In Kreuzberg an der Ahr werden immer noch viele Menschen vermisst. © Stefan Hawig
Unwetterkatastrophe

Halterner helfen in Katastrophengebieten: „Das erinnert an Krieg“

Mehrere Halterner Bürger waren in den rheinland-pfälzischen Katastrophengebieten im Einsatz. Auf das, was sie dort erlebten, war keiner von ihnen vorbereitet.

Wenn die Leichenspürhunde der Bundeswehr nicht anschlugen, gab es einen gelben Kreis, wenn die Tiere Gewebe aufspürten, markierten es die Soldaten mit roter Farbe. „Man sieht ja Nachrichten, aber was wir gesehen haben, ist unvorstellbar. So ein Leid, so ein Durcheinander, das erinnert an Krieg“, erzählt Jonas Hermanns mit belegter Stimme.

Der Landmaschinen-Mechatroniker war Mittwochnacht aus dem rheinland-pfälzischen Kreuzberg an der Ahr nach Haltern zurückgekehrt. Die verstörenden Bilder, die sich in den zwei Tagen als freiwilliger Helfer in seinen Kopf brannten, wird der 24-jährige Halterner so schnell nicht vergessen können.

„Die Leute haben alles verloren, brechen weinend vor dir zusammen“, berichtet Jonas Hermanns. Kein Wasser, kein Strom – die Menschen kommen tagsüber, um nach Vermissten zu suchen oder Schlamm, Schutt und Bäume aus ihren Häusern zu kratzen. Wie ein privates Video von Jonas Hermanns zeigt: Nachts gleicht der Ort einer Geisterstadt, in der nur Aufräumfahrzeuge unterwegs sind.

Dass es für die Vermissten dort nicht immer ein glückliches Ende nimmt, hat der Halterner selbst auf schreckliche Art und Weise erfahren müssen. Insgesamt 15 Leichen seien an den Tagen seiner Hilfsaktion geborgen worden – bei zwei Bergungen war der 24-Jährige selbst beteiligt.

„Ich habe in den Tagen viel gesehen“, sagt Jonas Hermanns, merklich betroffen. Unverständnis äußert der Mitarbeiter vom Hof Natrop an der Flaesheimer Straße über die mangelnde Koordination von Hilfskräften vor Ort. Größtenteils würden die Aufräumarbeiten ausschließlich von Landwirten oder Bauunternehmern durchgeführt werden.

Das Ausmaß der Zerstörung ist kaum zu fassen. Die Helfer beten, keine Leichen unter den Trümmern zu finden. © Jonas Hermanns © Jonas Hermanns

„Von offizieller Seite war da gar nichts. Es konnte uns keiner sagen, was wir machen sollen. Man sucht sich seine Arbeit selber“, so Jonas Hermanns.

Ein Umstand, der auch von einem weiteren Halterner Helfer bestätigt wurde. Denn auch Landwirt Stefan Hawig war am Dienstag und Mittwoch in Kreuzberg.

„Die haben auch nur gebetet, keine Kinder zu finden“

Polizei und Feuerwehrleute vor Ort hätten nicht gewusst, welche Aufgaben sie den freiwilligen Helfern hätten geben können. Verständnis hat Stefan Hawig für die Einsatzkräfte aufgrund der Ausnahmesituation trotzdem.

Und über allem schwebte die ständige Sorge: „Wir und alle Einsatzkräfte haben gebetet, das man keine toten Erwachsenen und Kinder findet“, so der Landwirt über die Suche im öligen Schlamm.

Der ölige Schlamm klebt in den Häusern.
Der ölige Schlamm klebt in den Häusern. © Jonas Hermanns © Jonas Hermanns

An das Brennen im Mund erinnert er sich auch Tage später noch. Die Millionen von Liter ausgetretenen Heizöls lagen wie ein Teppich auf der Stadt – und wurden irgendwann zu dichtem Staub in der Luft. „Wir mussten ständig etwas trinken, sonst wäre das ätzende Brennen auf der Zunge nicht auszuhalten gewesen“, berichtet der 55-Jährige.

„Wir haben vorher versucht, uns seelisch darauf vorzubereiten, aber die Bilder von Zerstörung und die weinenden Menschen sind wirklich heftig“, sagt Stefan Hawig.

„So ein Leid, so ein Durcheinander, das erinnert an Krieg“, sagt Jonas Hermanns. © Stefan Hawig © Stefan Hawig

Nahrung und Kleidung sollten aktuell nicht gespendet werden

Zurzeit laufen die Arbeiten im rheinland-pfälzischen Katastrophengebiet weiter. Stefan Hawig betont, dass nur bestimmte Güter gespendet werden sollen. Für Nahrung und Kleidung gäbe es keinen Platz mehr, um diese zu lagern. Was fehle, seien Werkzeug und andere Gerätschaften zum Beseitigen von Schutt und Schlamm. „Da fährt sich ständig jemand den Reifen platt, es gibt wenig Schubkarren und Schaufeln brechen regelmäßig durch. Das ist es, was die Menschen dort zurzeit am meisten brauchen“, so der Halterner Landwirt.

Die Wassermassen haben riesige Schuttberge hinterlassen. © Stefan Hawig © Stefan Hawig

Halterner Gilde ebenfalls im Rettungseinsatz

Nicht nur die Landwirte halfen. Zwei Mitglieder der Halterner Schützengilde waren bereits am Wochenende mit anderen Helfern aus der Region nach Ahrweiler aufgebrochen. Auch sie berichteten von Kommunikationsschwierigkeiten vor Ort.

Auch in Ahrweiler hinterließ Tief „Bernd“ eine Schneise der Verwüstung. © Markus Frerick © Markus Frerick

„Es fahren sich Feuerwehrfahrzeuge fest, aber weil die Meldekette nicht funktioniert, kann man die Einsatzkräfte oft gar nicht unterstützen“, erzählt Markus Frerick, Polizeibeamter aus Haltern. Gemeinsam mit einem weiteren Freund aus der Kompanie, dem Laboranten Thomas Leweke, räumte der 36-Jährige in Ahrweiler die Straßen frei. Vielleicht fährt er am Wochenende wieder dorthin.

„Wenn man einmal da war, weiß man, was noch getan werden muss und will weiter helfen. Das treibt mich seitdem um und es kann sein, das wir am Wochenende noch mal hinfahren“, so Markus Frerick.

Folgende Hilfsgüter können noch bis zum Mittwoch (28. Juli) beim Landhof Hawig (Weseler Str. 645) abgegeben werden:

  • Stromaggregate
  • Schaufeln
  • Schubkarren
  • Taschenlampen
  • Besen
  • Eimer
  • Baustrahler
  • Batterien
  • Batteriebetriebene Radios
  • Schrubber
  • Gummistiefel in verschiedenen Größen
  • Arbeitshandschuhe
  • Feuchtputztücher
Über den Autor
Volontär
Ist passionierter und aktiver Sportler aus dem schönen Bergischen Land und seit 2011, ursprünglich wegen des Studiums, im Ruhrgebiet unterwegs. Liebt die Kommunikation mit Menschen im Allgemeinen und das Aufschreiben ihrer Geschichten im Speziellen.
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Janis Czymoch

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