Regionalität bleibt auf der Strecke, beklagen Philipp und Karl-Ernst Sebbel. © Jürgen Wolter
Beeren

Halterner Obstbauern wütend auf Einzelhandel: Immer mehr Importe im Handel

Die Halterner Obstbauern ärgern sich: Blaubeeren werden heute per Schiff 13 000 Kilometer aus Südamerika nach Deutschland transportiert. Regionalität und Klima-Aspekte bleiben so auf der Strecke.

Blaubeeren, Himbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren: Der Verbrauch an Beeren in Deutschland steigt und steigt. Beeren liegen im Trend. Der Verzehr ist gegenüber 2016 um über 40 Prozent angestiegen. Das hat sich herumgesprochen und neue Konkurrenz für heimische Obstbauern drängt auf den Markt.

„Blaubeeren können etwa sechs Wochen lang im Hochsommer geerntet werden“, sagt Karl Ernst Sebbel vom Halterner Obsthof zwischen Flaesheim und Hullern. Er verkauft im eigenen Hofladen, bietet Beeren zum Selberpflücken und beliefert auch den Einzelhandel bis ins Ruhrgebiet, etwa nach Dortmund.

Konkurrenz aus Osteuropa und Südamerika

Dort bekommen Karl Ernst und sein Sohn Philipp Sebbel aber zunehmend Konkurrenz von Heidelbeerbauern aus Osteuropa, vornehmlich aus Polen aber auch durch den Weltmarkt. „Oft wird als Herkunftsland Deutschland/Polen angegeben, die Beeren stammen aber ausschließlich aus Polen“, sagt Philipp Sebbel.

Dort betrügen die Mindestlöhne nur etwa ein Drittel der in Deutschland gezahlten Mindestlöhne, die Beeren kämen also entsprechend billiger auf den Markt, zu Preisen, mit denen ein deutscher Anbieter nicht konkurrieren könne.

Das bestätigt Agnes Wigger vom Obsthof in Coesfeld-Lette, die ihre Früchte auch im Stockwieser Hofladen verkauft. „Wir vermarkten zwar ausschließlich über Eigenvertrieb, aber gegen die Preise, die im Handel teilweise genommen werden, kommen wir nicht an“, sagt Wigger. „Unsere Beeren liegen um vier Euro höher im Kilopreis. Wenn wir weniger nehmen würden, könnten wir hier nicht wirtschaftlich produzieren und unsere Leute vernünftig bezahlen.“

„Das hat mit Nachhaltigkeit rein gar nichts zu tun“

Obstbauern in Osteuropa hätten in den letzten Jahren ihre Anbauflächen deutlich vergrößert und überschwemmten jetzt den deutschen Markt, sagt Philipp Sebbel.

Das sei aber nicht das einzige Problem, findet Fred Eickhorst, Vorsitzender und Vorstandssprecher der Vereinigung der Spargel- und Beerenbauer. Der Markt für Beerenfrüchte habe sich in Deutschland grundsätzlich verändert, sagt er.

Blaubeeren kommen heute zunehmend aus dem Ausland, zum Teil sogar aus Südamerika.
Blaubeeren kommen heute zunehmend aus dem Ausland, zum Teil sogar aus Südamerika. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

„Es sind nicht nur die Importe aus Osteuropa. Noch vor zehn Jahren wurden 80 Prozent der in Deutschland verkauften Blaubeeren auch in Deutschland erzeugt, heute sind es nur noch 15 Prozent. Der Einzelhandel lässt regionale Erzeuger nur in geringen Mengen verkaufen oder verlangt, dass sie die niedrigen Preise mithalten, was sie oft nicht können. Im Grunde geht es darum, die Preise zu drücken.“

Angeboten wird heute vornehmlich die große Kulturheidelbeere mit hellem Fruchtfleisch, die ursprünglich aus Amerika stammt. Blaubeeren, früher vor allem ein Saisonprodukt, werden heute aus Südamerika, beispielsweise Peru, oder aus Spanien importiert und sind das ganze Jahr verfügbar. „Die werden dann 13 000 Kilometer mit dem Schiff transportiert. Das hat mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz aber rein gar nichts zu tun“, so Eickhorst.

Die Regionalität bleibt auf der Strecke

Der Baubeerenkonsum habe sich dadurch in andere Jahreszeiten verlagert, zum Beispiel in die Spargelsaison. „Dann sind aber die heimischen Blaubeeren noch nicht auf dem Markt. Wenn sie dann da sind, sind sie weniger gefragt.“

Der Verbraucher sei an der Entwicklung auch nicht ganz unschuldig, so der Vorsitzende der Vereinigung. „Die Käufer könnten durch ihr Verhalten diese Entwicklung bremsen, wenn sie bewusster kaufen würden. Das gilt in ähnlicher Weise für viele Beerenfrüchte.“

Auch Karl Ernst und Philipp Sebbel ärgert das Schrumpfen der regionalen Märkte: „Es wird immer mit Regionalität geworben, mit kurzen Vertriebswegen, aber wenn es um wirtschaftliche Interessen geht, dann steht das alles wieder ganz hinten.“

Über den Autor
Redaktion Haltern
Studium der Germanistik, Publizistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum. Freie Autorentätigkeit für Buchverlage. Freier Journalist im nördlichen Ruhrgebiet für mehrere Zeitungshäuser. „Menschen und ihre Geschichten faszinieren mich nach wie vor. Sie aufzuschreiben und öffentlich zugänglich zu machen, ist und bleibt meine Leidenschaft.“
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Jürgen Wolter

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