben sich neue Mitglieder angemeldet. Einige singen dort und bei Canticum Novum mit.“ Den Erfolg des neuen Chors schreibt Thomas Drees vor allem dem Repertoire zu. „Wir konzentrieren uns auf moderne Musik“, sagt er. „Wir singen moderne geistliche und weltliche Lieder.“ Zurzeit sind dort Sängerinnen und Sänger im Alter zwischen 20 und 60 Jahren dabei. Bei allen Chören sind neue Mitsänger weiterhin herzlich willkommen.

Mehr oder weniger durch Zufall fand Nicole Böhm vor drei Jahren zum Chor der evangelischen Gemeinde. „Ich war lange im Bereich der Kinderkirche an der evangelischen Gemeinde aktiv, dann wurden meine Kinder älter und ich habe mich für den Chor interessiert, dessen Auftritte ich schon vorher immer toll fand“, sagt sie.

Bei einer zufälligen Begegnung im Gemeindebüro erzählte sie Chorleiterin Sung-Jin Suh von ihren Überlegungen. „‘Nicht nachdenken, vorbeikommen‘, sagte sie zu mir“, erinnert sich Nicole Böhm. Sie traute sich und war überrascht von der positiven Aufnahme. „‘Das ist eine neue Sängerin, die hoffentlich dabei bleibt, seid nett zu ihr!‘ Mit diesem Satz stellte mich Sung-Jin Suh den anderen Chormitgliedern vor. Und sie waren nett. Ich fühlte mich sofort gut aufgenommen“, sagt Nicole Böhm.

„Nach der ersten Probe dachte ich, ich kann gar nicht singen.“

„Nach der ersten Probe dachte ich allerdings: Ich kann gar nicht singen“, erinnert sie sich heute. „Die probten grade für ein schwieriges Konzert, ich dachte, das schaffe ich nicht.“ Aber Nicole Böhm hielt durch. „Dass die Proben stressig sind, empfinden wir auch heute manchmal so, aber wenn wir ein Konzert singen, ist das oft ein Wow-Erlebnis“, sagt sie. „Dann sind wir alle stolz, dass wir das geschafft haben.“ Der Chor hat zurzeit 50 Mitglieder, davon 30 aus Haltern, die anderen aus Datteln. Traditionelle und moderne Kirchenlieder gehören zum Repertoire. Nicole Böhm geht immer wieder gern zur Probe. „Ich bin berufstätig, arbeite bis 18 Uhr. Wenn dann um 19 Uhr Probe ist, das ist schon manchmal stressig, aber wenn wir erst singen, fällt alles von mir ab“ sagt sie. „Das ist das Tolle: Singen befreit!“

Einige Chöre boomen, andere lösen sich auf: Welche Konzepte haben in Haltern Erfolg?

Die Mitgliederzahl der Chorgemeinschaft Lippramsdorf bleibt konstant. Gelegentlich stoßen auch neue Sängerinnen hinzu. © Ralf Pieper

„Singen macht einfach Spaß und Freude“, findet auch Martha Winkelkotte. Sie ist als Schriftführerin in der Chorgemeinschaft Lippramsdorf aktiv. „Wir sind ein reiner Frauenchor, und es gibt auch immer wieder mal Neumitglieder, die dazu stoßen“, so Martha Winkelkotte. Die Mitgliederzahl liegt zwischen 35 und 40 Sängerinnen im Alter zwischen 26 und 65 Jahren. Chorleiter ist Marko Weibels.

„Wir gestalten Gottesdienste mit, singen auf privaten Feiern und geben auch Konzerte“, sagt Martha Winkelkotte. Gemeinsame Ausflüge gehören ebenfalls zum Programm.

Auch beim Männergesangsverein Einigkeit Lavesum zeigt die Mitgliederstatistik leicht nach oben. „Zurzeit haben wir 35 Mitglieder, mit etwas Glück kommen im bald wieder zwei neue dazu“, sagt Schriftführer Dieter Abbing. „Wenn wir alle auf der Bühne stehen, hört sich das schon ziemlich gut an“. Die Altersstruktur: 45 bis 87 Jahre.

Alles eine Frage des Repertoires?

Abbing ist ein echter Fan des Männergesangs. „Ich mag die kräftigen Stimmen“, sagt er. „Ich habe auch schon im gemischten Gospelchor gesungen, aber das war nicht so ganz meins.“ Für den Zulauf sei sicher auch das moderne Repertoire mit verantwortlich, das Chorleiter Michael Drews aussucht. „Wir haben ein paar Lieder von Udo Jürgens im Programm, da sind schon Gänsehautmomente dabei“, findet er. Generelles Problem sei allerdings das Singen in Englisch, da die älteren Mitglieder die Sprache nicht beherrschen. „Das würde nicht gut klingen“, so Abbing.

„Modernes Repertoire muss nicht sein“, findet dagegen Ulla Rudolf, Vorstandsmitglied beim Kirchenchor Hullern. Die 32 Sängerinnen und Sänger setzen auf geistliche Chormusik auch in Latein. „Wir haben 12 Männerstimmen dabei, das ist eine gute Mischung“, findet sie. Der Kirchenchor wurde bereits 1905 gegründet und inzwischen mit der Palestrina Medaille und der Zelter-Plakette ausgezeichnet. Auch mit dem neuen Chorleiter Desar Suleymani bleibt er dem kirchlichen Liedgut treu, zu den Adventskonzerten stoßen auch mal Gastsänger dazu. Instrumentalisten oder Solisten unterstützen die Auftritte. „Wir bleiben bewusst bei unserem Repertoire, was natürlich auch moderne Chorliteratur umfasst, aber Ausflüge in Rock, Pop oder Gospel gibt es bei uns nicht“, so Ulla Rudolf.

Reinschnuppern ist überall erwünscht

Nachdem Nicole Böhm in den Chor der Erlöserkirche eingetreten war, kamen noch fünf weitere Neumitglieder hinzu. „Ich gehöre zu den Jüngsten“, sagt die 47-Jährige. „Auch wir haben viele ältere Mitglieder, aber einen Unterschied macht das eigentlich gar nicht. Alle sind jung geblieben, dazu trägt vielleicht auch das gemeinsame Singen bei.“ Neumitglieder, insbesondere Bässe und Tenöre sind auch hier herzlich willkommen. Seit 2018 ist Nicole Böhm Chorsprecherin. „Das klappt sehr gut, weil bei uns viele mithelfen und die Arbeit auf ganz viele Schultern verteilt wird“, sagt sie.

Wer schon mal darüber nachgedacht hat, gemeinsam in einem Chor zu singen, könnte ja den Jahresbeginn 2019 zum Anlass nehmen, diesen Entschluss jetzt in die Tat umzusetzen. Alle Chöre, nicht nur die genannten, bieten die Möglichkeit, einfach mal bei den Proben vorbeizukommen. „Ich habe den Entschluss bis heute nicht bereut“, sagt Nicole Böhm. „Im Gegenteil, ich bin froh, dass ich mich getraut habe.“

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