Emmy (18) ist aus Missouri nach Lavesum gezogen: „Ich mag das Country-Feeling hier“

mlzNeues Zuhause

Emmy aus den USA will deutschen Kindern Englisch beibringen. Sie entschied sich für ein Lehramtsstudium in Münster und zog dort in eine WG. Jetzt ist sie in Lavesum zuhause.

von Pia Stenner

Lavesum

, 17.02.2019, 04:58 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wenn Emerald Lemley nach Hause fährt, nimmt sie den 275er-Bus nach Lavesum, geht über einen schmalen Feldweg bis zu einem großen Einfamilienhaus, durchs Holztörchen in den Garten und dann die Kellertreppe hinunter. An der Wand hängen Haltern-Postkarten und eine Darts-Scheibe, Emeralds Küche ist eine umfunktionierte Theke. Der ehemalige Partykeller in Lavesum ist seit vergangenem Dezember das neue Zuhause für die 18-jährige Emerald Lemley aus den USA, die alle eigentlich nur Emmy nennen.

„Ich mag das Country-Feeling hier in Lavesum. Auch, wenn ich weiß: Die Leute sagen, hier sind die ganzen Bauern. Das ist mir egal.“ Emmy ist schon seit etwas mehr als einem halben Jahr in Deutschland, vorher wohnte sie in Münster. Dort fing sie mit Sprachkursen an, um sich für das Lehramtsstudium vorzubereiten. Schon als Emmy noch in ihrer Heimatstadt Springfield in Missouri zum College ging, wusste sie, dass sie Lehrerin werden wollte. Am liebsten, um dann in einem anderen Land Englisch zu unterrichten. In welchem Land, das wusste sie noch nicht so genau, „aber ich wollte weg aus den USA.“

Deutsch lernen ist schwieriger als gedacht

Emmys Deutschkenntnisse beschränkten sich am Anfang auf: „Hallo, ich bin Emmy und ich mag Katzen.“ Bei „Ich mag Hunde“ sei es dann schon schwierig geworden. Sie hatte in der Schule Spanisch gelernt, „das war recht einfach, dann dachte ich, das wird mit Deutsch genauso. Schön wär’s.“ Sie plant, im Oktober zum nächsten Wintersemester in Münster mit dem Englisch-Lehramtsstudium zu beginnen. Parallel startet dann ein Intensiv-Deutschkurs, sodass sie im Sommersemester 2020 mit dem Zweitfach Deutsch auf Lehramt anfangen möchte. Im Moment fällt es ihr noch schwer, lange Unterhaltungen zu verfolgen, deshalb erzählt sie das alles auf Englisch.

Mit der deutschen Sprache hatte sie bis vor etwa einem Jahr noch nichts zu tun. Dann traf sie Moritz Löbbert aus Lavesum, der gerade für ein Highschool-Jahr in Springfield lebte. Die beiden wurden gute Freunde. Emmy las viel über Deutschland und über den Lehramtsstudiengang in Münster. „Mir gefiel das Kursangebot an der Uni, und allgemein das Bildungsystem in Deutschland“, erklärt sie. „Und ich fand es sah lustig aus, mit den ganzen Fahrrädern dort - ich dachte erst, das sei ein Witz.“ Emmy entschloss sich, in Münster zu studieren und erzählte Moritz von ihren Plänen. Er fragte, ob sie denn wüsste, dass Münster nur eine halbe Stunde von seiner Heimatstadt entfernt ist. Emmy wusste es nicht, freute sich aber umso mehr.

Mehr als Hitler, Nazis, Bier und Autobahnen

Ihre Eltern hielten erst wenig von ihrem Plan, mit 18 Jahren für unbestimmte Zeit ganz alleine ins Ausland zu gehen. „Sie meinten, ich sei verrückt, ich würde nur weg wollen, aber hätte keine Ahnung, was genau ich überhaupt wollte.“ Emmy ist gläubige Christin. Sie habe viel gebetet in der Zeit. Dann, irgendwann war sie sich ganz sicher: „Ich mache das wirklich.“ Und dann habe auch ihre Mutter gemeint: „Okay, wenn du das wirklich möchtest, unterstütze ich dich damit.“ Bei vielen Freunden hingegen sei die erste Reaktion gewesen: „Warum ausgerechnet Deutschland? Das ist doch völlig willkürlich.“ Viele in Amerika würden mit Deutschland nur Hitler, Nazis und Bier verbinden. „Dann sage ich immer ‚Nein, es ist mehr als das‘ und dann kommt meistens: ‚Klar, die Autobahn.‘“

Im September 2018 zog Emmy zunächst nach Münster und wohnte dort in einer WG. „Mein Mitbewohner war auch nett, aber ein bisschen dreckig und seine Freundin hat mein ganzes Essen aufgegessen.“ Sie besuchte Moritz in Haltern, der gerade ein Campingwochenende mit seinen Freunden an der Lippe geplant hatte. Emmy kam mit und erlebte ihren ersten kleinen Kulturschock: „Wir kamen an und da waren lauter 16- und 17-Jährige schon um ein Uhr nachts betrunken“, erinnert sie sich. Doch diese 16- und 17-Jährigen wurden ihre neuen Freunde, und Emmy verbrachte fast jedes Wochenende in Haltern. „Das war dann schon blöd, nach Partys um vier Uhr nachts noch irgendwie zurück nach Münster fahren zu müssen.“ Ihr war klar, dass sie nach Haltern ziehen wollte. Doch die Mieten waren fast überall zu teuer. Dann sagte eine Freundin von Moritz‘ Mutter, sie nutze ihren Partykeller sowieso nicht. Und Emmy konnte dort einziehen.

Emmy (18) ist aus Missouri nach Lavesum gezogen: „Ich mag das Country-Feeling hier“

Auch das vergangene Silvester verbrachte Emmy mit Moritz und ihren anderen Freunden aus Haltern. © Emerald Lemley

Jetzt, zwei Monate später, sitzt sie in dem Lavesumer Souterrainkeller vor ihrem Laptop. Von hier aus macht sie Online-Kurse in Deutsch, schaut sich deutsche Kinderfilme an, schreibt an ihrem Blog und verfolgt sonntags im Livestream den Gottesdienst in ihrer Heimatgemeinde. Nachmittags geht sie bei schönem Wetter raus in die Natur spazieren, fotografiert oder trifft sich mit ihren neuen Freunden. Am Wochenende arbeitet sie als Barkeeperin in einer Halterner Shishabar. Sie fühlt sich wohl hier.

„Was ich an Lavesum mag: Keine Gewalt, keine Waffen.“

„Lavesum erinnert mich an mein Zuhause in Springfield. Da habe ich mit meiner Familie auf einer Farm gelebt, mitten auf dem Land, mit Hühnern, Hunden und Pferden.“ Dennoch gebe es einen entscheidenden Unterschied zu ihrer Heimatstadt: „In der Zeit, in der ich jetzt hier bin, sind schon vier Leute, die ich kannte, in Springfield gestorben. Wegen der Kriminalität.“ Springfield sei eine der kriminellsten Städte in den USA; Sex- und Drogenhandel seien Alltag in der 170.000-Einwohner-Stadt. „Weil jeder Waffen haben kann, ist dort ständig Gewalt“, sagt Emmy. „Das ist das, was ich an Lavesum mag: Keine Gewalt, keine Waffen.“ Wie lange sie noch in Lavesum bleiben wird, weiß sie nicht. „Auf jeden Fall eine Weile. Wenn das Studium in Münster anfängt, habe ich ja ein Semesterticket und kann gut von hier aus pendeln.“ Und ob sie ihre Familie nicht vermisst? „Klar vermisse ich Amerika und die Leute dort. Aber wenn ich jetzt wieder zurückgehen würde, dann würde ich auch Haltern und meine Freunde hier vermissen. Und im Moment vermisse ich lieber Amerika.“

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