Der ehemalige Bergmann Hermann Bergjürgen aus Haltern hilft mit, dass die Zechenkultur lebendig bleibt. Besucher des ehemaligen Trainingsbergwerks Recklinghausen erwarten Überraschungen.

Haltern

, 15.10.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Störrisch wie ein Esel setzt sich der Seitenkipplader, auf den ich gerade geklettert bin, in Bewegung. Immerhin gelingt es mir, die schwere Maschine überhaupt in Gang zu bringen, allerdings nicht immer in die gewünschte Richtung.

Wer das ehemalige Trainingsbergwerk der Ruhrkohle an der Wanner Straße in Recklinghausen besucht, darf sich nicht nur in der Welt unter Tage umschauen, sondern auch selbst Hand mit anlegen und sich wie ein richtiger Kumpel fühlen.

Bei meiner Tour auf den Spuren der Bergleute passen Hermann Bergjürgen (57) aus Haltern und Michael Mayer (59) aus Recklinghausen auf, dass ich mit dem Ladewagen nicht die ganze Strecke auseinander nehme. Mit einer Hand vor dem Notschalter beobachten die beiden Mitglieder des Vereins Freunde & Förderer des Trainingsbergwerks Recklinghausen meine Bemühungen, ein echter Kumpel zu sein.

Der Förderverein Trainingsbergwerk Recklinghausen hat um die 300 Mitglieder

Die Aktiven des rund 300 Mitglieder starken Vereins haben dafür gesorgt, dass das Trainingsbergwerk auch nach dem Aus für den deutschen Steinkohlebergbau Ende 2018 erhalten bleibt. Eigentlich sollte die Strecke in der Bergehalde der ehemaligen Zeche Recklinghausen II wie so viele andere mit Beton verfüllt werden.

Der Förderverein des Trainingsbergwerks setzte sich aber dafür ein, die Einrichtung weiterhin für Besucher zu öffnen. Zuvor waren hier über viele Jahre die Auszubildenden des Bergbaus auf ihren beruflichen Alltag vorbereitet worden. Zuletzt fanden an der Trainingsstätte Fortbildungen statt.

Im Zweiten Weltkrieg war hier in der Halde übrigens eine Wöchnerinnenstation untergebracht. So konnten die Frauen ihre Kinder wenigstens geschützt vor dem Bombenhagel zur Welt bringen.

Die Besucher können einen Pütt hautnah erleben

Ich bemerke bei meinem Ausflug, dass ich schon nach wenigen Schritten in der Grube in die typische Atmosphäre auf einem Pütt eintauche. Das liegt nicht nur an den dicken Arbeitsschuhen, dem weißen Fahrmantel und dem Helm, die mir vom Förderverein zur Verfügung gestellt werden und mich schützen.

Wie den Bergbaunachwuchs in vergangenen Tagen, so erwartet auch den heutigen Besucher eine authentische Grubendarstellung. Der Pütt befindet sich nur nicht in 1000 Meter Tiefe. „Wir befinden uns zwischen 15 und 18 Meter unter einer Überdeckung durch Haldenmaterial“, erklärt Michael Mayer.

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Lebendige Bergmannskultur - Wo das Hangende zu finden ist

Besucherbergwerke gibt es nach dem Ende der kohlefördernden Zechen in Deutschland einige. Im ehemaligen Trainingsbergwerk Recklinghausen dürfen Gäste auch schwere Maschinen in Bewegung setzen. Das ist einzigartig.
15.10.2020
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Begrüßung am Eingang© Silvia Wiethoff
Die Besucher werden mit Fahrmänteln ausgestattet, die Schmutz abhalten.© Silvia Wiethoff
Ein Beatmungsgerät muss der Besucher nicht mit auf die Strecke nehmen.© Silvia Wiethoff
Ehemalige Bergleute beim Putzen des Vortragsraums© Silvia Wiethoff
Im Besucherbergwerk Recklinghausen sieht es wie im richtige Pütt aus.© Silvia Wiethoff
Marco Graf (Fahrer) und Mario Schneider an einem Fahrzeug, das nicht typisch für die Arbeit unter Tage ist.© Silvia Wiethoff
Jeden Montag widmen sich die Ehrenamtlichen der Instandhaltung des Bergwerks.© Silvia Wiethoff
Die Arbeiten im Besucherbergwerk gehen nicht aus.© Silvia Wiethoff
So ähnlich sah es auf den richtigen Zechen auch aus.© Silvia Wiethoff
Relikt aus vergangener Zeit - eine Schleuse aus der Zeche Dorsten-Wulfen.© Silvia Wiethoff
Michael Mayer arbeitet beim Instandhaltungstrupp. Nur manchmal führt er auch Besucher durch das Bergwerk.© Silvia Wiethoff
In diese Dieselkatze dürfen Besucher einsteigen und fahren.© Silvia Wiethoff
Viele Geräte unter Tage werden mithilfe von Druckluft betrieben, wegen der Explosionsgefahr.© Silvia Wiethoff
Die Grubenwehr übt immer noch im Trainingsbergwerk, denn für die Schächte, in denen noch Pumpen stehen und noch Menschen unterwegs sind, wird sie im Ernstfall noch gebraucht. © Silvia Wiethoff
Auch diesen Seitenkipplader kann man beim Besuch eventuell steuern.© Michael Mayer
Gar nicht so einfach, in einer Diesekkatze zu klettern.© Michael Mayer
Ein Projekt der Zukunft: Bald sollen Besucher einen Förderwagen mit Bergmannsschnaps, Würsten und anderen Dingen befüllen und ihn über den Schacht nach oben ziehen.© Silvia Wiethoff
Stefan Güldner (34) ist jüngstes Mitglied im Förderverein. Er renoviert gerade eine alte Grubenlok.© Silvia Wiethoff

Daher herrscht im Recklinghäuser Schaubergwerk kein Gebirgsdruck. Außerdem gibt es weniger Probleme mit der Wasserhaltung und Belüftung der Strecke. „Für den echten Kumpel ist das hier nur ein Kinderspielplatz“, schmunzelt Michael Mayer.

Dennoch muss der junge Förderverein enorme Mittel für die Instandhaltung aufwenden, denn wegen anhaltender Feuchtigkeit muss beispielsweise ordentlich geheizt werden. Die Finanzierung ist auf verschiedene Füße gestellt. Dazu gehören die Einnahmen aus den Besuchereintritten und Events sowie die Vermietung von Räumlichkeiten.

Der Zusammenhalt unter den Bergleuten ist kein Klischee

Die Mitglieder des Fördervereins machen sich ehrenamtlich für das Besucherbergwerk stark. Wer wie ich ihrem Weg durch die Strecke folgt, dabei immer wieder den Kopf einziehen oder über Hindernisse am Boden klettern muss und von dem ratternden Maschinenpark beeindruckt ist, kann erahnen, warum die Kameradschaft der Kumpel mehr als ein Klischee ist. Trotz der modernen Technologie des deutschen Kohlebergbaus war das Team in der Grube wichtiger als der Einzelne.

Ehemaliges Trainingsbergwerk

Der Verein benötigt vor allem weitere Besucherführer

Beim Verein Freunde & Förderer des Trainingsbergwerks Recklinghausen kann man Schnupper-, Erlebnis- und Aktivführungen buchen. Kinder unter zehn Jahren können daran allerdings nicht teilnehmen. Der Verein würde sich über weitere Mitstreiter freuen. Gefragt sind nicht nur handwerklich begabte Mitglieder, die bei der Instandhaltung, Treffen jeweils montags an der Wanner Straße, mithelfen können. Aufgrund des großen Besucherinteresses, das wegen der Corona-Pandemie nicht lang anhaltend nachgelassen hat, werden noch Menschen gesucht, die Freude daran hätten, als Besucherführer mitzumachen. Alle Mitglieder des Vereins arbeiten ehrenamtlich.

Die einzigartige Arbeitswelt lebt bis heute in den Bergleuten fort. „Einmal Bergmann, immer Bergmann“, sagt Hermann Bergjürgen. Auf die kohlefördernden Zechen wurde der Deckel gelegt. Ohne Besucherbergwerke wie in Recklinghausen ginge schon bald auch die Kultur der Kumpel verloren.

Im Bergbau werden besondere Begriffe verwendet

Dazu gehört vor allem die Sprache auf dem Pütt, die beispielsweise das Hangende und Liegende (Gestein oberhalb und unterhalb der Lagerstätte) kennt und von Mächtigkeit spricht, wenn die Dicke einer Gesteinsschicht gemeint ist. Nirgendwo sonst war das Arschleder im Gebrauch, das Schutz vor dem Durchwetzen des Hosenbodens sowie gegen Bodennässe und Kälte beim Sitzen bietet.

Wenn sich die Mitglieder des Fördervereins in Recklinghausen treffen, sind die Zechenkultur und ihre Bedeutung für die neuere Geschichte lebendig. Die Aktiven haben einige Pläne, die über die Instandhaltung der Lehr-Zeche hinausgehen.

Zu den größten Herausforderungen gehört die Verbindung zwischen zwei Gleisstrecken, um einen Rundkurs mit einem Personenzug zu ermöglichen.

„Dann könnten auch Besucher mit eingeschränkter Mobilität an unseren Führungen teilnehmen“, begründet Michael Mayer dieses Ziel.

Der Verein hat noch viele Ziele

Draußen auf dem Gelände wird vom „Küken“ des Fördervereins, Stefan Güldner (34), eine alte Grubenlok überholt. Für mich als Besucherin sieht es noch unmöglich aus, dass die Einzelteile einmal wieder zusammenfinden werden. Der schwierigste Teil bei diesem Projekt sei, den Akku wieder ins Leben zu rufen, erläutert Michael Mayer. Aber die Männer sind optimistisch.

Ich habe im Erlebnisbergwerk Recklinghausen nicht nur Senkschaufellader (Druckluft betrieben), Seitenkipplader und Dieselkatze bewegt, sondern auch die erste Prise meines Lebens genommen. Außerdem habe ich gelernt, dass ich im Trainingspütt gefahren bin, obwohl wir doch zu Fuß unterwegs waren. Die Welt des Bergmanns ist und bleibt einzigartig.

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