Haltern liegt im grünen Bereich: Nur gut sieben Prozent der Bürger sind überschuldet

mlzSchuldneratlas

In der Statistik steht Haltern bei der Zahl der überschuldeten Einwohner gut da. Hinter den Zahlen verbirgt sich aber noch eine andere Wirklichkeit.

Haltern

, 04.02.2019, 17:04 Uhr / Lesedauer: 2 min

Exakt 7,18 Prozent der Halterner Bevölkerung sind überschuldet. Damit gehört die Seestadt zu den zehn am wenigsten von Überschuldungen betroffenen Postleitzahlenregionen des Ruhrgebiets. Das geht aus dem neuen Schuldenatlas hervor, den die Bochumer Credtireform AG gerade veröffentlicht hat.

Jährlich ermittelt Creditreform die Zahlen für das gesamte Ruhrgebiet und vergleicht sie mit anderen Regionen Nordrhein-Westfalens und Deutschlands.

Erfasst werden alle Menschen, denen es dauerhaft nicht gelingt, mit den monatlichen Einnahmen die monatlichen Ausgaben zu decken. In Haltern sind das in 2018 insgesamt 2275 Personen gewesen, 2017 ware es noch 2299, die Quote sank gegen den Trend um 0,07 Prozent.

Aus dem Schuldneratlas geht hervor, dass ruhrgebietsweit die Quote um 0,86 Prozent gestiegen ist. 4166 Personen mehr fallen unter die Statistik als noch 2017, ingesamt sind es 482.711 Bürger des Ruhrgebiets.

„Pro Haushalt sind etwa zwei Personen betroffen“

Die Zahl von mehr als 2000 Betroffenen für Haltern müsse im Prinzip verdoppelt werden, sagt dazu Christian Overmann, Schuldnerberater des Diakonischen Werkes in Haltern. „Es sind durchschnittlich pro Haushalt jeweils zwei Personen betroffen“, so Overmann. Noch viel größer sei allerdings die Dunkelziffer der verschämten Armut. „Haltern hat nachweislich die größte Dunkelziffer im Kreis Recklinghausen. Hier ist der soziale Druck besonders groß, seinen Verbindlichkeiten weiter nachzukommen, auch wenn man sie eigenlich gar nicht mehr bedienen kann“, sagt Overmann. „Zahlreiche Personen begleichen Kredite in Höhe von vielen hundert Euro im Monat, aus Angst vor Inkassoproblemen, aber auch aus Furcht, das Gesicht zu verlieren, wenn die eigene Lage bekannt wird.“

Overmann rät deshalb dringend, in solchen Fällen die Hilfe der Beratung in Anspruch zu nehmen. „Schuldenerberatung muss raus aus der Schmuddelecke“, fordert er.

Der Kreis mit der niedrigsten Schuldnerquote im Ruhrgebiet ist nach dem Schuldneratlas der Ennepe-Ruhr-Kreis. Herne weist mit 18,06 Prozent die höchste Quote aus. Das Ruhrgebiet liegt 2,5 Prozentpunkte über dem NRW-Durchschnitt und 4,15 Prozent über dem deutschlandweiten Durchschnitt. Nur 40 von 191 Postleitzahlenbereichen liegen nach Creditreform im grünen Bereich, Haltern gehört dazu. Die niedrigsten Schuldnerquoten weisen bevorzugte Stadtteile der Großstädte auf, etwa Essen-Heisingen, Bochum-Stiepel oder Essen-Haarzopf.

Als häufigste Ursachen für Überschuldung nennt Creditreform Arbeitslosigkeit, Erkrankung, Sucht oder Unfall, Trennung und Scheidung, unwirtschaftliche Haushaltsführung und gescheiterte Selbstständigkeit. Seit 2012 steigt die Zahl der überschuldeten Personen im Ruhrgebiet kontinuierlich an.

Vor allem die Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren ist betroffen

Betroffen sind vor allem die Altersgruppen zwischen 30 und 49 Jahren, die Altersverschuldung steige aber besonders deutlich. „Große Teile der über 60-Jährigen gehen einer Erwerbstätigkeit im Rentenalter nach und arbeiten häufig im Rahmen atypischer Beschäftigungsverhältnisse“, so der Schuldneratlas. Die seit 2012 andauernde Boomphase der deutschen Wirtschaft habe ihren Höhepunkt überschritten, was in Zukunft zu einer Verschärfung der Situation führen könne.

„Das ist das eigentlich Bedenkliche“, sagt auch Christian Overmann. „Der Boom ist bei den Betroffenen nicht angekommen, die Zahlen haben sich in den letzten Jahren in Haltern kaum verändert, im Gegenteil, prekäre Einkommensverhältnisse haben sich verfestigt. Der Aufschwung ist bei denen nicht angekommen, die ihn am dringendsten gebraucht hätten. Bei Abschwächung der Konjunktur dürfte sich ihre Lage weiter verschlechtern.

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