Das Grundschulpersonal in Haltern wurde bei einer Aktion in der Seestadthalle geimpft. © Daniel Winkelkotte

Halterner Ärztesprecherin: „Impfneid kommt häufig vor“

Seitdem sich Halterner Arztpraxen an den Corona-Impfungen beteiligen, werden immer mehr Impfdosen verabreicht. Es gebe viel Gesprächsbedarf, sagt Ärztesprecherin Dr. Astrid Keller.

Seitdem die niedergelassenen Ärzte bundesweit ins Impfgeschehen eingreifen, steigt die Anzahl der verabreichten Dosen mit jeder Woche. Zum Impfgeschehen in Haltern hat uns Ärztesprecherin Dr. Astrid Keller ein Interview gegeben.

Wie hat sich die Verteilung von Impfstoff seit dem Impfstart in den Halterner Praxen entwickelt? Am Anfang waren die Lieferungen überschaubar. Kommt jetzt mehr in Haltern an?

Seit knapp 6 Wochen wird geimpft. An der Immunisierung beteiligen sich alle Hausärzte, aber auch die Kinderärzte und Gynäkologinnen, die Hals-Nasen-Ohren-Ärztinnen und die chirurgischen und urologischen Kollegen.

Anfangs kam sehr wenig an. Auch momentan sind die Mengen an Biontech-Dosen weiterhin recht überschaubar. Da ab dem 10. Mai die ersten Zweitimpfungen mit Biontech anstehen, werden die Erstimpfungen für die restliche Maihälfte zunächst zurückgehen. Im Juni wurde uns mehr Impfstoff versprochen.

Der Impfstoff Astrazeneca steht ab nächste Woche in größerer Zahl zur Verfügung. Da die Priorisierung für diesen Impfstoff freigegeben ist, kann jetzt jeder ab 18 Jahren sich für diesen Impfstoff anmelden, bei unter 60-Jährigen empfiehlt die Ständige Impfkommission eine besondere Aufklärung, da ja in selten Fällen Nebenwirkungen aufgetreten sind.

Johnson und Johnson oder Moderna wurden uns bisher nicht zur Verfügung gestellt.

Dr. Astrid Keller, Sprecherin der Halterner Ärzteschaft. © privat © privat

Wie wird die Impfung in den Praxen vor Ort organisiert?

Die meisten Praxen haben feste Impftage, an denen größere Mengen geimpft werden. Insbesondere Biontech ist empfindlich und kann nicht „nebenbei“ hergestellt werden. Dafür werden zwischenzeitlich Sprechstundenzeiten gekürzt. In der letzten Woche hat unsere Praxis zum Beispiel ca. 150 Patienten geimpft.

Welche Probleme ergeben sich?

Es gibt viele Diskussionen über die Reihenfolge. In der jetzt eröffneten Priorisierungsgruppe 3 sind so viele Menschen berechtigt, sodass diese nicht alle gleichzeitig geimpft werden können. Manche Patienten über 60 lehnen die Impfung mit Astrazeneca ab, hier ist viel Gesprächsbedarf.

Es ist erstaunlich: Bis vor zwei Jahren haben sich Menschen für eine Reise in die Tropen oder nach Indien kritiklos Impfungen gegen Tollwut, Typhus, Hepatitis A und B, Cholera und Gelbfieber innerhalb kürzester Zeit verabreichen lassen. Dabei war es nie Thema, welche Art Impfstoff zum Einsatz kommt.

Ist bei den Patienten Impfneid zu spüren?

Impfneid kommt häufig vor, da es viele Gründe gibt, warum jemand impfberechtigt ist. Aber es gibt auch viele Menschen, die nur vorsichtig nachfragen, wann sie an der Reihe sind und Kranken und beruflich gefährdeten den Vortritt lassen.

Die Impfungen finden zusätzlich zum normalen Praxisbetrieb und eventuell auch zum Dienst im Impfzentrum statt. Wie lässt sich diese Aufgabe organisieren?

Sehr kurzfristig, nämlich jeden Donnerstag erfahren wir konkret welche Impfstoffmengen wir für die nächste Woche bekommen. Dann werden Patienten teils telefonisch informiert oder können Impftermine online buchen. Hierfür führen viele Praxen Wartelisten.

Die Arbeitsbelastung unserer Mitarbeiterinnen ist extrem hoch, Überstunden sind an der Tageordnung. Alles muss genau dokumentiert werden und tägliche Meldungen der Impfungen müssen erfolgen.

Die Politik ist häufig nicht gerade hilfreich. Wenn die Impftermine für den empfohlenen Impfabstand gerade organisiert worden sind, wird zum Beispiel jetzt eine Verkürzung des Abstands vonseiten der Politik gefordert, was wieder eine immense Mehrarbeit durch Umverlegen usw. bedeuten würde.

Alle Praxisteams tragen zurzeit bis an die Belastungsgrenze ihren großen Anteil an dem Fortschreiten der Impfkampagne. Die Beschleunigung durch die Arztpraxen vor Ort hat sich deutlich gezeigt. Aktuell machen sie ca. 50 Prozent der gesamten Impfmenge aus. Für unsere Mitarbeiterinnen, die tagtäglich die Frontarbeit leisten und natürlich die normale Patientenversorgung auch im Blick haben müssen, bitten wir um Geduld, Wertschätzung und Freundlichkeit.

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Silvia Wiethoff

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