Gedenken an Pogromnacht: Bürgermeister Klimpel sieht AfD-Parolen als Nährboden für Gewalt

mlzGedenken an Reichspogromnacht

Hunderte Halterner hatten sich am Freitag auf dem Marktplatz versammelt, um an die Reichspogromnacht 1938 zu erinnern. Bürgermeister Klimpel kritisierte dabei die Politik der AfD scharf.

Haltern

, 08.11.2019, 20:13 Uhr / Lesedauer: 2 min

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es in Deutschland in vielen Städten zu Plünderungen, Brandschatzungen und Angriffen auf Menschen jüdischen Glaubens. Die Gewalt war vom nationalsozialistischen Regime gesteuert, allein zwischen dem 9. und 10. November wurden deutschlandweit 400 Juden ermordet.

Gedenken an Pogromnacht: Bürgermeister Klimpel sieht AfD-Parolen als Nährboden für Gewalt

Yannick Hofschneider und Anna Schulte vom Joseph-König-Gymnasium zitierten einen Text der Jüdin Gerty Spies. © Benjamin Glöckner

Bürgermeister Bodo Klimpel bedankte sich in seiner Rede bei den Mitgliedern des Forums für Demokratie, Respekt und Vielfalt, die die Kundgebung organisiert hatten. Er betonte, wie wichtig es sei, dass die Halterner mit ihrer Anwesenheit ein nachdrückliches Zeichen gegen die immer deutlicher werdenden undemokratischen und rassistischen Tendenzen setzten.

„Demokratie war und ist eine gefährdete Staatsform“

Rechtsstaat und Demokratie seien keine Errungenschaften, die einmal erworben würden und dann selbstverständlich seien. „Die rechtstaatliche Demokratie war und ist eine gefährdete Staatsform.“ Klimpel wies auf die Verrohung der Sprache in den letzten Jahren der Weimarer Republik hin, die damals zu einer Verrohung der Sitten geführt habe. Das habe Parallelen zu heutigen Schlagwörtern wie „Lügenpresse“ oder offenen Morddrohungen gegen Politiker. „Erst sind es Worte, dann folgen die Taten.“ Eine der Lehren aus der Vergangenheit sei, dass antisemitistischen und rassistischen Ressentiments kein Platz geboten werden dürfe.

„Erst sind es die Worte, dann die Taten“

Deshalb rief er die Anwesenden auf, sich stark zu machen für Toleranz, Respekt und Mitgefühl. Politikern der AfD-Partei warf er vor, mit ihren populistischen Parolen Taten wie die Ermordung des hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke und den Anschlag in Halle mit zwei Toten durch Rechtsextreme, den Boden bereitet zu haben. „Erst sind es Worte, dann folgen die Taten“, wiederholte Klimpel. Antisemitismus sei kein Phänomen von gestern, umso wichtiger sei es, dagegen mit aller Kraft anzukämpfen und nicht schweigend den Kopf wegzudrehen. „Bleiben Sie demokratisch. Bleiben Sie kämpferisch“, ermutigte Klimpel die Halterner.

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Gedenken an die Reichspogromnacht 1938

Das Halterner "Forum für Demokratie, Respekt und Vielfalt" hatte am Freitagabend (8. November) zu einer Gedenkveranstaltung auf den Marktplatz eingeladen. Viele Halterner nahmen daran teil.
08.11.2019
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Einige Hundert Menschen waren auf den Marktplatz gekommen.© Benjamin Glöckner
Yannick Hofschneider und Anna Schulte vom Joseph-König-Gymnasium© Benjamin Glöckner
Die Band "Plain Cooking" begleitete die Gedenkveranstaltung musikalisch.© Benjamin Glöckner
Schüler der Alexander-Lebenstein-Realschule trugen ein Gedicht von Ruth Klüger und einen Beitrag von Alexander Lebenstein vor.© Benjamin Glöckner
Bürgermeister Bodo Klimpel kritisierte mit deutlichen Worten die AFD.© Benjamin Glöckner
Gemeinsam wurde "We shall overcome" und "Hevenu shalom alechem" gesungen.© Benjamin Glöckner
Herbert Bludau-Hoffmann begrüßte die Teilnehmer.© Benjamin Glöckner
Sprach für die Halterner Kirchen vor dem Alten Rathaus: Pfarrerin Merle Vokkert von der Evangelischen Kirchengemeinde Haltern.© Benjamin Glöckner
Auch Halterner Vereine, Verbände und Organisationen nahmen an der Gedenkveranstaltung teil - hier die Brasilien Cooperative.© Benjamin Glöckner
Herbert Bludau-Hoffmann und Ute Erler vom Halterner "Forum für Demokratie, Respekt und Vielfalt" begrüßten die Teilnehmer.© Benjamin Glöckner
Einige Hundert Menschen waren auf den Marktplatz gekommen.© Benjamin Glöckner
Einige Hundert Menschen waren auf den Marktplatz gekommen.© Benjamin Glöckner
Einige Hundert Menschen waren auf den Marktplatz gekommen.© Benjamin Glöckner
Einige Hundert Menschen waren auf den Marktplatz gekommen.© Benjamin Glöckner
Einige Hundert Menschen waren auf den Marktplatz gekommen.© Benjamin Glöckner
Einige Hundert Menschen waren auf den Marktplatz gekommen.© Benjamin Glöckner

Beeindruckende Worte kamen von Schülern der Alexander-Lebenstein-Schule, die ein Gedicht von Ruth Klüger zitierten, „Der Kamin“. Das hatte die Jüdin als 13-Jährige im Konzentrationslager Auschwitz verfasst. Die Jugendlichen lasen zudem aus den Erinnerungen Alexander Lebensteins, ein Halterner Jude und Ehrenbürger der Stadt, der die Pogromnacht in Haltern erlebte. Schüler des Joseph-König-Gymnasiums berichteten eindrucksvoll von den Erlebnissen der Jüdin Gerty Spies angesichts Deportation und Verfolgung.

„Seid mutig und stark“

Als Vertreterin der Kirche sprach Pfarrerin Merle Vokkert. Es mache ihr Angst, zu sehen, wie sehr der Antisemitismus mittlerweile gesellschaftsfähig geworden sei. „Antisemitismus ist kein Problem der Juden, er geht uns alle an.“ Immer wieder begegne man Stereotypen, Menschen würden zu Sündenböcken gemacht. Dagegen müsse man aufstehen, Widerstand leisten. „Wachet, steht im Glauben, seid mutig und stark“, zitierte sie aus Paulus‘ Brief an die Korinther. Sich zusammenzufinden wie am Freitagabend, etwas zu tun und zu reden, helfe schon.

Anschließend fand ein Friedensgebet der Kirchen in der St.-Sixtus-Kirche statt. Die Halterner Band „Plain Cooking“ begleitete die Kundgebung mit leisen Tönen.

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