Halterner Heimleiter kritisieren Pflege-TÜV: „Das eigentliche Problem wird nicht gelöst“

mlzPflege-TÜV

Der neue Pflege-TÜV für Pflegeheime bedeutet für die Halterner Einrichtungen eine große Herausforderung. Das eigentliche Problem, den Pflegenotstand, löst das Prüfsystem aber nicht.

Haltern

, 28.10.2019, 18:01 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit dem 1. Oktober gilt der neue Pflege-TÜV zur Qualität von Pflegeheimen. Künftig wird jede Einrichtung zur stationären Pflege nach einem neuen System geprüft. Das soll eine bessere Pflegequalität gewährleisten. Zudem soll Menschen die Suche nach einem guten Platz in einem Seniorenheim erleichtert werden. Wir haben nachgefragt, was konkret auf die Heimbewohner und -Mitarbeiter in der Seestadt zukommt. Und wie sich die Heime auf die Neuregelungen eingestellt haben.

„Es wird sich zeigen, ob das neue System hält, was es verspricht“

Peter Künstler, Leiter der beiden katholischen Altenwohnhäuser St. Sixtus und St. Anna, steht dem Pflege-TÜV grundsätzlich positiv gegenüber. Die alten Pflegenoten, die keine Qualitätsmängel erkennen ließen und Heimen bundesweit Traumnoten bescherten, seien nicht aussagekräftig gewesen. Allerdings fragt sich der Heimleiter auch, ob das neue System das halten kann, was es verspricht. „Das wird sich zeigen“, sagt Künstler.

Das neue System basiert neben externen Kontrollen auch auf internen Erhebungen des Pflegepersonals. Ab sofort müssen Pflegeheime alle sechs Monate interne Qualitätsdaten zu jedem einzelnen Bewohner erheben. „Es geht beispielsweise darum, wie mobil und selbstständig jeder einzelne ist, wie gesund er ist, ob er Druckgeschwüre oder Brüche hat oder Gewicht verliert“, erklärt der Heimleiter. Auch die Qualität der Versorgung steht im Fokus: Wie unterstützt das Personal in Bereichen wie Bewegen, Essen, Trinken, Körperpflege, Wundversorgung, Medikamentengabe und Schmerzbekämpfung die Bewohner? Der hierfür vorgesehene Erhebungsbogen (Indikatorenerhebung) ist neun Seiten lang. Rund 100 Fragen gilt es zu beantworten.

Fragebogen ausfüllen statt in der Pflege tätig zu sein

„Schon die bisher stets erforderliche und auch notwendige Dokumentation sämtlicher Tätigkeiten war sehr aufwendig. Diese Daten-Erhebung aber stellt einen deutlichen Mehraufwand dar“, betont Peter Künstler. Was das für den ganz konkreten Arbeitsalltag bedeutet, macht Pflegedienstleiterin Petra Foelske deutlich: „Bei im Schnitt rund 40 Bewohnern in einem Wohnbereich muss eine Pflegefachkraft drei bis vier Tage aus dem Tagesgeschäft herausgenommen werden, um alle Fragen zu beantworten.“ Und das gleich zweimal im Jahr. Die von der Bundesregierung angestoßene Neuerung gehe somit klar zulasten der Pflege, stellt auch die stellvertretende Pflegedienstleitung Ulrike Wielgosch fest.

Urlaubssperre wegen Personal-Engpässen erforderlich

Der Erhebungsbogen kommt in St. Anna und St. Sixtus bereits seit einem Jahr testweise zum Einsatz. „Wir haben uns vorbereitet“, sagt Peter Künstler. Auch ein neues EDV-System unterstützt die Arbeitsabläufe. Natürlich müsse der zeitliche Mehraufwand künftig in den Dienstplänen entsprechend berücksichtigt werden. Petra Foelske: „Im März und September, den Monaten, in denen wir die Daten erheben, wird es eine Urlaubssperre geben.“ Peter Künstler hätte sich vorstellen können, dass man im Rahmen des Pflege-TÜVs auch am Personalschlüssel gedreht hätte: „Für die nun entstehenden Ausfälle wäre personeller Ersatz nötig.“

Die Vergleichbarkeit einzelner Häuser wird schwierig

Die gesammelten Daten werden an eine unabhängige Stelle weitergeleitet und dort ausgewertet. Anschließend wird jedes Heim mit den bundesweiten Ergebnissen aller Einrichtungen verglichen. Heimleiter Peter Künstler ist skeptisch, inwiefern eine Vergleichbarkeit der Häuser überhaupt möglich sein wird: „Manche Häuser haben Bewohner mit hohe Pflegegraden, andere - wie beispielsweise im Moment unsere beiden Häuser - Bewohner mit relativ niedrigen. Wie will man denn da vergleichen?“, fragt er. Wenn beispielsweise viele Bewohner mobil seien, könnten theoretisch auch mehr von ihnen stürzen. „Das kann ich aber doch nicht vergleichen mit einem Haus, das niedrige Sturzraten aufweist, weil die meisten Bewohner bettlägerig sind“, gibt er zu bedenken.

MDK-Besuch auf zwei Tage ausgedehnt

Und dann ist noch ein weiterer Aspekt, der den Mitarbeitern Kopfschmerzen bereitet: Seit diesem Monat überprüft der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) die Versorgungsqualität der Heime nach den neuen Kriterien. Die MDK-Mitarbeiter kündigen ihren Besuch jetzt einen Tag vorher an, die alle 14 Monate stattfindende Prüfung aber wird wohl in den meisten Fällen auf zwei Tage ausgedehnt. „Auch hier wird wieder viel Personal gebunden“, sagt Petra Foelske. Der MDK nimmt stichprobenartig neun Bewohner genauestens unter die Lupe (ihr Einverständnis vorausgesetzt) und schaut, wie gut diese versorgt sind. Dem Gespräch mit dem Bewohner und der Pflegefachkraft soll große Bedeutung zukommen. „Wir hoffen, dass es Gespräche auf Augenhöhe sind“, meint Foelske. Die MDK-Prüfer untersuchen auch, ob die Daten, die vom Heim an die Datenauswertungsstelle übermittelt wurden, mit den tatsächlichen Beobachtungen vor Ort übereinstimmen.

„Zentrales Problem der Pflege wird mit dem TÜV nicht gelöst“

Zusammen mit der Qualitätsbeauftragten Christine Neuhaus ist das Leitungsteam in St. Sixtus und St. Anna grundsätzlich für eine Überprüfung von Pflegeheimen. „Es besteht die Möglichkeit, sich selbst zu verbessern“, meint Peter Künstler, der die erste Prüfung nach den neuen Kriterien im März 2020 erwartet. Das zentrale Problem in der Pflege werde mit dem Pflege-TÜV dennoch nicht gelöst, kritisiert der Heimleiter. „Arbeit ist zur Genüge da, aber der Mangel an Personal ist dramatisch.“

Umfrage

Das sagen die Leiter der weiteren Halterner Seniorenheime zum Pflege-TÜV

„Ich finde das richtig gut“, sagt Carmen Susanne Liese, Leiterin des Sythener Alloheims, mit Blick auf die Neuregelung der Pflegenoten. Diese würden zu Qualitätsverbesserungen führen. „Wir gehen künftig stärker ins Controlling.“ In der Sythener „Senioren-Residenz“ gibt es ebenfalls einen Qualitätsmanager, der für die Aufgaben freigestellt werden soll. Das EDV-gestützte Prüfsystem ist bereits installiert. „Am 13. November werden unsere gesammelten Daten zum ersten Mal gezogen“, erklärt Leiterin Liese. „Künftig steht der Bewohner im Fokus der Prüfungen - das ist das Allerwichtigste“, betont sie ausdrücklich. Und dem Heim sei eine verstärkte Selbstkontrolle auferlegt worden, zudem werde Transparenz gewährleistet.

Weniger Zeit für die Pflege

Einen größeren Arbeitsaufwand angesichts der Indikatoren-Erhebung befürchtet auch Martin von Berswordt-Wallrabe, Sprecher des Regionalverbands des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) in Herne, zu dem das Seniorenzentrum Kahrstege in Haltern gehört. „Dadurch haben die Pflegekräfte weniger Zeit für die Bewohner.“ In Haltern solle es mittelfristig einen Pflegeprozessmanager geben, der sich dann auch um den Pflege-TÜV kümmern werde, kündigte Berswordt-Wallrabe an. Dem neuen Prüfsystem steht er kritisch gegenüber. „Es wird aussagekräftiger werden für denjenigen, der sich einarbeiten kann“, meinte er. Die Interpretation der Daten erfordere ein gewisses Maß an Kompetenz. Im Seniorenzentrum liegen die Unterlagen zur Neuregelung bereits vor. „Auch die gesammelten Daten schicken wir schon testweise zur Auswertungsstelle.“ Der ASB-Sprecher macht ebenfalls auf den Pflegenotstand als eigentliches Problem aufmerksam. „Wir hätten gerne das Personal, das wir für eine gute Pflege brauchen.“

„Persönlicher Besuch hilft am meisten bei der Orientierung“

Einen „garantierten Mehraufwand“ prognostiziert der Leiter des Lambertusstifts in Lippramsdorf, Wilfried Kersting. Genaue Vorhersagen könne er noch nicht machen - der Fragenkatalog liege seinem Haus noch nicht vor. Auch ein EDV-System müsse noch angeschafft werden. Kersting hat keine großen Erwartungen an den Pflege-TÜV: „Wir bewerten unsere Bewohner ja jetzt auch schon“, sagt er. Die beste Orientierung bei der Suche nach einem guten Platz in einem Pflegeheim sei immer noch der persönliche Besuch, betont Kersting. „Nichts geht über den persönlichen Eindruck. Jeder sollte sich vor Ort selbst ein Bild von der Einrichtung machen.“
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