Gleichberechtigung im Job - wie sich Karolin Röhring in einer Männerdomäne durchsetzt

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Als Karolin Röhring eine Ausbildung zur Metallbauerin antrat, gab es Zweifel ob ihrer Eignung für diesen Beruf. Hier lesen Sie, wie ihre Geschichte ausgegangen ist.

Hamm-Bossendorf

, 08.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Karolin Röhring ein Praktikum im Metallbaubetrieb von Klaus Tiemann (51) antrat, war ihr Chef noch skeptisch. „Ich hatte Vorbehalte und die Sorge, dass es vielleicht mit den Jungs in der Werkstatt nicht klappt“, sagt der Metallbaumeister.

In kurzer Zeit aber waren all seine Bedenken hinweggefegt. Die junge Frau bewies nicht nur, dass ihr die handwerkliche Arbeit liegt. Ihre Anwesenheit habe sich auch positiv auf die Atmosphäre in der Werkstatt ausgewirkt. „Meine Einstellung hat sich komplett geändert“, blickt Klaus Tiemann auf die gemeinsame Zusammenarbeit zurück.

„Man darf sich von Rückschlägen nicht irritieren lassen.“
Karolin Röhring

Nach ihrem Praktikum absolvierte Karolin Röhring eine Ausbildung als Metallbauerin mit der Fachrichtung Konstruktionstechnik in der Hamm-Bossendorfer Kunstschmiede und Schlosserei. Zwei Mal konnte sie eine Verkürzung ihrer Lehrzeit beantragen. Aufgrund ihres sehr guten Abiturs und ihrer hervorragenden Noten in der Berufsschule in Datteln schloss Karolin Röhring ihre Ausbildung gerade in der Rekordzeit von eineinhalb Jahren ab, wieder mit sehr guten Ergebnissen. „Sie ist eine Überfliegerin“, lobt Klaus Tiemann.

Metallbaumeister Klaus Tiemann ist mit dem Ausbildungsverlauf von Karolin Röhring sehr zufrieden.

Metallbaumeister Klaus Tiemann ist mit dem Ausbildungsverlauf von Karolin Röhring sehr zufrieden. © Silvia Wiethoff

„Wir haben uns alle gut verstanden“, sagt Karolin Röhring über ihre Arbeit in der Hamm-Bossendorfer Werkstatt. Wenn sie bei ihren Aufgaben doch einmal an ihre körperlichen Grenzen stieß und beispielsweise ein Bauteil zu schwer war, packten die Kollegen mit an.

An der Tagesordnung ist es nach wie vor nicht, dass sich Frauen in typischen Männerberufen durchsetzen und umgekehrt. So werden in Handwerksbetrieben in Haltern am See nach Angaben der Handwerkskammer Münster aktuell 176 Auszubildende beschäftigt, nur 24 sind weiblich. In den eher von Männern dominierten Berufen werden nur fünf Frauen ausgebildet: Es sind in Haltern jeweils eine angehende Zimmerin, Tischlerin, Maler- und Lackiererin, Bäckerin und noch dazu gezählt Karolin Röhring als Metallbauerin.

Im Handwerk sind Frauen weiterhin unterrepräsentiert

Im Bereich der Handwerkskammer Münster (Münsterland und Emscher-Lippe-Region) werden 660 männliche und 20 weibliche Kfz-Mechatroniker ausgebildet. Bei den Elektronikern sind es 597 Männer und 7 Frauen, bei den Anlagenmechanikern für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik 474 Männer und eine Frau sowie bei den Metallbauern 301 Männer und fünf Frauen.

Unter anderem auch der Fachkräftemangel sorgt dafür, dass die Jagd nach geeignetem Nachwuchs forciert wird. Darum geht es zum Beispiel, wenn die Bundesregierung den Beruf des Altenpflegers attraktiver machen will. Darum geht es auch, wenn die Handwerkskammer Münster Ausbildungsberater beschäftigt oder junge Azubi-Botschafter in die Schulen schickt.

Karolin Röhring ist durch einen Umweg zur Ausbildung als Metallbauerin gekommen, war aber familiär bereits vorbelastet. Ihr Vater Karsten Röhring ist Mitinhaber der Haritz + Röhring GmbH in Haltern, die industriellen Schallschutz anbietet und dabei auch Metall verarbeitet.

„Nach meinem Abitur habe ich auf Anraten meiner Eltern ein betriebswirtschaftliches Studium aufgenommen“, berichtet die 23-Jährige. Schnell war ihr allerdings klar, dass dieser Berufszweig nicht der richtige für sie sein würde. Nach Praktika in einer Elektrofirma und bei einem Kälteanlagenbauer kam sie in die Schmiede Tiemann.

Initiative Klischeefrei fördert junge Menschen

Karolin Röhring hatte Glück. Sie konnte ihre Interessen überprüfen, ihr Potenzial testen und eine geeignete Ausbildung losgelöst von tradierten Rollenbildern finden, auf die sie weiter aufbauen will. Die Initiative Klischeefrei möchte neue Wege in die Berufs- und Studienwahl ermöglichen und unterstützt deshalb Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bei der Berufs- und Studienorientierung junger Menschen frei von Geschlechterklischees.

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Es handelt sich um eine Kooperation verschiedener Bundesministerien, aber auch verschiedener Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände sowie weiterer Institutionen, die junge Menschen bei ihrem Weg in den Beruf und in die gesellschaftliche Verantwortung ermutigen möchte, eingetretene Pfade zu verlassen und neue Perspektiven in den Blick zu nehmen.

Klischeefrei unterstützt unter anderem den sogenannten Girls´Day und Boys´Day. An dem Aktionstag lernen Jugendliche Berufe kennen, in denen ihr eigenes Geschlecht unterrepräsentiert ist.

Was ein Umdenken von uns allen erfordert, beschreibt Miguel Diaz, Leiter der Servicestelle von Klischeefrei, im Gespräch mit der Redaktion: Wenn ein Kind geboren wird und wir danach fragen, welches Geschlecht es habe, beginne bereits die Interaktion der Erwachsenen. „Es werden bestimmte Erwartungen und Anforderungen an die Kinder gestellt“, sagt Miguel Diaz.

Rollenbilder sind tief in unserer Kultur verankert

Und wenn wir von typischen Frauen- oder Männerberufen reden, die von mindestens 70 Prozent des jeweiligen Geschlechts bestimmt werden, impliziere das bereits, dass diese für ein Geschlecht besonders geeignet seien. Zwei Drittel aller Berufe würden noch heute einseitig von Männern, ein Viertel von Frauen besetzt. Frauen wählten eher helfende-assistierende Berufe, Männer die technisch-handwerklichen. „Die Geschlechterstereotype sind in unserer Kultur tief verankert und gehen durch alle Schichten“, erklärt Miguel Diaz. Nur kleinteilig seien die Schritte, die zur Überwindung dieser Rollenmuster führten. „Da müssen wir noch dicke Bretter bohren“, deutet der Fachmann aus der Klischeefrei-Zentrale an, und dass es bis zur tatsächlichen Chancengleichheit noch ein weiter Weg ist.

Karolin Röhring hat sich mit einem Lächeln, aber auch mit Sachverstand und Beharrlichkeit in ihrer Metallbauerwerkstatt durchgesetzt. Die Resonanz auf ihre Beschäftigung in einem Männerberuf sei überwiegend positiv gewesen, blickt sie zurück. Nur ab und zu sei sie auf Baustellen auf „Vertreter der alten Schule“ getroffen.

Karolin Röhring will jetzt studieren

„Gut, dass Sie etwas im Kopf haben, dass habe ich mir gedacht, aber dass Sie auch handwerklich etwas drauf haben, danach sehen Sie gar nicht aus“, habe beispielsweise jemand zu ihr gesagt. „Von solchen Rückschlägen darf man sich nicht beirren lassen“, rät sie allen jungen Frauen, die ebenfalls über den Einbruch in eine bisherige Männerdomäne nachdenken.

Im Oktober strebt Karolin Röhring ein Studium der Fachrichtung Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule Bochum an.

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