Online-Shopping, Messenger-Dienste – Bankdaten und private Nachrichten sind schnell ausgetauscht. Und Unternehmen lesen mit. Dafür, so der Halterner Thorsten Borger, zahlen wir einen Preis.

Haltern

, 28.01.2019, 16:54 Uhr / Lesedauer: 4 min

Im Jahr 2017 wurden in 2893 Fällen Daten von Menschen in NRW ausgespäht, abgefangen und zur Datenhehlerei vorbereitet, heißt es im Lagebild Cybercrime des Landeskriminalamtes. Im selben Jahr haben Kriminelle etwa eine Sicherheitslücke in 1000 deutschen Online-Shops genutzt, um an Kundendaten zu gelangen, sagt das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI). Eine weitaus größere Gefahr könnten unterdessen aber die Internetnutzer selbst sein: indem sie online zu leichtfertig mit ihren Daten umgehen.

„Es ist leichter geworden, seine Daten preiszugeben“, sagt der Halterner Datenschutz-Experte Thorben Borger. Er berät Unternehmen und Privatpersonen in ganz Deutschland zu dem Thema. Eine Sparte, die laut Borger immer größer werde. „50 Prozent der Informationen bekommt man über eine Person auch ohne Hacken heraus“, sagt Borger. Etwa, was seine Urlaubsziele betreffe, seinen Beziehungsstatus oder seine Arbeitsstelle.

Kostenlose Messengerdienste laden stündlich Daten hoch

Hier eine App heruntergeladen, da ein Foto in die sozialen Netzwerke hochgeladen und das Internet weiß mehr über eine Person, als ihr vielleicht lieb und bewusst ist. So etwa bei Messengerdiensten. „Viele bekomme ich kostenlos. Aber im Hintergrund werden stündlich meine Kontakte mit dem Unternehmen synchronisiert“, sagt Borger.

Zur PErson

Thorben Borger

  • Thorben Borger hat sein Unternehmen Plexcon 2010 an der Lavesumer Straße 3b gegründet.
  • Plexcon bietet Firmen und Privatpersonen Dienstleistungen in den Bereichen EDV und Datenschutz an.
  • Als externer Datenschutz-Beauftragter berät Borger seit 2018 unter anderem Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser im Datenschutz-Bereich.

Ähnlich sei es bei Bonusprogrammen für unterschiedliche Supermärkte, Tankstellen oder Online-Shops. Für einen gewissen Betrag beim Einkauf bekommen Kunden Bonuspunkte. Und das Unternehmen im Tausch Informationen über die Produkte, die gekauft wurden. Ebenso, wann und wie bezahlt wurde. „Das Unternehmen kennt Ihren Hauttyp, wann Sie schwanger werden wollen, ob sie Herrensachen kaufen, ob sie Kinder haben und was für Autos sie fahren. Daraus wird dann ein 1:1-Marketing-Paket geschnürt“, sagt Borger.

Ein Beispiel für solch ein Marketing etwa ist die sogenannte Bannerwerbung, die Personen am Rand von Webseiten angezeigt wird. In einem Fall habe die Mutter eines Kunden ihrem Sohn ein Foto von ihrem neuen Auto geschickt. Kurz darauf, nachdem sich der Sohn mit einem Freund über das Auto unterhalten habe, sei diesem Freund Werbung für das Auto angezeigt worden. Das, sagt Borger, liege nicht daran, dass der Mann etwa abgehört worden sei, sondern daran, dass die Männer miteinander befreundet und verknüpft seien. Dass auf diese Weise Daten gesammelt werden, sei erwiesen, sagt Borger. Ähnliche Infos könnten auch aus dem E-Mail-Verkehr abgefangen werden.

Apps haben Zugriff auf unsere Daten, weil wir es ihnen erlauben. Zugriff auf das Telefonbuch, die Kamera und das Mikrofon. Vielen Nutzern, sagt Borger, sei das egal.

Darf einem das egal sein? „Die Frage ist, welche Daten gebe ich preis und was erwarte ich dafür?“, sagt Thorben Borger. In einem drastischen Fall etwa könne sich eine Firma aufgrund der erhaltenen Informationen über eine Person gegen dessen Bewerbung entscheiden. Unternehmen können Datensätze über Personen kaufen. Die Preisspanne: von einem Cent bis 15 Euro, sagt Borger. Auch Daten über die eigene Gesundheit könnten so explizit gekauft werden. Wie diese Daten gesammelt werden? „Etwa, wenn man im Messenger schreibt, dass es einem heute nicht so gut geht und man lieber zu Hause bleibt“, sagt Borger.

Die Verbraucherzentrale bietet Hilfe zum Thema Datenschutz an

„Für den Nutzer ist kaum nachvollziehbar, zu welchem Zweck dies geschieht und was mit den abgegriffenen Daten passiert“, warnt die Verbraucherzentrale NRW mit Blick auf die zahlreichen kostenlosen Apps. Um über dieses und andere Datenschutz-Bereiche aufzuklären, hat die Verbraucherzentrale ein Dossier auf ihrer Internetseite erstellt, in dem sich Verbraucher informieren können. Etwa zu Apps, Trojanern, die per E-Mail verschickt werden, Phishing-Mails oder wie im Dezember 2018 passiert, zu Sicherheitslücken bei Facebook:

„Alle wollen die neuesten Geräte, aber dazu kostenlose Apps“, sagt Borger. „Das bezahlt jeder mit seinen Daten.“

Seit Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sei der Schutz des Einzelnen gestärkt worden. „1:1-Marketing ist jetzt schwieriger“, sagt Borger. Ein Online-Shop etwa könne heute nicht einfach die Kundendaten weitergeben. Denn die Weitergabe müsse immer zweckgebunden sein. Wenn Kundendaten wie die Adresse also zur Lieferung der bestellten Ware an ein Subunternehmen weitergegeben werden müssten, sei das legitim.

Info

Europäischer Datenschutztag

  • Am 28. Januar 2006 hat der Europarat das „Übereinkommen 108“ zum Datenschutz vorgelegt
  • Anfang 2018 hatten 50 Staaten, darunter die 47 EU-Staaten, den Vertrag unterzeichnet
  • Es ist laut Europarat der einzige internationale Vertrag in diesem Bereich
  • Seit 2006 wird der 28. Januar in Europa als Datenschutztag und in anderen Teilen der Welt als „Privacy Day“ begangen
  • Regierungen, Parlamente und Datenschutzbehörden sensibilisieren an diesem Tag für Datenschutz und Privatsphäre

Nicht erlaubt sei es, Daten zu Werbezwecken an Dritte weiterzugeben, wenn dieser Zweck nicht vorher kommuniziert wurde, so Borger. Er übt aber auch Kritik am Verbraucher: „Die Krux dahinter ist, dass man mit der DSGVO von kleinen Unternehmen so viel Datenschutz verlangt, sie aufpassen müssen, dass mit den Daten nichts passiert. Und dann laden manche Personen zu Hause ein Bild ihres Neugeborenen bei Facebook hoch.“

Was kann man als Verbraucher tun, um seine Daten besser zu schützen? Thorben Borger rät hier zu Folgendem:

  • „Wenn Spieleapps kostenlos sind, muss man sich fragen, warum das so ist“, sagt Borger. Bei kostenlosen Apps sollte man also besondere Vorsicht walten lassen.
  • Im Zweifel rät Borger dazu, deutsche oder europäische Apps zu installieren. „Die unterliegen der DSGVO und sind rechtlich einfacher greifbar als Unternehmen, die in Amerika sitzen“, so Borger.
  • Passwörter, besonders einfache, sollten Nutzer überdenken. Hier rät Borger zu Passwort-Sätzen. Ein Web-Mail-Nutzer etwa könne den Satz „Meine Emails liegen bei web.de“ nutzen und jedes „i“ durch eine 8 oder jedes „a“ durch ein @ ersetzen. Zusätzlich erhöhten Großbuchstaben und Sonderzeichen wie eine Raute (#) die Passwort-Sicherheit.
  • Auf Seiten wie checkdeinpasswort.de können Nutzer überprüfen, wie schnell sich ihr Passwort knacken lässt. „Niemals das wirkliche Passwort eingeben“, rät Borger. Für Hacker sei es eine Sache von Sekunden, einfache Passwörter mittels automatischer Programme und einfachen Wörtern aus dem Duden zu knacken.
  • In öffentlichen W-Lan-Netzen rät Borger, etwa auf das Online-Banking zu verzichten. Denn dort habe der Betreiber einfaches Spiel, die Daten auszuspähen.
  • Beim Online-Shopping rät Thorben Borger, eher per Rechnung als per Lastschriftverfahren zu bestellen.

Neben der Verbraucherzentrale können sich Internetnutzer in Datenschutzfragen auch an das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) wenden. In dem Informationsportal „BSI für Bürger“ bietet das Bundesamt Informationen um alle Fragen zum Thema IT- und Internetsicherheit. Hier warnt das BSI vor aktuellen Sicherheitslücken im Netz. Außerdem können sich Nutzer in einen kostenlosen Newsletter zu aktuellen Sicherheitsthemen eintragen.

  • Die Stadt Haltern gibt personenbezogene Daten zu Werbezwecken und zum Adresshandel nach eigenen Angaben nur mit vorheriger ausdrücklicher Genehmigung weiter.
  • Durch die DSGVO haben Bürger auch die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzung der Verarbeitung ihrer Daten zu widersprechen, die Datenverarbeitung einschränken zu lassen oder die Löschung der eigenen Daten zu beantragen.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt